Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck | dpa

Krieg in der Ukraine "Wer Putin schaden will, spart Energie"

Stand: 05.03.2022 08:21 Uhr

Mehr als die Hälfte des in Deutschland genutzten Erdgases kommt aus Russland. Diesen Bedarf bald komplett aus anderen Quellen zu decken, erscheint fast unmöglich. Wie sehr kann Energiesparen helfen?

Von Daniel Pokraka, ARD-Hauptstadtstudio

Der Bundeswirtschaftsminister weiß, dass deutsche Haushalte mehr Gas verbrauchen als nötig. Normalerweise ist das Privatsache. Aber was ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine schon normal? Als Robert Habeck am Donnerstag in einem Statement Wirtschaftshilfen für von Russland-Sanktionen betroffene Unternehmen ankündigte, kam er auch auf das Thema Energieverbrauch zu sprechen.

Daniel Pokraka ARD-Hauptstadtstudio

"Alle Bürgerinnen und Bürger" könnten da "einen Beitrag leisten", sagte der Grünen-Politiker. "Wenn man Putin ein bisschen schaden will, dann spart man Energie." Populär sind solche Appelle von Politikern selten. Nicht selten werden sie (miss)verstanden als Aufforderung zu oder sogar Anordnung von Verzicht. "Frieren für die Ukraine" - solche Überschriften will kein Politiker verursachen, der bei Verstand ist.

Habeck ist sensibel in solchen Fragen, sensibler jedenfalls als manch anderer in seiner Partei, und so schob er eilig hinterher, dass die Sicherheit der deutschen Energieversorgung nicht in erster Linie Sache der Verbraucher sei, sondern seine Aufgabe: "eine politische Verpflichtung auch für mich selbst und mein Haus."

Hohes Einsparpotenzial

Dabei ist die Einsparung von Energie durchaus ein relevanter Faktor, wenn es darum geht, von russischem Gas unabhängiger zu werden. Der Internationalen Energieagentur zufolge liegt die durchschnittliche Temperatur in europäischen Gebäuden bei mehr als 22 Grad Celsius. Ein Grad weniger würde die jährliche Gasnachfrage in der EU demnach um zehn Milliarden Kubikmeter senken. Das sind immerhin mehr als 2,5 Prozent des Gesamtverbrauchs von 380 Milliarden Kubikmetern.

Weitere Ideen zur Energieeinsparung beim Heizen kommen von der Denkfabrik Agora Energiewende. Eine Optimierung der Heizungseinstellungen und der Nutzung, indem zum Beispiel bei Abwesenheit die Heizung heruntergedreht wird, könnte demnach sechs Prozent des Energiebedarfs deutscher Haushalte einsparen. Um das zu erreichen, hält Agora eine große Aufklärungskampagne der Bundesregierung für nötig.

Einen Schritt weiter geht eine Gruppe von Energieexperten, die sich anlässlich des russischen Angriffs auf die Ukraine in einem offenen Brief an Politik und Gesellschaft gewandt haben. Sie halten "Komfort-Einschränkungen im nächsten Winter" für "denkbar und gegebenenfalls notwendig" und bringen mit Blick auf die Mindest-Raumtemperatur von 20 bis 22 Grad Celsius eine Änderung des Mietrechts ins Gespräch. Außerdem müssten Verbraucher schon heute darüber informiert werden, "dass die Heizkosten insbesondere für Erdgasheizungen in den kommenden Wintern stark steigen werden".

Weniger Wärme für mehr Geld

Weniger heizen, mehr zahlen? Eine solche Botschaft klingt wenig populär. Die Grünen bemühen sich um eine positivere Kommunikation. Dieter Janecek, wirtschaftspolitscher Sprecher der Bundestagsfraktion, sagte dem ARD-Hauptstadtstudio: "Mit geringem Aufwand können wir Putin schaden, Kosten senken und unsere Unabhängigkeit stärken."

Verbraucher könnten pro Heizsaison 200 Euro sparen, indem sie zweimal täglich stoßlüften, anstatt das Fenster auf Kipp zu stellen. Unternehmen könnten zum Energiesparen beitragen, indem "klare Standards für die maximale Raumtemperatur von Büros vorgegeben werden".

Die Union will statt übers Energiesparen lieber über Energiesicherheit sprechen. Andreas Jung, energiepolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, sagte dem ARD-Hauptstadtstudio: "Wo mit Gas geheizt wird, muss das weiter möglich sein." Die Bundesregierung sei gefordert, die Gasversorgung unabhängig von Russland zu sichern und Privathaushalte wie Industrie bei den Kosten zu entlasten. Es brauche allerdings "nicht erst Appelle, um ein Bewusstsein für die aktuelle Krisensituation zu schaffen", findet Jung.

Tatsächlich scheint eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung ziemlich genau zu wissen, dass der russische Einmarsch in der Ukraine auch Folgen für sie hat. Dem aktuellen ARD-DeutschlandTrend zufolge sind zwei Drittel der Deutschen sogar dann bereit, Maßnahmen gegen Russland zu unterstützen, wenn es dadurch zu Engpässen bei der Energieversorgung und zu höheren Energiepreisen kommt. Ob das so bleibt, wenn diese höheren Preise - trotz mehr Umsicht beim Heizen - auf der Gasrechnung sichtbar sind, ist eine andere Frage.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. März 2022 um 05:10 Uhr und am 03. März 2022 um 17:09 Uhr.