Gaszähler | IMAGO/Rupert Oberh‰user

Hohe Energiekosten Geringverdiener und Rentner besonders betroffen

Stand: 14.08.2022 11:06 Uhr

Rasant steigende Energiekosten, hohe Preise für Lebensmittel - nach Ansicht von Fachleuten wird das vor allem jene Gruppen treffen, die zwar wenig Geld haben, aber keine staatlichen Leistungen erhalten: Rentner und Geringverdiener.

Der starke Anstieg der Energiepreise wird aus Sicht von Experten Rentner und Geringverdiener finanziell härter treffen als Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger. Grund dafür ist, dass bei Letzteren der Staat einen Großteil der Kosten übernimmt.

Nach Angaben des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW hat ein beträchtlicher Teil der arbeitenden Bevölkerung keine finanziellen Reserven. "Jeder dritte Haushalt in Deutschland hat kein nennenswertes Erspartes, auf das er in diesen Krisenzeiten zurückgreifen kann, um die höheren Kosten für das Heizen oder die Lebensmittel abzudecken", sagte Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Die gegenwärtige Krise treffe sie doppelt hart: "Sie erfahren persönlich eine drei- bis viermal höhere Inflation als Menschen mit hohen Einkommen, und sie haben keinerlei Absicherung, um mit den Mehrkosten umzugehen."

Sozialhilfeempfänger bekommen Kosten erstattet

Sozialhilfeempfänger bekämen die Kosten für Verpflegung und Unterkunft erstattet, sagte Hans Maier, der Direktor des Verbands bayerischer Wohnungsunternehmen (VdW Bayern). "Das ist nicht unsere größte Problemgruppe. Sondern das sind die Menschen, die kein Wohngeld oder keine Sozialhilfe empfangen, zum Beispiel Rentner."

Der katholische Wohlfahrtsverband Caritas teilt diese Einschätzung. Die höheren Kosten für Heizung träfen die Menschen weniger stark, die staatliche Leistungen nach den Sozialgesetzbüchern II und XII beziehen, sagte ein Sprecher des bayerischen Caritas-Landesverbands.

Denn diese könnten die erhöhten Kosten beim Jobcenter beziehungsweise Sozialamt geltend machen. Und diese würden in der Regel in tatsächlicher Höhe übernommen. In den beiden Gesetzbüchern sind Hartz IV und Sozialhilfe geregelt.

Nach Angaben von DIW-Präsident Fratzscher gibt es in Deutschland mehr als zwei Millionen Aufstocker - also Arbeitnehmer, die trotz Gehalts auf zusätzliche staatliche Hilfe angewiesen sind. "Viele hätten auch als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Anspruch auf Wohngeld, nehmen dies aber nicht in Anspruch", sagte der Ökonom.

1700 Euro Mehrkosten pro Jahr erwartet

Bisher spüren viele Bürgerinnen und Bürger den Anstieg der Energiekosten noch nicht in vollem Ausmaß. Das wird sich nach Einschätzung von Fachleuten in den nächsten Monaten ändern. Die bayerischen Wohnungsunternehmen schätzten im Juli, dass allein der bis dahin eingetretene Anstieg des durchschnittlichen Gaspreises von 7 auf 13 Cent pro Kilowattstunde für einen durchschnittlichen Haushalt 1700 Euro Mehrkosten pro Jahr bedeute. Das wären gut 140 Euro monatlich.

Seither ist der Gaspreis laut Portal Verivox noch einmal um etwa fünf Cent gestiegen, eine weitere Verteuerung wird erwartet. Dazu kommt noch die Gasumlage, deren Höhe die Bundesregierung am Montag bekannt geben will. Und abgesehen vom Gas dürften auch Lebensmittel, Strom und viele andere Dinge teurer werden.

"Anstieg trifft auch Mittelstand"

"Der Anstieg der Energiekosten wird nicht nur die Schwellenhaushalte treffen, sondern auch den Mittelstand", prophezeite deswegen VdW-Direktor Maier. "Ich glaube, dass mehr Menschen die Vorauszahlungen, vielleicht auch irgendwann die Miete nicht mehr bezahlen können."

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat weitere Hilfen für die Bürger versprochen, aber die Höhe ist bislang unklar. Auf Dauer führe weniger Einkommen "erst in die Überschuldung und dann möglicherweise in die Privatinsolvenz", sagte Frank Schlein, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Crif. "Personen, die eine Privatinsolvenz anmelden, müssen dabei nicht zwingend hoch verschuldet sein." Ein Großteil der Betroffenen hat demnach in Summe Schulden von weniger als 10.000 Euro.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 14. August 2022 um 07:00 Uhr.