Hinweisschild zur Pipeline Nord Stream 2 | dpa

Nord-Stream-2-Rückschlag Nervosität am Gasmarkt wächst

Stand: 17.11.2021 13:30 Uhr

Angesichts der Verzögerung bei Nord Stream 2 steigt die Nervosität am Gasmarkt. Experten warnen, dass nun nicht nur die Gaspreise, sondern auch die Ölpreise stärker anziehen könnten.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Der Rückschlag für das Nord-Stream-2-Projekt hat auch die Investoren auf dem europäischen Gasmarkt auf dem völlig falschen Fuß erwischt. Am Morgen kletterte der Gaspreis am niederländischen Knotenpunkt TTF auf ein Vier-Wochenhoch von knapp 100 Euro pro Megawattstunde. Das schiebt auch die Preise im EU-Emissionshandel an, die bei fast 68 Euro je Tonne ein neues Rekordhoch markieren.

Die Bundesnetzagentur hatte gestern die Zertifizierung von Nord Stream 2 vorläufig komplett ausgesetzt. Die Genehmigung der umstrittenen Gas-Pipeline dürfte sich nun Experten zufolge um mehrere Monate nach hinten verschieben. Es ist bereits von Sommer 2022 die Rede.

Zweifel an Russlands Gas-Lieferversprechen

Das bedeutet für die europäische Gasversorgung in diesem Winter nichts Gutes. Aktuell deutet vieles darauf hin, dass Russland erst dann bereit ist, seine Gaslieferungen an die EU spürbar zu erhöhen, wenn Nord Stream 2 in Betrieb genommen werden kann.

"Damit wachsen die Sorgen, dass Russland dem Versprechen höherer Lieferungen nicht nachkommen wird", betont Barbara Lambrecht, Rohstoff-Expertin der Commerzbank. Zumal die Lieferungen über den deutschen Knotenpunkt Mallnow zuletzt kaum noch gestiegen seien.

Am Buchungstermin am Montag hatte der staatlich kontrollierte russische Gaskonzern Gazprom keine zusätzlichen Transportkapazitäten für die Pipelines Jamal und Druschba ("Freundschaft") für Dezember gebucht. Experten wie Lambrecht sehen darin ein Signal, dass Russland seine Gaslieferungen an Westeuropa kaum ausweiten will.

Substitutionseffekte als Ölpreistreiber?

Unternehmen, Verbraucher und Anleger sollten die steigenden Gaspreise nun genau im Blick haben. Die Verzögerungen bei Nord Stream 2 könnten nämlich auch für Substitutionseffekte bei anderen Rohstoffen wie Öl sorgen, wie Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege RoboMarkets, betont.

Tatsächlich sind Öl und Gas für viele Anwendungen gute Substitute. So gibt es etwa im Kraftwerksbetrieb die technische Möglichkeit, in begrenztem Maße kurzfristig von Gas- auf Ölfeuerung umzustellen. Steigt nun der Gaspreis überproportional an, könnten einige Stromerzeuger auf Öl ausweichen.

17.11.2021 • 13:30 Uhr

Entspanntere Lage am Ölmarkt

Die steigende Nachfrage würde wiederum den Ölpreis in die Höhe treiben. Der Preis für das "schwarze Gold", der sich zuletzt bei gut 80 Dollar je Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent bewegte, könnte Analysten zufolge in Richtung 90 Dollar steigen. Das würde auch die Sprit-, Heizöl- und Strompreise entsprechend befeuern.

Doch unter dem Strich stellt sich die Lage am Ölmarkt deutlich entspannter dar als am Gasmarkt. Das liegt nicht zuletzt an den großen Reservekapazitäten des Ölkartells OPEC und der steigenden Fracking-Ölproduktion in den USA. Gestern hatte die Internationale Energieagentur IEA sogar die Prognose gewagt, dass die Ölpreisrally vor ihrem Ende stehen könnte.

Mehr als 300 Gasgrundversorger erhöhen ihre Preise

Das wäre nicht zuletzt für die von hohen Gas-, Sprit-, Heizöl- und Strompreisen gebeutelten Verbraucher und Unternehmen in Deutschland eine positive Nachricht. Einer aktuellen Erhebung des Verbraucherportals Check24 zufolge haben bereits 302 Gasgrundversorger ihre Preise erhöht oder Preiserhöhungen angekündigt. Einzelne Versorger hätten ihre Preise sogar verdoppelt.

Im Durchschnitt schnellten die Preise um 22 Prozent in die Höhe. Ein Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden muss somit zusätzliche Kosten von durchschnittlich 329 Euro pro Jahr stemmen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 17. November 2021 um 10:09 Uhr.