Eine Heizung wird aufgedreht. | dpa

Bundesnetzagentur besorgt Warnung vor "riesigen Preissprüngen"

Stand: 24.06.2022 11:00 Uhr

Die Gaspreise haben sich laut Bundesnetzagentur zuletzt teils versechsfacht. Noch sind die Mehrkosten nicht bei den Verbrauchern gelandet, doch die Behörde warnt. Kanzler Scholz will die Abhängigkeit von russischem Gas weiter verringern.

Durch die verringerten Liefermengen von russischem Gas könnten die Preise weiter steigen. Davor warnt die Bundesnetzagentur. "Schon jetzt werden die Gaspreissteigerungen des letzten Herbstes weitergegeben", sagte deren Präsident Klaus Müller im ARD-Morgenmagazin. "Das ist knapp plus 30, plus 50, teilweise plus 80 Prozent. Das ist die Vergangenheit aus dem Herbst."

Seitdem habe sich der Gaspreis Stand vergangene Woche vervierfacht und inzwischen sogar versechsfacht. Das seien "riesige Preissprünge", die zwar nicht alle eins zu eins an die Verbraucher weitergegeben würden. "Aber Verdoppeln bis Verdreifachen kann je nach Gebäudehülle durchaus drin sein", sagte Müller.

Der bange Blick auf den 11. Juli

Die Bundesnetzagentur hält es für möglich, dass Russland die Lieferung von Gas nach Deutschland durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 vollständig einstellt. "Wir können es nicht ausschließen", sagte Müller mit Blick auf die geplante Wartung der Pipeline am 11. Juli. Der mehrtägige Termin ist eigentlich jährliche Routine. Doch diesmal stellt sich die Frage, ob Russland den Gashahn nach zehn Tagen auch tatsächlich wieder aufdreht. Der russische Staatskonzern Gazprom hatte seine Gaslieferungen über die Nord Stream 1 in den vergangenen Tagen bereits stark gedrosselt.

Für den Fall eines Lieferstopps habe die Bundesnetzagentur verschiedene Szenarien berechnet. "Die meisten Szenarien sind nicht schön und bedeuten entweder zu wenig Gas am Ende des Winters oder aber schon - ganz schwierige Situation - im Herbst oder Winter", sagte Müller.

Scholz will schneller nach Alternativen suchen

Bundeskanzler Olaf Scholz kündigte angesichts sinkender russischer Gaslieferungen eine beschleunigte Suche nach alternativen Importmöglichkeiten an. "Wir sind alle gemeinsam sehr, sehr sorgfältig vorbereitet auf die schwierige Herausforderung, die sich mit den Import fossiler Ressourcen aus Russland verbindet", sagte er vor dem zweiten EU-Gipfeltag in Brüssel.

Man habe sich frühzeitig um Infrastruktur gekümmert, mit der Gas aus anderen Ländern importiert werden könne, sagte der SPD-Politiker in Anspielung auf geplante LNG-Terminals. Es seien "alle Aktivitäten" unternommen worden, um Energie aus anderen Ländern zu importieren. "Das ist eine Anstrengung, die nochmal beschleunigt werden muss. Da werden wir uns unterhaken."

Die wirtschaftliche Lage habe nicht nur mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine, sondern auch mit den Verwerfungen nach der Corona-Pandemie zu tun, betonte Scholz. Ziel sei es nun, dafür zu sorgen, "dass wir schnell klimaneutral wirtschaften können, dass wir die erneuerbaren Energien ausbauen, dass wir unsere wirtschaftliche Strukturen so entwickeln, dass wir schnell CO2-neutrale ökonomische Stabilität gewinnen", erklärte Scholz.

Zweite Stufe im Notfallplan Gas

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte am Donnerstag die zweite von drei Eskalationsstufen im Notfallplan Gas ausgerufen, die sogenannte Alarmstufe. Mit dieser soll Experten zufolge der Ernst der Lage verdeutlicht werden - mit dem Ziel, möglichst viel Energie freiwillig einzusparen. Die erste Stufe, die Frühwarnstufe, galt seit Ende März, also gut vier Wochen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, der die Energiepreise in die Höhe getrieben hat.

Habeck fürchtet Dominoeffekt

Habeck befürchtet angesichts der drohenden Gasnotlage einen Dominoeffekt hin zu einer schweren Rezession. "Das Risiko, dass Energieversorger möglicherweise in eine ökonomische Lage kommen, wo sie nicht mehr Geld am Markt aufnehmen können, um Gas einzukaufen" sei hoch, sagte Habeck in den tagesthemen.

Es müsse verhindert werden, "dass sie aus dem Markt rausfallen". Er befürchte "eine Art Lehman-Brothers-Effekt im Energiemarkt", der dann auch die Stadtwerke, die Wirtschafts- und Industrieunternehmen und die Verbraucher betreffe. "Und dann hat man einen Dominoeffekt, der zu einer schweren Rezession führen würde", sagte der Grünen-Politiker. Er werde dafür Sorge tragen, das zu verhindern.

Weitere Entlastungen laut Habeck nötig

Habeck stellte abermals in den tagesthemen klar, "dass Gas ist ein knappes Gut ist". Die bittere Nachricht sei, dass die Heizkostenerhöhungen in diesen Tagen kommen werden. Darin sieht Habeck "die eigentlich soziale Herausforderung", die zudem, "nicht abwendbar ist, unabhängig davon, wie hoch der Preis noch wird."

Für diejenigen, die durch diese Belastungen in Not und Elend getrieben werden, müssten Entlastungen geschaffen werden. Konkret wurde der Wirtschaftsminister allerdings nicht. Er habe zwar eigene Vorstellungen, doch die wolle er noch nicht präsentieren, um sie sich nicht "kaputtreden" zu lassen, sagte er.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband sieht hohe Kosten auf die Haushalte zukommen. "Wir brauchen ein drittes Entlastungspaket, insbesondere der Heizkostenzuschuss muss angehoben werden", sagte Thomas Engelke, Energieexperte bei der Verbraucherzentrale, im Bayerischen Rundfunk.

Schon jetzt hätten die Versorger die Tarife für die Verbraucher deutlich erhöht. Ein Drei-Personen-Haushalt mit einem durchschnittlichen Erdgasverbrauch von 20.000 Kilowattstunden müsse für dieses Jahr bereits mit Mehrkosten von 1000 bis 2000 Euro rechnen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 24. Juni 2022 um 08:10 Uhr.