Eine Frisörin färbt einer Kundin die Haare | picture alliance / ROBIN UTRECHT

Viele Geringverdiener Schlecht bezahlt trotz Vollzeitjob

Stand: 06.01.2022 08:23 Uhr

Fast ein Fünftel aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland sind Geringverdiener. Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt, in welchen Regionen und Branchen der Anteil am höchsten ist.

Vollzeit arbeiten und trotzdem nur einen schmalen Lohn kassieren - für 18,7 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland ist das Realität. Das geht aus einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor, die sich auf Entgelt-Daten der Bundesagentur für Arbeit für das Jahr 2020 stützt.

Weniger als 2284 Euro brutto

Als Geringverdiener sind in dieser Studie Vollzeitbeschäftigte definiert, die mit einem Bruttoarbeitsentgelt unter 2284 Euro im Monat über die Runden kommen müssen. Sie verdienen also weniger als zwei Drittel des mittleren monatlichen Bruttoarbeitsentgelts aller sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten.

Dabei gibt es bestimmte Bevölkerungsgruppen, die überdurchschnittlich häufig mit kargen Löhnen auskommen müssen: Dazu zählen Frauen, junge Vollzeitbeschäftigte, solche mit ausländischer Staatsangehörigkeit und Personen ohne Berufsabschluss. Nach wie vor ist außerdem der Anteil der Geringverdiener in Ostdeutschland deutlich höher als im Westen.

Spürbare Verbesserung

Doch es gibt auch Fortschritte zu verzeichnen. Waren 2011 noch 21,1 aller Vollzeitbeschäftigen Geringverdiener, fielen 2020 nur noch 18,7 Prozent in diese Kategorie. "In den letzten Jahren ist es gelungen, den unteren Entgeltbereich zurückzudrängen", beschrieb Helge Emmler, einer der Verfasser der Studie, den Trend. Dies gelte insbesondere für Ostdeutschland.

Die Studie zeigt große Einkommensunterschiede nach Geschlecht: Bundesweit mussten 25,4 Prozent der Frauen trotz Vollzeitarbeit mit einem niedrigen Monatseinkommen auskommen, aber nur 15,4 Prozent der Männer.

Auch die Ausbildung spielt eine große Rolle: Der Anteil der Geringverdienenden lag bei Vollzeitbeschäftigten ohne Berufsabschluss bei 40,8 Prozent, bei Beschäftigten mit beruflichem Abschluss bei 17,8 Prozent und bei Personen mit Hochschulzertifikat bei lediglich 4,9 Prozent.

Der Osten ragt negativ heraus

Große Einkommensunterschiede zeigten sich auch nach Region: So sind in Städten und Ballungsräumen, in denen große Arbeitgeber aus der Industrie, dem Finanz- und Wissensbereich oder der Verwaltung eine wichtige Rolle spielen, meist nur niedrige Quoten von Geringverdienern zu finden.

In der Statistik mit den höchsten Quoten von Geringverdienern sind derweil ausschließlich Städte und Landkreise in Ostdeutschland zu finden: In Görlitz, dem Saale-Orla-Kreis und dem Erzgebirgskreis arbeiteten 2020 mehr als 40 Prozent der Vollzeitbeschäftigten im unteren Entgeltbereich. Im niedersächsischen Wolfsburg waren es dagegen gerade einmal 6,4 Prozent, im bayerischen Erlangen 8,3 Prozent.

Gastgewerbe und Leiharbeit stark betroffen

Zwischen den Branchen gab es ebenfalls gewaltige Unterschiede. Im Gastgewerbe (68,9 Prozent), in der Leiharbeit (67,9) und der Land- und Forstwirtschaft (52,7) fielen mehr als die Hälfte der Vollzeitkräfte in die Kategorie Geringverdiener. In der Metall- und Elektroindustrie waren es dagegen nur 7,6 Prozent, in der Finanz- und Versicherungsbranche 4,2 Prozent und im öffentlichen Dienst sogar nur 2,5 Prozent der Vollzeitbeschäftigten.

Über dieses Thema berichteten am 06. Januar 2022 Inforadio um 06:36 Uhr und MDR aktuell um 09:00 Uhr in den Nachrichten.

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Moderation 06.01.2022 • 20:55 Uhr

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