Ein kleines Kind auf einem Spielplatz. | picture alliance/dpa
Hintergrund

Teure Energie Droht die Mittelschicht abzurutschen?

Stand: 19.09.2022 08:15 Uhr

Höhere Preise, steigende Energiekosten: Wie sehr betrifft das die Mittelschicht? Wirtschaftsforschern zufolge steht die Mitte der Gesellschaft immer noch ganz gut da. Doch direkt darunter wird es eng.

Von Markus Pfalzgraf und Frieder Kümmerer, SWR

Paddeln auf dem Neckar statt plantschen in Ägypten: So wie Sabrina Scholz aus Ludwigsburg geht es wohl vielen in diesen Zeiten. Die alleinerziehende Mutter sorgt sich wegen der steigenden Kosten. Es geht ihr und ihren Kindern gut, sie sind nicht armutsbedroht.

Markus Pfalzgraf
Frieder Kümmerer

Und doch will Scholz lieber sparen, als sich eine Reise zu leisten - obwohl sie seit Jahren nicht richtig im Urlaub war, wie sie sagt. Die Krankenpflegerin hat wenig Rücklagen, und sie weiß noch nicht, wie hoch Stromrechnung und Nebenkostenabrechnung diesmal werden. Vielleicht wird auch noch die Miete erhöht. Im Supermarkt achtet sie wieder stärker auf Sonderangebote.

Die "Mitte" in aller Munde

Ein Beispiel von vielen, von Menschen, die es eigentlich in die "Mitte" geschafft haben - und doch wieder bangen. Seit Wochen geht es in der Politik auffallend häufig um die "breite Mitte" oder die "hart arbeitende Mitte der Gesellschaft", wie Finanzminister Christian Lindner sie nannte. Es geht um die Bevölkerungsschicht, die "den ganzen Laden am laufen hält" ("Augsburger Allgemeine"), oder um die "stabilen Säulen", die laut CDU-Wirtschaftsrat "hart arbeiten, ihre Steuern zahlen und selten in den Genuss von Entlastungen kommen".

Als die ersten Entlastungspakete beschlossen wurden, drehte sich die Debatte vor allem um die Mittelschicht. Denn die ist bedroht: Von Inflation, steigenden Energiepreisen und mehr. Aber braucht die "Mitte" tatsächlich mehr Unterstützung? Wird sie vergessen?

Während das dritte Entlastungspaket der Bundesregierung vor allem Studierende und Menschen mit Rente oder geringem Einkommen in den Blick nimmt, ging es bei den vorigen beiden Maßnahmenbündeln eher um Entlastungen für Haushalte insgesamt - etwa bei Heizkosten, beim Weg zu Arbeit und vor allem im Nahverkehr mit dem 9-Euro-Ticket. Die Energiepreispauschale von einmalig 300 Euro (brutto) war als Zuschuss zum Gehalt gedacht. Also breite Entlastung für die "arbeitende Mitte der Gesellschaft"?

Menschenmenge | ARD-aktuell / Weiss
Wo liegt die Mittelschicht?

Die Industrieländer-Organisation OECD und die Bertelsmann-Stiftung haben in einer Studie vom vergangenen Jahr diejenigen zur Mittelschicht gezählt, die mindestens drei Viertel oder höchstens das Doppelte des mittleren verfügbaren Einkommens ("Median") verdienen.

Das sogenannte Medianeinkommen von Singles lag danach bei zuletzt rund 2000 Euro im Monat. Zur "unteren Mittelschicht" würde also zählen, wer zwischen 1500 und 2000 Euro im Monat für den Konsum ausgeben oder sparen kann.

Für eine vierköpfige Familie liegt das Medianeinkommen bei 50.000 Euro netto im Jahr. Entsprechend läge darunter die Einkommensgruppe der "unteren Mittelschicht".

Entlastungen kommen unterschiedlich an

So einfach ist es nicht, wie eine Aufschlüsselung der Belastung und Entlastung niedriger, mittlerer und hoher Einkommen zeigt: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat untersucht, wie die Inflation die unterschiedlichen Einkommensgruppen belastet und wie das durch die ersten beiden Hilfspakete aufgefangen wurde - mit dem Ergebnis, dass vor allem Menschen mit den niedrigsten Einkommen profitieren.

Doch gerade die untere Mittelschicht sei aber weiterhin stark von den steigenden Preisen betroffen - und die noch darunter liegenden Einkommensgruppen sowieso. Der Grund: Mit am stärksten seien die Kosten für Energie und Nahrung gestiegen. Insbesondere Menschen, die wenig verdienten, müssten also einen immer größeren Anteil ihrer Einkünfte allein für laufende Kosten und Grundbedürfnisse ausgeben.

DIW-Vorstandsmitglied Alexander Kritikos geht davon aus, dass das bei den unteren Einkommensgruppen bis zu 70 Prozent ihres Geldes ausmacht. Dazu zählt der Wirtschaftsforscher die Kosten für Lebensmittel, Wohnen, Energie und Verkehr. Das betreffe rund ein Fünftel der Bevölkerung.

Die untere Mitte vergessen?

Zwischen den untersten und den mittleren Einkommensgruppen gibt es aus Sicht von Kritikos allerdings eine Gruppe, die bei den aktuellen Entlastungen zu wenig berücksichtigt wurde: "Die untere Mittelschicht, die die relativ stärkste Belastung zu tragen hat, geht dieses Mal leer aus."

Der DIW-Ökonom hätte mehr Pauschalzahlungen für die untere Hälfte der Haushaltseinkommen befürwortet, die aber jetzt nicht vorgesehen seien. Die geplante Deckelung der Strompreise sieht er auch kritisch: "Ein fatales Signal." Besser wäre es, alle Haushalte bis zu einem bestimmten Einkommen unter Berücksichtigung der Kinderzahl zu entlasten, "weil dadurch der Anreiz zum Energiesparen für alle erhalten bliebe und die Betroffenen gezielter entlastet werden", so Kritikos.

Die Sozialverbände sehen das teilweise anders. Sie begrüßen grundsätzlich die Pakete der Ampel-Koalition. Doch auch VdK-Präsidentin Verena Bentele nimmt die unteren (Mittel-)Schichten in den Blick: "Rentnerinnen und Rentner mit geringen Einkünften und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit kleinen Einkommen wollen mit ihrem eigenen Geld über den Winter kommen, deshalb brauchen wir Gas- und Strompreisdeckel für den Grundbedarf - und zwar so schnell wie möglich." Denn, so Bentele: "Wir brauchen dringend eine stetige Entlastung auch für die untere Mittelschicht, die wegen der hohen Verbraucherpreise abzurutschen droht."

"Mittelschicht steht gut da"

Und die "Mitte" insgesamt? Die sei zwar sei nach vielen guten Jahren auch wieder stärker belastet, aber längst nicht so stark wie die unteren Einkommen. Durch die vergangenen Jahre des dauerhaften Aufschwungs, der kleinen, aber stetigen Lohnzuwächse und die annähernde Vollbeschäftigung stehe die Mittelschicht gut da, sagt Volkswirtschaftsprofessor Kritikos.

Diese Stabilität ist für viele in Gefahr. Sorgen gibt es zum Beispiel bei Studierenden: Auch sie spüren die steigenden Lebensmittelpreise. In Großstädten kommen die ohnehin hohen Mieten dazu. Zwar gibt es Wohnheime mit günstigeren Bedingungen, aber "wenn du dich jetzt bewirbst, wirst du sechs Monate Wartezeit haben", berichtet Silja Wach, die an der Universität Stuttgart studiert. Und dann gehe es eben doch auf den angespannten Wohnungsmarkt.

Manche nähmen schon Kredite auf, andere verkauften ihr Auto, berichten Wach und ihre Kommilitonen, die sich in der Studierendenvertretung engagieren. Sie freuen sich über die geplanten Entlastungen, sehen aber auch zusätzlich den steigenden Beiträgen fürs Studierendenwerk entgegen, die demnächst auf sie zukommen.

Auch das Essen in der Mensa werde teurer, sagt Marius Lichtl, der Luft- und Raumfahrttechnik studiert. Der Preis für ein Gericht, das bisher 2,59 Euro koste, solle auf 2,99 Euro angehoben werden. Auch der Döner unterwegs oder das Kilo Paprika im Supermarkt steht in Frage. In der Summe machten die Preise einen Unterschied: "Das merkt man dann schon."