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Heizen wird teurer Gaspreise bleiben auf Höhenflug

Stand: 20.09.2021 12:41 Uhr

Verbraucher sollten sich auf einen teureren Winter vorbereiten, denn die Gaspreise steigen seit Monaten. Experten warnen, dass der Preisanstieg die Inflation weiter antreiben und die Konjunktur abwürgen könnte.

Die Großhandelspreise für Erdgas klettern seit Monaten. Das wirkt sich immer stärker auf die Verbraucher aus, denn die regionalen Gasanbieter reagieren mit Preiserhöhungen. Nach Angaben des Vergleichsportals Verivox haben 32 von ihnen für September und Oktober Preiserhöhungen von durchschnittlich 12,6 Prozent angekündigt. Beim Beheizen eines Einfamilienhauses führe das zu Mehrkosten von 188 Euro im Jahr. Fast die Hälfte aller deutschen Haushalte heizen ihre Wohnung mit Gas.   

Noch im Frühjahr 2020 war Gas verhältnismäßig günstig, doch seit dem vergangenen Winter hat sich das geändert. Die Einfuhrpreise für Erdgas, die vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle ermittelt werden, sind allein von Januar bis Juli um 42 Prozent gestiegen. Für den Winter sollten die Verbraucher nach aktuellem Stand der Dinge eher nicht mit einer Entwarnung rechnen. "Wir erwarten in diesem Herbst eine größere Gaspreiswelle", sagt Verivox-Energieexperte Thorsten Storck.

Die Speicher sind vergleichsweise leer

Ein Grund für den Anstieg sei, dass sich nach dem Wiederanlaufen der Wirtschaft sich die weltweite Nachfrage wieder normalisiert habe, erläutert Fabian Huneke vom Beratungsunternehmen Energy Brainpool.

Hinzu kommt, dass die Gasspeicher in Europa nach dem vergleichsweise kalten Winter 2020/21 noch nicht wieder komplett aufgefüllt sind. In Deutschland sind sie aktuell zu weniger als zwei Drittel gefüllt, wie auf der Datenplattform der Betreiber zu sehen ist. Vor einem Jahr betrug der Füllstand gut 94 Prozent. Auch in den meisten Jahren zuvor waren die Speicher vor Beginn der Heizsaison deutlich besser gefüllt als derzeit.

Warum die Speicher leerer sind, ist bei Fachleuten umstritten. Ausfälle und Wartungsarbeiten an der Gas-Infrastruktur in Europa hätten zur Folge gehabt, "dass die Gasspeicher nicht so stark wie sonst üblich über den Sommer gefüllt werden konnten", sagt etwa Eren Çam vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln. Der Essener Energiekonzern RWE verweist zudem auf das Auslaufen der Erdgasproduktion in den Niederlanden.

Auch der derzeit hohe Preis könnte eine Rolle spielen, weil die Unternehmen sich scheuen, zu viel teures Gas vorrätig zu halten. So hätten "die Annahmen des Marktes zur weiteren Entwicklung der Preise dazu geführt, dass in der bisherigen Einspeisesaison weniger Gas eingelagert wurde", sagt ein Sprecher des Energiekonzerns Uniper, der über die größte Speicherkapazität in Deutschland verfügt, die derzeit zu etwa 88 Prozent gefüllt ist.

"Situation mit Erpressungspotenzial"

Oliver Krischer, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag, bietet eine weitere Erklärung an. "Die Situation bei den leeren Gazprom-Speichern in Deutschland und Europa dürfte bewusst herbeigeführt worden sein", vermutet er. Gazprom betreibt über seine Tochterfirma Astora unter anderem den Speicher im niedersächsischen Rehden, der mit einem Volumen von vier Milliarden Kubikmetern einer der größten in Europa ist. Zuletzt (15. September) wies die Datenplattform für Rehden einen Füllstand von weniger als fünf Prozent aus.

Deutschland rutsche damit "in eine Situation mit Erpressungspotenzial", warnt Krischer mit Blick auf das Genehmigungsverfahren für die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wies in der vergangenen Woche Vermutungen zurück, dass die Energiegroßmacht Russland irgendetwas mit der derzeitigen Preisrally zu tun habe.

Der Speicher-Branchenverband warnt: "Wenn die Gasspeicher nicht ausreichend befüllt sind, kann es zu Zeiten hoher Nachfrage zu Gas-Versorgungsunterbrechungen kommen", sagt Geschäftsführer Sebastian Bleschke. Zum jetzigen Zeitpunkt bestehe allerdings keine Gefahr einer Versorgungslücke.

Was hat das mit Inflation zu tun?   

Die steigenden Gas- und Energiepreise könnten darüber hinaus einen unerwünschten Nebeneffekt haben, denn in den vergangenen Monaten sorgten sie für ein Anziehen der Inflation in Deutschland und der Welt. Setze sich diese Entwicklung fort, werde die Inflation sich europaweit weiter beschleunigen, zitiert die "Financial Times" (FT) Daniel Kral, Ökonom bei Oxford Economics.  

Auf die Haushalte wirkten die steigenden Energiepreise effektiv wie eine Steuererhöhung, unterstreicht der Gavekal-Analyst Nick Andrews in der "Financial Times". Die Verbraucher hätten infolgedessen weniger Geld zur Verfügung. Das wiederum könnte im Ergebnis die Konjunkturerholung verlangsamen, da die jüngste Belebung in hohem Maße auch von den Konsumentenausgaben angetrieben worden sei.

Ernste Lage im Vereinigten Königreich

Verglichen mit der Situation in Großbritannien sind die Preissteigerungen hierzulande allerdings noch moderat. Dort sind die Großhandelspreise seit Jahresbeginn um 250 Prozent gestiegen. Der britische Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng hielt deshalb am Wochenende mehrere Krisentreffen mit Vertretern der Branche ab.

Der für die Klimakonferenz COP26 zuständige Staatssekretär Alok Sharma versuchte in einen BBC-Interview am Sonntag zu beschwichtigen: Es gebe "im Moment kein Risiko bei der Versorgung", sagte Sharma. Die erneuerbaren Energien müssten dringend schnell weiter ausgebaut werden.

Die Krise trifft auch Nahrungsmittel- und Getränkehersteller. Der starke Anstieg der Gaspreise hat dazu geführt, dass zwei große Düngemittelfabriken, die Kohlenstoffdioxid (CO2) als Nebenprodukt produzieren, geschlossen wurden. CO2 wird unter anderem für Vakuumverpackungen bei Fleisch oder für Bier benötigt. Doch auch die Gesundheitsbranche ist betroffen. Wegen des CO2-Mangels könnten Operationen abgesagt werden, teilte der Gesundheitsdienst NHS mit.

Premierminister Boris Johnson zufolge könne die Krise noch mehrere Monate dauern, sie sei aber nur vorübergehend: "Die Marktkräfte werden das sehr schnell ausgleichen, und wir werden alles tun, um zu helfen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. September 2021 um 13:00 Uhr in den Nachrichten.