Schweinehälften hängen aufgereiht in einem Schlachthof. | dpa
Hintergrund

Wert von Fleisch Alltagsessen oder Luxusgut?

Stand: 02.03.2021 16:45 Uhr

Billigangebote von Discountern geben oftmals den Takt an in der Fleischindustrie. Kritiker machen sie verantwortlich für schlechte Standards in der Tierhaltung und in Schlachthöfen.

Von Barbara Berner, hr

"So ist es richtig, so muss es schmecken. Das Rezept kommt noch von meinem Großvater", erzählt Metzgermeister Christoph Schneider stolz. Gerade hat er den Schwartenmagen abgeschmeckt. Die Region Osthessen ist dafür bekannt - und Schneiders Geschäft im hessischen Fulda allemal. Es ist eine Metzgersdynastie seit 1320. Hier macht der Meister die Wurst noch selbst. Jede Woche. "Das Schöne ist, wir machen halt im Gegensatz zur Industrie nur nach Bedarf, was wir brauchen", sagt Schneider.

"Fleisch ist Ramschprodukt geworden"

Aber die Zeiten, als die Metzger vor Ort Fleischlieferant Nummer eins waren, sind vorbei. Der Grund: Discounter und auch Supermärkte überschlagen sich mit Billigfleisch. Und der Preis beeinflusst das Kaufverhalten.

"Längst ist Fleisch zum Ramschprodukt geworden", sagt Agrarwissenschaftlerin Christiane Chemnitz von der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Grünen-nahe Stiftung bringt zusammen mit dem Umweltverband BUND jedes Jahr den Fleischatlas heraus. Beide Organisationen fordern seit langem, "dass es keine Billigangebote mehr von Fleisch gibt. Weil genau diese Angebote Verbraucher in die Läden locken", beklagt Chemnitz.

Durchschnittlich 400 Tonnen gemischtes Hackfleisch verkauft etwa der Discounter Lidl in der Woche deutschlandweit. Kommt die "XXL-Aktion", bei der besonders viel Hack noch billiger verkauft wird, schnellt der Absatz auf 612 Tonnen in die Höhe.

Niedrige Preise, billige Produktion

Den Anfang nahm diese Entwicklung in den 1960er-Jahren. Damals war man stolz darauf, Schweine und Hühner am laufenden Band zu töten und zu verarbeiten. Ein Reporter der Abendschau aus dem Jahr 1966 kommentierte die Massenschlachtungen von Hühnern folgendermaßen: "Dem Verbraucher kann nur durch die weitgehende automatisierte Verarbeitung ein günstiges Marktangebot garantiert werden." Das ist mehr als 50 Jahre her - aber Verbraucher bekommen diese Garantie noch heute. Mehr als zwei Millionen Tiere werden täglich in Deutschland geschlachtet.

Während 1950 in Deutschland ein Kilogramm Schweinefleisch 1,6 Prozent des monatlichen Nettoverdienstes kostete, waren es 1975 nur noch 0,56 Prozent. Der Preis pro Kilogramm stieg in diesem Zeitraum von 2,10 auf 5,10. Und im letzten Jahr kostete das Schweinefleisch nur noch 0,22 Prozent des Nettoverdienstes. Es gehe deshalb so billig, so Agrarexpertin Chemnitz, "weil es so billig produziert wird. Dazu gehören schlechte Umweltstandards, schlechte Tierwohlstandards und eine schlechte Bezahlung der Landwirte und der Menschen in den Schlachthöfen."

Skandale - und (k)ein bisschen gelernt

Heute bestimmen Großkonzerne der Fleischwirtschaft den Ernährungssektor. Die Tönnies-Gruppe, Vion Food und Westfleisch sind die Top drei in Deutschland. Darunter ist kein Konzern, der nicht regelmäßig für Negativ-Schlagzeilen sorgt - und das seit Jahren.

Erst im vergangenen Jahr, sagt die Agrarexpertin, habe die breite Öffentlichkeit registriert, was in den Schlachtbetrieben vor sich gehe. Das habe zumindest bei der jüngeren Generation dazu geführt, sich mehr Gedanken darüber zu machen, was auf dem Teller landet: "Mehr als zwei Drittel der jüngeren Generation lehnen die heutige Fleischindustrie ab. Sie sehen darin eine Bedrohung für das Klima und ernähren sich doppelt so oft vegetarisch oder vegan wie der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung", sagt Chemnitz.

Das Fleisch von Metzger Schneider aus Fulda kommt aus der Region. Und dennoch: Mancher Metzgerkunde will nicht mehr dafür bezahlen. Schon bei 20 Cent mehr maulten die Kunden, erzählt er. Auch Schneider spürt den Werteverfall beim Fleisch, und er versteht nicht, warum Fleischskandale so schnell vergessen werden. Der Appell des Metzgermeisters: "Wir müssen nicht täglich Fleisch essen. Aber die Marge der Supermärkte ist immer: 'mehr, mehr, mehr'. Und ich bin eher auf dem Standpunkt: weniger, aber dafür Wertigkeit."

Mehr dazu in "mex - das Marktmagazin" am 3.3.2020 um 20.15 Uhr im hr