Autos fahren auf einer Straße mit vielen Tankstellen im luxemburgischen Wasserbillig | dpa

Energiepreise im EU-Vergleich Wen teurer Sprit am stärksten trifft

Stand: 21.12.2021 10:06 Uhr

Steigende Preise für Benzin, Strom, Gas - die teure Energie ist für viele Haushalte ein wachsendes Problem. Doch wie steht Deutschland im Vergleich mit anderen Staaten in Europa da?

Von Michael Grytz, ARD-Studio Brüssel

Mehr als 1,70 Euro für den Liter Benzin - kurz vor Weihnachten sitzt der Schock bei vielen tief. An einer Tankstelle in Köln erzählt eine Kundin verzweifelt, dass der Sprit für sie einfach zu teuer sei. Sie tanke immer für fünf Euro. Dann fahre sie so weit, wie sie komme, um dann wieder für fünf Euro zu tanken. Eine andere schüttelt den Kopf und sagt: "Katastrophe, es ist so teuer geworden. Ich bin schon am Überlegen, wirklich das Auto zu verkaufen und mit der Bahn zu fahren."

Michael Grytz

Die Entwicklung der Benzinpreise schlägt aufs Portemonnaie und aufs Gemüt. Sind die europäischen Nachbarn genauso gebeutelt? Wo steht Deutschland im EU-Vergleich? So sah es im November aus: Am teuersten war das Benzin in den Niederlanden mit mehr als zwei Euro. Dänemark folgte nur knapp dahinter. Deutschland war im EU-Vergleich sogar noch relativ günstig mit 1,74 Euro. Am preiswertesten war der Sprit Bulgarien mit 1,20 Euro pro Liter.

Wieviel Einkommen wird für Sprit gebraucht?

Ganz so teuer ist das Benzin hierzulande im Vergleich also nicht. Aber das allein sagt noch nicht so viel aus. Entscheidender ist, wie viel vom jeweils verfügbaren Einkommen für Sprit verwendet werden muss.

Für diese Rechnung ist es notwendig zu ermitteln, wie hoch das Einkommen in den verschiedenen EU-Ländern ist. Laut Institut der deutschen Wirtschaft haben Luxemburger und Dänen das höchste Netto-Einkommen pro Monat - mit über 5600 Euro beziehungsweise 4600 Euro. In Deutschland beträgt das mittlere Einkommen einer Familie mit zwei Erwachsenen und einem Kind 3519 Euro. Am niedrigsten ist es in Bulgarien mit 692 Euro. Deutschland ist also nicht an der Spitze, aber relativ weit vorne mit dabei.

Schnell relativiert sich der Eindruck vom teuren Benzin, wenn die Spritpreise ins Verhältnis zum verfügbaren Einkommen gesetzt werden. Bei den Deutschen schlagen 100 Liter Benzin mit nur fünf Prozent des Einkommens zu Buche. Bei den Dänen ist es mit 4,3 Prozent noch weniger - trotz hoher Spritpreise. Am wenigsten müssen die Luxemburger ausgeben, mit 2,7 Prozent ihres Einkommens für 100 Liter Benzin. Am stärksten schlägt Benzin bei den Bulgaren zu Buche. Sie profitieren zwar vom günstigsten Preis je Liter, aber wegen ihres geringen Einkommens müssen sie 17,4 Prozent davon für Sprit ausgeben.

"Im europäischen Vergleich relativ günstig"

Zeigen diese Zahlen also, dass für die Deutschen kein Grund zur Aufregung besteht? "Im europäischen Vergleich schneiden wir relativ günstig ab", bestätigt Christoph Schröder vom Institut der deutschen Wirtschaft. "Das liegt daran, dass in Deutschland das Einkommen relativ hoch ist."

Dieser Zusammenhang zeigt sich auch beim Gas: Eine mittlere deutsche Familie gibt 1,8 Prozent ihres Einkommens für Gas aus. In Dänemark ist es ähnlich viel, die Luxemburger schneiden am günstigsten ab. Die meisten anderen Europäer aber müssen deutlich mehr ausgeben. Für Strom geben Deutsche 2,3 Prozent ihres Einkommens aus. Auch hier fressen die Stromkosten in vielen anderen Ländern einen deutlich größeren Anteil des Einkommens auf.

Lebenshaltungskosten, Steuern und staatliche Zuschüsse sind überall unterschiedlich. Manchmal fehlen auch Daten. All das erschwert einen hundertprozentig wasserdichten Vergleich. Aber es wird deutlich: Auch wenn viele Bundesbürger über hohe Energiepreise stöhnen, steht Deutschland bei den daraus resultierenden Belastungen für die Haushaltseinkommen im europäischen Vergleich relativ gut da.

Angst vor Preissteigerung durch Energiewende

Trotzdem bereitet die Energierechnung auch hierzulande vielen Sorgen. Seit der Erhebung der Daten sind die Preise weiter gestiegen. Wie wird es in Zukunft? Was kann die Energiewende bewirken? Ein Passant in der Kölner Innenstadt hofft, dass Energie auf lange Sicht billiger wird, aber er glaubt noch nicht daran. Ein anderer ist sich jetzt schon sicher: "Ich glaube, es wird eher teurer." Vor allem die Sorge, dass der Umstieg auf die erneuerbaren Energien nochmals die Preise ansteigen lasse, haben viele. Aber ist sie berechtigt?

Ein Blick nach Dänemark zeigt: 2050 ist dort Schluss mit Kohle, Gas und Öl. Schon jetzt kommt die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen. Bis 2050 sollen es 100 Prozent sein. Spätestens dann will Dänemark unabhängig von anderen Energielieferanten sein. Und die Kosten? Dänemark habe erneuerbare Energien schon früh über den Staatshaushalt finanziert und Stromverbraucher entlastet, erklärt Alexander Dusolt von der Denkfabrik Agora. Das mache die erneuerbaren Energien natürlich attraktiver. Das Ranking zeigt: Der Sprit ist zwar teuer, von ihrem verfügbaren Einkommen müssen die Dänen aber weniger ausgeben als viele andere. Und bei Gas und Strom liegen sie ebenfalls nur jeweils an Platz 18 - trotz der Energiewende.

Dänemark zeigt Chancen für günstigere Energie

Ist die Energiewende am Ende für Verbraucher sogar billiger? Laut Dusolt sind die Erneuerbaren schon länger die günstigste Form der Stromerzeugung. Solar und Windanlagen seien deutlich günstiger als neue Gas- und Kohlekraftwerke. Er rechnet also damit, dass die Energiewende nicht teurer, sondern eher günstiger werde. Trotzdem musste auch Dänemark anfangs Milliarden in die Energiewende investieren.

Das kommt auch auf Deutschland zu. Hierzulande werden zudem bald Kohle- und Atomkraft abgeschaltet. Fraglich, ob dann die Preise stabil gehalten werden können für den hohen Energiebedarf. Aber Dänemark zeigt: Mittel- und langfristig könnte die Energiewende die Preise auch senken.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 19. Dezember 2021 um 12:45 Uhr im "Europamagazin".