Fläschen mit Corona-Impfstoff von BioNTech/Pfizer stehen in langen Reihen hintereinander | AP

Impfdosen für Deutschland Impfstofflieferungen auf Rekordniveau

Stand: 07.09.2021 13:06 Uhr

An Impfstoffen herrscht in Deutschland kein Mangel mehr - auch dann nicht, falls es bald zu massenhaften Auffrischungen und zu Impfungen kleinerer Kindern kommen sollte. Von dem Überschuss profitieren andere Länder.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Auch wenn die Impfbereitschaft vieler Menschen in Deutschland zuletzt nachgelassen hat - die Lieferungen der Impfstoffhersteller erreichen im laufenden Quartal ihren Höhepunkt: Gut 105 Millionen Dosen der vier hierzulande zugelassenen Hersteller werden bis Ende September erwartet. Das sind deutlich mehr als im zweiten Quartal; damals wurden 74 Millionen Dosen in den Impfzentren und Arztpraxen verteilt.

Bis Ende des Jahres planen BioNTech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca und Johnson & Johnson die Lieferung von insgesamt 313 Millionen Dosen allein an Deutschland. Das sind nur rund zehn Millionen weniger als die Bundesregierung im Januar geplant hatte. Allerdings rechneten die Planer damals auch noch mit Lieferungen des Tübinger Herstellers CureVac, dessen Impfstoff wegen geringer Wirksamkeit aber bisher nicht zugelassen wurde und daher auch nicht zum Einsatz kam.

Deutschland im europäischen Vergleich nur Mittelmaß

Ob die Lieferungen auch tatsächlich eintreffen, lässt sich aber noch nicht verbindlich sagen, sind doch die Prognosen oft mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Das zeigt das Beispiel des britisch-schwedischen Unternehmens AstraZeneca, das seine Zusagen wegen Produktionsausfällen wiederholt nach unten revidieren musste. Erst jüngst hat sich der Pharmakonzern mit der EU-Kommission darauf geeinigt, bis Ende des Jahres 135 Millionen Dosen zu liefern und im ersten Quartal kommenden Jahres noch einmal 65 Millionen.

Wo die Vakzine zum Einsatz kommen, ist unklar; wird doch der Impfstoff Vaxzevria von AstraZeneca nur noch wenig verabreicht. Wenn, dann bekommen ihn in erster Linie über 60-Jährige, von denen aber die allermeisten vollständig geimpft sind - in Deutschland 83 Prozent.

Bis zum 5. September hat Deutschland 114,2 Millionen Dosen Impfstoff erhalten, davon wurden 103 Millionen (90 Prozent) verabreicht, meist (mehr als 80 Millionen) von BioNTech/Pfizer. Damit sind 50,8 Millionen Menschen oder 61,1 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. In Spanien (72,3 Prozent), Portugal (76 Prozent), im Vereinigten Königreich (65,2 Prozent) und in Italien (63,5 Prozent) liegt die Impfquote noch höher. Auch Frankreich hat am vergangenen Wochenende den offiziellen Zahlen zufolge Deutschland überholt.

Nur 23 Prozent der Jugendlichen geimpft

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn fordert deshalb in den kommenden Wochen noch einmal eine "gemeinsame Kraftanstrengung" beim Impfen. "Dabei sind alle gefordert: Länder, Kommunen, Verbände, Unternehmen, Gewerkschaften, Vereine", sagte er jüngst dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". Der September sei der entscheidende Monat. Wer dann nicht geimpft sei, dem fehle der volle Schutz für die Herbst- und Wintermonate.

Tatsächlich empfehlen die meisten Gesundheitsexperten Impfquoten von mehr als 80 Prozent. Dabei gibt es für die 9,2 Millionen in Deutschland lebenden Kinder im Alter von null bis elf Jahren bisher noch gar keinen zugelassenen Impfstoff. Und von den 4,5 Millionen 12- bis 17-Jährigen sind (Stand 5. September) erst 23 Prozent geimpft. Das Robert Koch-Institut empfiehlt in dieser Gruppe eine Impfquote von über 70 Prozent, um sicher durch den Winter zu kommen.  

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, erwartet einen Impfstoff für Kinder unter zwölf Jahren erst zum Jahresende. Diese Gruppe werde voraussichtlich eine reduzierte Impfstoffdosis bekommen. Aktuell liefen verschiedene Studien von BioNTech und Moderna, zum Teil sogar mit Säuglingen.

Bringen die Booster-Impfungen neuen Schwung?

In den Bundesländern haben zudem Booster-Impfungen begonnen: zunächst in den Pflegeeinrichtungen und für besonders gefährdete Menschen, die schon zu Beginn des Jahres geimpft wurden und bei denen die Wirkung nachlässt. Außerdem können sich diejenigen noch einmal impfen lassen, die bislang ausschließlich Vektorimpfstoffe wie AstraZeneca bekommen haben.

Von diesen Auffrischungen erhoffen sich die Hersteller neuen Schwung. In den USA kommt es allerdings zu Verzögerungen. Der Immunologe und Berater von US-Präsident Joe Biden, Anthony Fauci, sagte am Sonntag dem Fernsehsender CBS, es sei möglich, dass bis zum angepeilten Starttermin am 20. September die Präparate von BioNTech/Pfizer und Moderna noch nicht für die Booster-Impfungen zugelassen seien. Fauci betonte aber, vermutlich könne man zu dem Zeitpunkt zumindest mit einem Präparat starten, und mit dem anderen Präparat dann ein paar Wochen später.

Im Weißen Haus besteht die Hoffnung, dass die Zulassung für eines der beiden Präparate bis zum 20. September vorliegt. Allerdings soll niemand eine Auffrischung mit einem Impfstoff bekommen, der nicht von der FDA zugelassen ist.

AstraZeneca-Dosen an Drittländer verschenkt

Auch in Deutschland erfolgen die Auffrischungen überwiegend mit den Impfstoffen von BioNTech und Moderna. Die bis Ende September erwarteten 19 Millionen Impfdosen von AstraZeneca werden also kaum gebraucht. Das Bundeskabinett hat deshalb beschlossen, die Lieferungen an Drittländer abzugeben. Am 21. August erreichten bereits 1,5 Millionen Impfstoffdosen die Ukraine. Insgesamt hat Deutschland schon 3,7 Millionen Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs an COVAX übergeben, kurz für Covid-19 Vaccines Global Access - einer Initiative, die einen weltweit gleichmäßigen und gerechten Zugang zu Covid-19-Impfstoffen gewährleisten will.

Bis Jahresende will Deutschland mindestens 30 Millionen Dosen Impfstoff an Schwellen- und Entwicklungsländer abgeben. In kleinerem Umfang gibt es auch bilaterale Hilfen. Zielländer hierfür sind neben der Ukraine Namibia und Staaten des westlichen Balkans. Für letztere sind demnach bis zu drei Millionen Dosen vorgesehen.

Dauerhafter Erfolg ist wichtig

Die EU plant, mindestens 200 Millionen Dosen Impfstoffe abzugeben. Die G7-Staaten wollen gemeinsam mindestens 870 Millionen Dosen bis Ende 2022 zur Verfügung stellen. COVAX hat zudem einen Vorvertrag mit dem US-Hersteller Novavax abgeschlossen, der eine Lieferung von 350 Millionen Dosen vorsieht. Novavax will im vierten Quartal auch in der EU eine Zulassung des Wirkstoffs beantragen.

Auch zahlreiche andere Pharmafirmen forschen derzeit an der Entwicklung neuer Covid-Impfstoffe. Für die bereits etablierten Hersteller, allen voran BioNTech, dürfte die Konkurrenz auf den Absatzmärkten also zunehmen. Zwar gehen Experten davon aus, dass die geplanten Booster-Impfungen dem Unternehmen zu neuem Auftrieb verhelfen; doch um dauerhaft erfolgreich zu sein, müsse es BioNTech gelingen, den Covid-19-Impfstoff auch dann noch zu verkaufen, wenn die Pandemie besiegt sei. Dies ist auch im Interesse der vielen Tausend deutschen Privatanleger, die die Aktie von BioNTech gekauft haben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. September 2021 um 06:50 Uhr.