Das Logo von Gazprom auf einem Dach. | AFP

Gas aus Russland Putin verspricht - liefert Gazprom?

Stand: 08.11.2021 13:04 Uhr

Im Oktober kletterten die Energiepreise für Haushalte erneut auf einen Rekordstand. Gaskunden hoffen auf einen positiven Effekt zusätzlicher Lieferungen aus Russland. Doch die lassen offenbar noch auf sich warten.

Die Gaskunden in Europa hoffen nach Monaten der Energiekrise von dieser Woche an auf zusätzliche Energielieferungen aus Russland. Vor knapp zwei Wochen hatte Russlands Präsident Wladimir Putin unter dem Druck steigender Preise und schlecht gefüllter Speicher den staatlichen Gasriesen Gazprom angewiesen, die Reserven in Deutschland und Österreich aufzufüllen. Zuerst sollten noch die heimischen Vorräte aufgefüllt werden. Doch nun soll Gazprom der Ankündigung zufolge auch die Ventile für Europa weiter aufdrehen.

Kurz vor dem Start bekräftigte ein Sprecher Putins jetzt, der Plan stehe, Gazprom liefere nach dem 8. November noch mehr als die vereinbarten Pflichtmengen. Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft hatte die Ankündigung Moskaus begrüßt. Ende Oktober waren laut Verband die von Gazprom belieferten Anlagen in Deutschland nur zu 21 Prozent gefüllt - unterdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Gasspeichern.

Rekordpreise nicht im Interesse Russlands?

Deshalb wurde Russland vorgeworfen, das Land treibe durch das Zurückhalten von Gas die Preise in die Höhe. Als Russlands wichtigste Frau im Gasexport wies Jelena Burmistrowa, Chefin von Gazprom-Export, eine Verantwortung für die Energiekrise wiederholt zurück. Wer "solche Spekulationen über böswillige Handlungen Gazproms" aufstelle, sei weit weg von der Realität, hatte Burmistrowa gesagt.

Russland wies immer wieder darauf hin, dass es eine weltweite Gaskrise gebe. Die Gründe lägen im Wiederhochfahren der Wirtschaft nach den Einschränkungen durch die Pandemie. Es gebe vor allem in Asien einen Energiehunger. Nicht zuletzt hätten die USA zusätzliches Flüssiggas lieber dorthin und nicht nach Europa geliefert, so Burmistrowa.

Die Gazprom-Vizechefin erklärte außerdem, dass Russland kein Interesse an extrem hohen Gaspreisen habe. Die "Rekordpreise" könnten den Übergang zu erneuerbaren Energien in der EU beschleunigen. Das auf Petrodollars angewiesene Riesenreich will aber noch lange in Europa mit fossilen Brennstoffen Geld für seinen Staatshaushalt verdienen.

Kein Starttermin für Nord Stream 2

Russland sah sich in Deutschland und in anderen EU-Staaten politischen Vorwürfen ausgesetzt, es halte Lieferungen knapp, um so eine rasche Inbetriebnahme der fertigen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 zu erwirken. Einen Starttermin gibt es wegen ausstehender Genehmigungen noch nicht. Der Kreml erklärte, Nord Stream 2 könne die Lage entspannen. Doch versprach die Regierung in Moskau zugleich, dass unabhängig davon alle vereinbarten Mengen geliefert würden.

Abnehmer im Westen bestätigen, dass Russland verlässlich liefere. Strittig ist aber, ob Russland wirklich alles tut, um zusätzliche Mengen zu liefern. Derweil betonen die Russen, sie hätten angesichts der Gaskrise schon bisher mehr geliefert als vereinbart. Allein der Export nach Deutschland sei in den ersten neuneinhalb Monaten um 30 Prozent gestiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, hieß es.

Branchenbeobachter sehen Europas Speicher aktuell noch mit rund 82 Milliarden Kubikmeter oder 76 Prozent aktivem Gas befüllt. Das seien etwa 15 Prozentpunkte weniger als das durchschnittliche Niveau der vergangenen fünf Jahre. Aber die Speicher von Gazprom in Deutschland und Österreich, das räumte Konzernchef Alexej Miller bei einem Gespräch mit Putin ein, hätten kaum noch Gas. Deshalb werde nun geliefert.

Deutschland ist in der EU der größte Gazprom-Kunde. Rund 46 Milliarden Kubikmeter Gas kaufte das Land 2020 von Russland, rund ein Drittel des gesamten Verbrauchs in der Bundesrepublik.

"Kein erkennbarer Anstieg der Lieferungen"

Medienberichten zufolge scheinen zusätzliche Lieferungen heute noch ausgeblieben zu sein. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert Marktbeobachter mit der Aussage, Russland habe bislang noch keine zusätzlichen Kapazitäten bei in Frage kommenden Pipelines gebucht.

Außerdem plane Gazprom in dieser Woche nicht, Gas auf dem europäischen Spotmarkt über die elektronische Handelsplattform anzubieten. Das gehe aus Unternehmensdaten hervor.

Auch die britische "Financial Times" (FT) berichtete, bislang sei kein erkennbarer Anstieg der Lieferungen festzustellen. Ferner habe Gazprom keine zusätzlichen Pipeline-Kapazitäten für diesen Monat gebucht. Zwar könne man auch auf täglichen Auktionen noch Kapazitäten buchen. Aber die FT zitiert Rohstoffhändler, wonach das Ausbleiben ein Zeichen dafür sei, dass die russischen Lieferungen nach West-Europa begrenzt bleiben könnten - selbst wenn der Winter komme.

Rekordpreise im Oktober

Bislang gibt es keine Entlastungen bei den Energiepreisen: Nach Berechnungen des Vergleichsportals Verivox mussten Deutschlands private Haushalte im Oktober so viel für Heizung, Strom und Sprit bezahlen wie noch nie. Laut Verivox lagen die Energiekosten für einen Drei-Personen-Musterhaushalt mit aufs ganze Jahr hochgerechneten Oktober-Preisen bei 4549 Euro und damit 35 Prozent höher als ein Jahr zuvor.

Vor allem Heizölkunden litten unter der aktuellen Entwicklung. So habe sich das Heizen mit Öl auf Jahressicht um 144 Prozent verteuert. Auch bei Gas sei mit 28 Prozent ein deutliches Preisplus zu verzeichnen.

Vor einigen Tagen hatte das Vergleichsportal Check24 berichtet, dass weitere Gasversorger in Deutschland ihre Preise erhöhen wollen. Seit August hätten mittlerweile 98 Gasgrundversorger ihre Preise erhöht oder Erhöhungen angekündigt. Vor gut sechs Wochen zählte das Portal erst 50. Verbraucherinnen und Verbraucher müssten diesen Winter mit einer Welle an Gaspreiserhöhungen rechnen, sagte Steffen Suttner von Check24.

Im Durchschnitt lag der Anstieg bei 17,3 Prozent. Betroffen seien bislang insgesamt rund 560.000 Haushalte. In Deutschland gibt es laut Statistischem Bundesamt rund 42,8 Millionen Wohnungen. Knapp die Hälfte aller Wohnungen wird mit Gas beheizt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 20. Oktober 2021 um 10:28 Uhr.