Ein Bagger bei Aufräumarbeiten nach der Flutkatastrophe in Bad Münstereifel. | dpa

Handwerker- und Materialmangel Langwieriger Wiederaufbau nach der Flut

Stand: 04.08.2021 08:12 Uhr

Nach der Flutkatastrophe im Westen hat der Wiederaufbau längst begonnen. Allerdings wird er lange Zeit in Anspruch nehmen. Handwerker und Bauunternehmen sind oft ausgelastet - und das Material wird teurer.

Von Jens Eberl, WDR

Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat bei den dortigen Unternehmen laut einer Schätzung Sachschäden von mehr als einer halben Milliarde Euro angerichtet. Die Industrie- und Handelskammer und die Handwerkskammer Koblenz haben bei der geschätzten Schadenssumme von etwa 560 Millionen Euro vor allem Gebäude, aber auch Maschinen, Werkzeug und zerstörte Ware berücksichtigt. Bei der Deutschen Bahn und bei Straßen rechnet der Bund mit mindestens zwei Milliarden Euro Schäden.

Jens Eberl

Der Wiederaufbau wird viel Kraft, Zeit und Geld kosten. "Nach der Elbflut 2002 hat es etwa drei Jahre gedauert, bis die größten Schäden behoben waren, und fünf Jahre, bis die betroffenen Gebiete wieder ordentlich aussahen", sagt Reinhardt Quast, Präsident des Zentralverbands des Deutsches Baugewerbes.

Handwerker haben lange Wartelisten

Die Menschen werden Geduld brauchen. Schon vor der Flut war es schwer, einen Handwerker zu bekommen. NRW-Handwerkspräsident Andreas Ehlert wirbt um Nachsicht, dass sich die Wartezeiten verlängern. Vor allem nicht von der Flut betroffene Kunden müssten nun noch länger warten, da erst einmal Notlagen abgearbeitet werden. "Dafür muss jetzt jeder Verständnis haben, zumal auch viele Werkstätten und Garagen von Handwerksbetrieben geflutet wurden."

Über genaue Wartezeiten bei Handwerkerleistungen könnten zurzeit keine verbindlichen Aussagen gemacht werden. Hier komme es nicht nur auf die Auslastung der Betriebe, sondern vor allem auch auf die Verfügbarkeit von Baumaterialien an. "Der akute Zusatzbedarf in den Überflutungsgebieten hat die bereits seit Monaten vorhandene Knappheitsproblematik bei Holz, Metallen, Dicht- und Dämmaterial, Kunststoff- und Elektroteilen regional noch einmal zugespitzt", berichtet Ehlert. "Wir wissen allerdings von vielen Handwerksunternehmen, die sich in ihrer Auftragspriorisierung derzeit ganz stark auf flutgeschädigte Haus- und Grundbesitzer konzentrieren und solche Arbeiten wenn irgend möglich vorziehen."

Kraftakt von Politik und Wirtschaft notwendig

Um den Wiederaufbau zerstörter Häuser, Straßen und Brücken trotz hoch ausgelasteter Bauunternehmen und Materialengpässen zu stemmen, sei ein Kraftakt von Politik und Wirtschaft notwendig, so der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes. "Bauunternehmen und Handwerker können ihre Kapazitäten auf 120 bis 130 Prozent hochfahren", sagt Verbandspräsident Quast. Aufträge könnten umgeschichtet und Prioritäten auf Krisenregionen gelenkt werden. Ebenso müsse die Politik öffentliche Aufträge in anderen Bereichen zurückstellen und Behörden unbürokratisch helfen, indem sie etwa Duplikate von weggeschwemmten Bauunterlagen aushändigten.

Der Zentralverband Deutsches Baugewerbes rät Betroffenen, sich an Handwerker zu wenden, die in den Bauverbänden und Innungen organisiert sind und auf deren Qualität in der Bauausführung sie sich verlassen könnten. Je nach Schädigung der Gebäude könne es ein bis anderthalb Jahre dauern, überhaupt die Feuchtigkeit loszuwerden. Dann erst könne saniert werden.

Wenn die Gebäude noch feucht sind, führe eine verfrühte Sanierung zu Schimmelbefall. Hier sei also Vorsicht geboten, und die Menschen sollten Versprechen mit einer schnellen Sanierung misstrauisch gegenüberstehen. Der Verband rechnet durchschnittlich mit einer Preissteigerung von vier bis fünf Prozent.

Zunächst muss Grundversorgung gesichert werden

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Hans-Peter Wollseifer, berichtet, Handwerkerinnen und Handwerker im ganzen Land hätten sich auf den Weg in die betroffenen Regionen gemacht, um ihre Kolleginnen und Kollegen tatkräftig zu unterstützen. Auch er betont, dass nun flexible Lösungen auf kommunaler Ebene wichtig seien. "Bevor an Wiederaufbau gedacht werden kann, geht es gegenwärtig erst einmal darum, die Grundversorgung mit Wasser, Strom oder Gas in den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Regionen sicherzustellen und dort wieder Verkehrswege und Telekommunikation zu ermöglichen", so Wollseifer.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks erwartet durch die Flut auch eine starke Nachfrage. Allerdings würden auch Bauprojekte wegfallen, die für die nächsten Monate vereinbart waren, weil die Immobilien oder Grundstücke in den Überschwemmungsgebieten liegen. Wichtig sei es nun, dass weiter mit Hochdruck daran gearbeitet werde, die Liefer- und Produktionsengpässe für die betroffenen Materialien zu beseitigen. Andernfalls drohten erneute Preissprünge, die sowohl den Wiederaufbau in den Hochwassergebieten als auch die Baukonjunktur insgesamt gefährden könnten, so der Handwerksverband.

Preise für Baustoffe könnten steigen

Nun wird die Flut einen neuen Nachfrageschub bringen, um die Häuser wieder aufzubauen und einzurichten. Dadurch drohen noch größere Engpässe und weiter steigende Preise. Schon vor dem Hochwasser waren die Preise stark gestiegen. Zimmer- und Holzbauarbeiten waren laut Statistischem Bundesamt im Mai um 28,5 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Das lag vor allem an den gestiegenen Holzpreisen. Holz war schon vor der Flut Mangelware. Nachdem auf dem Holzmarkt zuletzt leichte Entspannung eingetreten war, dürfte die Flutkatastrophe das Problem nun wieder verschärfen.

Gute Nachrichten kommen zumindest von der Möbelindustrie. "Wir rechnen nicht mit Preissteigerungen bei Möbeln aufgrund des Einrichtungsbedarfs nach der Flutkatastrophe", sagt Jan Kurth, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Möbelindustrie. Allerdings sollten sich die Verbraucher beim Handel über die Lieferzeiten und spezielle Schnelllieferprogramme deutscher Möbelhersteller informieren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. Juli 2021 um 17:00 Uhr.