Mann trainiert auf Heimtrainer | dpa

Sport in Corona-Zeiten Das neue Fitnessstudio ist zu Hause

Stand: 04.02.2021 10:39 Uhr

Heimtrainer statt Fitnessstudio: Viele Menschen richten sich in der Pandemie ein "Home Gym" ein. Für einige Hersteller wird es wirtschaftlich dennoch schwierig.

Von Tobias Brunner, BR

Live-Kurse am Smartphone, Workouts bei YouTube oder Sport-Stories bei Instagram: Fitness im Netz hat es schon lange vor Corona gegeben. Doch seit Studios und Sportvereine nur eingeschränkt öffnen dürfen oder ganz geschlossen bleiben, boomt das Training zu Hause wie nie. Die Fitnessbranche steckt gerade mitten in einem Umbruch - mit Gewinnern und Verlierern.

Auf der einen Seite stehen Gewinner wie Peter Lentschig. Er leitet die Münchner Filiale von Hammer Sport, einem bayerischen Sportgeräte-Hersteller, und kann sich vor Anfragen kaum retten. Hat er einen Anruf beendet, klingelt das Telefon zwei Minuten später schon wieder. "Es ist unglaublich - mir war nicht bewusst, welchen Bedarf es gibt", erzählt Lentschig.

Telefonisch versucht er, bestmöglich zu Crosstrainer, Kraftstationen oder Rudergeräten zu beraten: Körpergröße, Gewicht, spezielle Bedürfnisse - alles wird abgefragt, manchmal in zwei oder drei Gesprächen. Dass Kunden die Geräte wegen geschlossener Läden nicht ausprobieren können, schreckt viele nicht vom Kauf ab. "Die Menschen wollen sich einfach bewegen", sagt Lentschig.

Hanteln und Yogamatten besonders gefragt

Bisher ist es Hammer Sport nach eigener Aussage verhältnismäßig gut gelungen, die Anfragen abzuarbeiten. Doch bei anderen Herstellern müssen Kunden inzwischen teilweise Wochen oder sogar Monate auf ihre Bestellungen warten. Was im Sommer Kajaks, Fahrräder oder andere Outdoor-Artikel waren, sind nun Laufbänder und Ergometer.

Der Deutsche Industrieverband für Fitness und Gesundheit (DIFG) äußert sich auf ARD-Anfrage nur zurückhaltend zu Zahlen für das abgelaufene Jahr, die noch nicht vollständig vorlägen. Nur so viel: Im Geschäft mit Privatkunden dürfte das Umsatzplus bei etwa 80 Prozent liegen. Für kleine Artikel wie Hanteln oder Yogamatten geht die Branche während der Lockdown-Monate sogar von einem Anstieg von 500 Prozent aus.

Geschäft mit Fitnessstudios weggebrochen

Was auf den ersten Blick wie ein Eldorado für die Hersteller aussieht, hat allerdings eine Kehrseite. "Dieses Plus gleicht bei weitem nicht den Einbruch im Bereich der Fitnessstudios aus", erklärt der DIFG-Vorsitzende Ralph Scholz im ARD-Gespräch. Neben den Gewinnern, die wie Peter Lentschig vor allem an Privatkunden verkaufen, gebe es auch Verlierer: Wer als Hersteller schwerpunktmäßig Fitnessstudios beliefere, müsse einen massiven Einbruch verkraften.

Und das trifft auf viele zu. Denn der Branchenverband geht für den gesamten Markt von einem Home-Fitness-Anteil von gerade einmal 20 Prozent aus. Der Großteil entfällt also auf den professionellen Bereich, wo die Verkäufe nach Schätzungen um mehr als die Hälfte zurückgegangen sind.

Denn vergangenes Jahr konnten die Fitnessstudios monatelang nicht öffnen, auch im aktuellen Lockdown sind sie wieder geschlossen. Die Betreiber stellen wichtige Investitionen deshalb zurück, auch neue Studios machen kaum auf. "30 bis 40 Prozent der Fitnessgeräte-Hersteller könnten deshalb in ihrer Existenz gefährdet sein", glaubt Scholz.

Preise stark gestiegen

Diese Entwicklungen erklären auch, warum Verbraucher aktuell keine Schnäppchen mehr machen können. Allein im vergangenen Dezember stiegen die Preise laut dem Statistischen Bundesamt um 13,1 Prozent. Über das ganze Jahr waren es 7,9 Prozent - trotz der Mehrwertsteuersenkung von Anfang Juli.

Und wie könnte es nach der Pandemie weitergehen? Die Branche rechnet für die Zukunft mit etwa zehn bis 15 Prozent weniger Mitgliedern in den Fitnessstudios. Jeder Sportler, der sich nun ein eigenes Gerät gekauft hat, ist ein potenzieller Kunde weniger. Und Neuverträge lassen sich gerade ebenfalls nicht abschließen.

Bereits im Mai hatte der DIFG unter 1000 Studio-Mitgliedern eine Umfrage gemacht. Jeder Fünfte gab dabei an, das Studio künftig seltener als vor der Krise besuchen zu wollen - oder gar nicht mehr.

Über dieses Thema berichtete die BR Rundschau am 01. Februar 2021.