Das Fairtrade-Zeichen ist an der Verpackung einer Topfblume zu sehen. | dpa

Zertifizierte Produkte Fairtrade-Umsatz sinkt in der Krise

Stand: 05.05.2021 14:15 Uhr

Kaffee, Kakao, Bananen - die Klassiker des fairen Handels wurden auch 2020 oft gekauft. Dennoch ging der Umsatz von Fairtrade zurück. Eine "Corona-Delle"? Oder verschrecken zu hohe Preise die Verbraucher?

Von Anke Hahn, RBB

Ein Bund Rosen für 2,99 Euro. Das ist nicht teuer. Trotzdem ist das ein Preis, der eine faire Bezahlung von Rosenzüchterbetrieben in Ostafrika ermöglicht. Das hat auch die großen Handelsketten und Discounter in Deutschland überzeugt. Sie bieten die fair gehandelten Rosen seit einigen Jahren an - mit Erfolg. Inzwischen trägt jede dritte verkaufte Rose in Deutschland ein Fairtrade-Siegel. Der Umsatz stieg im vergangenen Jahr trotz Corona noch einmal um sieben Prozent.

Anke Hahn ARD-Hauptstadtstudio

Auch Fairtrade-Kaffee und Fairtrade-Schokolade haben beim Verkauf im Einzelhandel zugelegt. Lockdowns und die Angst vor Corona hätten dazu geführt, dass es sich viele Menschen zu Hause bewusst gut gehen lassen wollten, sagt Dieter Overath von TransFair Deutschland. "Da haben sich viele Blumen gekauft und es sich mit Kaffee und Süßem gemütlich gemacht."

"Außer-Haus-Geschäft" bricht ein

Dass der Gesamtumsatz von Fairtrade um fünf Prozent auf knapp unter zwei Milliarden Euro zurückgegangen sei, liege am sogenannten "Außer-Haus-Geschäft". Zahlreiche Hochschulmensen, Betriebskantinen, die Deutsche Bahn und viele Cafés und Restaurants führen seit einigen Jahren fair gehandelte Produkte, allen voran Kaffee. Dieses Geschäft sei wegen Corona völlig eingebrochen.

Auch das Segment faire Baumwolle sei stark zurückgegangen, weil kaum Textilien verkauft werden. Das werde sich nach der Pandemie wieder ändern, da ist sich Overath sicher.

Ruinöser Preiskampf bei Bananen

Anders sieht die Sache beim gelben Lieblingsobst der Deutschen aus. Bananen unterliegen einem unerbittlichen Preiskampf. 77 Cent kostet in manchen Läden das Kilo. Das sei kein Preis, der den Plantagenarbeitern auskömmliche Löhne ermögliche, kritisiert Overath. Fair gehandelte Bananen seien am Ende eben etwas teurer. Allerdings sei ein Preis von 1,09 Euro ja auch sehr niedrig. Das kosten die Fairtrade-Bananen bei Lidl.

Dennoch scheine es einen unausgesprochenen Wettbewerb im deutschen Lebensmitteleinzelhandel zu geben, immer Bananen unter einem Euro das Kilo anbieten zu müssen. Deshalb habe auch der Fairtrade-Vorreiter Lidl jetzt einen Rückzieher gemacht. 2019 hatte der Discounter eigentlich beschlossen, nur noch Fairtrade-Bananen zu verkaufen.  Nun liegen dort auch wieder die Billigbananen im Regal.

Angebot auf dem Weltmarkt verändert sich

Aber auf dem Weltmarkt änderten sich die Bedingungen. Die Einkäufer des Großhandels und der großen Ketten hätten das in den vergangenen Jahren erfahren. Es sei nämlich gar nicht mehr so einfach, alle Produkte in ausreichender Menge und guter Qualität vorzufinden.

Klimawandel und materielle Probleme führten in vielen Erzeugerländern zu einer Landflucht der jungen Generation. "Wenn die jungen Leute auf Social Media sehen, dass es ein anderes Leben gibt, als Schuften auf den Feldern für einen Dollar am Tag, dann gehen die in die Stadt", sagt Overath. Sie fehlen dann auf den Feldern - die Produktion geht zurück.

Prämien für Bildungsprojekte

Doch die Kooperativen, die mit Fairtrade zusammenarbeiten, seien bislang besser durch die Folgen von Klimawandel und Coronakrise gekommen, berichtet Nyagoy Nyong’o. Die Chefin von Fairtrade International ist Kenianerin und stammt selbst aus einer Bauernfamilie. Nicht nur, dass Fairtrade garantierte Mindestpreise auf alle Produkte zahle, gebe den Bauernfamilien eine Perspektive. Auch die sogenannten Prämien, die die Kooperativen und ihre Dörfer von Fairtrade erhalten, mache sie krisenfester. 

Die Prämien werden in Projekte zur Verbesserung des Lebensalltags wie Bildung, Gesundheitsversorgung oder Verbesserungen der Wohnsituation investiert. Jetzt in der Coronakrise sind diese Prämien auch ausgezahlt worden, etwa um Saatgut zu kaufen oder einfach das Überleben zu sichern.  Die Kooperativen und Bauernfamilien konnten das selbst entscheiden.

Lücke bei den Textilien

Also alles bestens bei Fairtrade? Nicht ganz, da stimmen Overath in Deutschland und Nyagoy Nyong’o in Kenia überein. Bisher funktioniere Fairtrade vor allem für landwirtschaftliche unverarbeitete Produkte - die gewissermaßen vom Feld oder der Plantage in die Läden kämen.

Bei Textilien zum Beispiel fehle dagegen ein allgemein gültiger Standard für den fairen Handel. Zwar gebe es schon Siegel für fair produzierte Textilien. Aber die deckten alle unterschiedliche Aspekte ab. Fairtrade International  plant deshalb ein Siegel, das die gesamte Lieferkette umfasst: vom Baumwollanbau über Weben, Färben, Nähen bis in den Laden. Das sei derzeit jedoch noch zu komplex, weil zu viele Seiten beteiligt seien.

Helfen könne hier die Politik, die Mindeststandards definieren müsse. Aber der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit auf den Weg gebrachte "Grüne Knopf" genüge dem nicht. Bekleidungsindustrie und große Handelsketten hätten ihre Interessen durchgesetzt. Das Wohl der Erzeuger in den armen Ländern bleibe da auf der Strecke.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 05. Mai 2021 um 13:17 Uhr.

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