Fleisch und Würste auf einem Schwenkgrill | picture alliance / dpa Themendie

Analyse des WWF Ist Grillfleisch zu billig?

Stand: 18.06.2021 14:22 Uhr

Supermärkte locken zu Beginn der Grillsaison mit niedrigen Fleischpreisen. Eine Studie der Umweltorganisation WWF zeigt, dass Fleischersatzprodukte viel teurer sind. Das hat Folgen für die Umwelt.  

Um von der laufenden Grillsaison zu profitieren, locken Supermärkte die Kunden mit Spar- und Rabattangeboten auf Grillprodukte. Eine Analyse der Umweltschutzorganisation WWF zeigt jetzt, dass der Großteil des Grillfleisches in deutschen Supermärkten wesentlich billiger ist als Fleischersatzprodukte.

Der WWF untersuchte zwischen Ende April und Ende Mai 922 Grillfleisch-Angebote in den Werbeprospekten von acht deutschen Supermarktketten. Im Schnitt waren 85 Prozent des rabattierten Grillfleisches billiger als pflanzliche Alternativen. Außerdem werden Grillfleischprodukte demnach fast 30 Mal häufiger beworben als Fleischersatzprodukte.

Zudem kommen laut der Analyse nur die wenigsten Produkte aus höheren Haltungsformen. Nur zwei Prozent der Rabatt-Produkte wiesen Bioqualität auf, bei vielen war die Herkunft gar nicht ausgewiesen.

"Amazonas wird verramscht"

Tanja Dräger de Teran ist Ernährungsreferentin beim WWF. Sie kritisiert, dass die Massen an Billigfleisch zu Lasten der Umwelt gingen. Damit Fleisch so billig verkauft werden könne, müsse massenhaft Vieh gehalten und Futtermittel wie Soja etwa aus Südamerika importiert werden. Das heize das Klima an und zerstöre wertvolle Lebensräume: "Mit Billigfleisch wird der Amazonas verramscht." So würden etwa 96 Prozent der Soja-Anbaufläche für Tierfutter benötigt und nur vier Prozent für pflanzliche Lebensmittel.

Auch eine Studie des Umweltbundeamts (UBA) aus dem Jahr 2020 belegt die deutlich bessere Ökobilanz der Pflanzenprodukte. Im Vergleich zu Rindfleisch entstünden demnach bei der Herstellung von pflanzlichen Ersatzprodukten zum Teil weniger als ein Zehntel der Treibhausgase. Auch der Wasser- und Flächenverbrauch sei um ein Vielfaches geringer, da Pflanzen wie Weizen und Soja nicht erst als Tierfutter genutzt würden, sondern gewissermaßen direkt auf dem Teller landeten.

Die Massentierhaltung reduzieren

UBA-Präsident Dirk Messner forderte vor einigen Wochen in den Zeitungen der Funke Mediengruppe eine Halbierung des Fleischverbrauchs: "Wir müssen die Massentierhaltung reduzieren, damit die zu hohen Stickstoffeinträge sinken und Böden, Wasser, Biodiversität und menschliche Gesundheit weniger belastet werden." Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor zu viel Fleischkonsum.

Denn neben den Umweltaspekten sprechen Fachleuten zufolge auch gesundheitliche Gründe dafür, den Fleischkonsum zu reduzieren. Für eine gesunde und nachhaltige Ernährung empfehlen Experten, nicht täglich Fleisch zu essen. Wöchentlich sollte ein Erwachsener nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst verspeisen. Das ist deutlich weniger, als hierzulande im Allgemeinen konsumiert wird.

Immer noch zu viel Fleischkonsum

Obwohl der Fleischkonsum in Deutschland tendenziell langsam zurückzugeht, lag er im Jahr 2020 immer noch bei etwas mehr als 57 Kilo pro Person. Im Jahr 2000 hatte der jährliche Verzehr bei über 61 Kilo gelegen. Allerdings ist das nach Angaben des WWF etwa das Doppelte des Verzehrs in den 1950er-Jahren.   

Messner hatte 2020 bereits festgestellt: "Solange der Preis der Lebensmittel aber nicht auch die Umweltschäden widerspiegelt, wird das billige Nackensteak noch länger den Vorzug vor einem Sojaschnitzel bekommen."

Hohe Entwicklungskosten für Fleischersatz

Für die Preisunterschiede gibt es Gründe: Antje Risius forscht an der Universität Göttingen zu nachhaltigen Ernährungsstilen. Sie erklärt die markanten Preisunterschiede dadurch, dass Fleisch ein am Markt etabliertes Produkt, Ersatzprodukte aber noch "Newcomer" seien. "Der Fleischmarkt hat einen unglaublichen Wettbewerbsvorteil, weil da die Strukturen schon etabliert sind. Da kann auf ganz anderem Niveau produziert werden, effizient und strukturell zu sehr günstigen Preisen."

Weil sie zumeist noch in der Entwicklungsphase steckten, hätten Ersatzprodukte noch relativ hohe Investitionskosten. Zudem seien sie häufig sehr stark verarbeitet - und die vielen zwischengeschalteten Verarbeitungsschritte seien ebenfalls teuer, sagt Risius.

Billigfleisch und die soziale Frage

Der WWF mahnt an, das Preisungleichgewicht zwischen Fleisch- und Fleischersatzprodukten führe dazu, dass viele Menschen aus Kostengründen auf Fleisch zurückgriffen. Nachhaltige Ernährung dürfe aber keine soziale Frage bleiben, fordert Dräger de Teran. "Wir müssen dahin kommen, dass die einfache Wahl die gute, gesunde und nachhaltige Wahl ist. Und davon sind wir noch weit entfernt."

Almut Jering vom UBA hat aber beobachtet, dass ein wachsendes Angebot von Fleisch- und Milchersatzprodukten in den Supermärkten trotz des oft höheren Preises bei immer mehr Menschen auf Interesse stoße. Zuletzt habe die Zahl der Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernährten, deutlich zugenommen. "Ich glaube, dass da ein gewisser gesellschaftlicher Fortschritt im Gange ist."

Der WWF sieht derweil Politik und Wirtschaft stärker in der Pflicht. Von der nächsten Bundesregierung fordert die Organisation eine an Nachhaltigkeitskriterien orientierte Lenkungssteuer auf tierische Lebensmittel, die Produkte aus ökologischer Landwirtschaft weniger belastet. Vom Handel brauche es einen Wandel in der Preispolitik: So sollten beispielsweise keine Rabatte mehr auf Fleisch- und Wurstwaren ausgegeben werden, außer kurz vor Ablauf des Verbrauchsdatums.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 18. Juni 2021 um 05:23 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

Avatar
Moderation 18.06.2021 • 21:50 Uhr

Schließung der Kommentarfunktion

Sehr geehrte User, die Meldung wurde bereits sehr stark diskutiert. Entscheidende neue Aspekte, die einer konstruktiven Diskussion förderlich wären, sind nicht mehr hinzugekommen. Deshalb haben wir beschlossen, die Kommentarfunktion zu schließen. Die Moderation