Ein Tesla lädt an einer Ladesäule. | dpa
Analyse

Energiekrise und Verkehr Macht teurer Strom E-Autos unattraktiv?

Stand: 16.10.2022 15:20 Uhr

E-Autos galten bislang als günstiger im Betrieb im Vergleich zum Verbrenner. Doch mit steigenden Stromkosten ändert sich die Kalkulation. Dabei sind allerdings viele Faktoren zu beachten.

Von Jürgen Seitz, BR

Steigende Strompreise können Elektroautos im Vergleich zu Verbrennern unattraktiver machen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Center Automotive Research (CAR) - die für Diskussionen sorgt, wenn es um Kaufentscheidungen und die Zukunft der Elektromobilität geht. Kostenbetrachtungen wie diese haben Konjunktur, weil die Energiepreise durch den Krieg in der Ukraine rasant steigen. Doch welche Aussagekraft haben sie?

E-Autos ab 50 Cent Stromkosten im Nachteil

Die CAR-Studie hat drei Mittelklasse-Benziner mit dem Tesla Model 3 verglichen und dabei verschiedene Strompreise pro Kilowattstunde sowie einen Benzinpreis von 1,87 pro Liter unterstellt. Angenommen wurde eine Jahres-Fahrleistung von 15.000 Kilometern. Eines der Rechenbeispiele unterstellt einen Strompreis von 32 Cent pro Kilowattstunde (kWh) für den Ladestrom und 1,87 Euro für den Liter Benzin für den Verbrenner.

"Bei diesen Bedingungen funktioniert Elektromobilität gerade noch", sagt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Bei 50 Cent pro kWh, wie ihn zum Beispiel das Prognos-Institut für 2023 vorhersagt, liegen laut CAR-Studie die Gesamtbetriebskosten für ein E-Autos um 71 Euro höher als bei einem vergleichbaren Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Dieses Ergebnis wird auch durch einen aktuellen Kostenvergleich der "Auto Bild" bestätigt. Beim HPC-Schnellladen, so das Ergebnis, seien E-Autos bereits teilweise gegenüber Verbrennern im Nachteil.

Gesamtkosten aussagekräftiger

Der ADAC hingegen kam noch im Mai 2022 zu keinem eindeutigen Ergebnis - weil ein seriöser Kostenvergleich viel mehr Einflussgrößen als nur die Strom- oder Spritpreise betrachten muss. In die Kostenberechnung des ADAC flossen daher "sämtliche Aufwendungen ein, die beim Autofahren anfallen". Das umfasst Versicherung, Kfz-Steuer, Ausgaben für Wartung und Reparaturen, Reifenverschleiß, Kraftstoff/Stromkosten und eine Pauschale für die Wagenwäsche und Wagenpflege.

Hinzu kommen Änderungen bei Rabatten und staatlichen Förderungen, die eingerechnet werden müssen. Besonders problematisch sind hier die aktuell langen Lieferzeiten, denn E-Auto-Prämien fließen - wenn überhaupt - erst nach Erhalt des Fahrzeugs und nicht schon bei Vertragsabschluss. Ergebnis: Ob hier der elektrische Antrieb oder der Verbrenner die Nase vorn hat, ist modellabhängig.

Spartipps gegen steigende Strompreise

Berechnungen dieser Art werden also immer mehr zu Momentaufnahmen. Auf die Nachfrage des BR zu Preisgarantien reagieren die großen Stromversorger ausweichend. Alle beobachten die Preisentwicklungen auf den Energiemärkten und sehen sich nicht in der Lage, Erhöhungen auszuschließen. Großanbieter E.ON hat auf Anfrage - ohne konkreter zu werden - bestätigt, die Preise zu Mitte Oktober anzupassen, also zu erhöhen.

Daher rückt die Frage in den Vordergrund, was E-Auto-Fahrer selbst tun können, um ihre Kostenvorteile zu erhalten. Ladekosten hängen nämlich stark vom Ort, der Ladeart und dem gerade geltenden Stromtarif ab. Laden an der heimischen Wallbox ist günstiger als der Schnelllader an der Autobahn. Kostenfreies Laden am Arbeitsplatz oder beim Supermarkt dürfte mit zunehmendem Strompreis rarer werden. So bieten die Ketten Lidl und Kaufland seit Mitte September auf ihren Parkplätzen keinen Gratis-Strom mehr für E-Autos an.

Also bleibt E-Auto-Fahrern nichts anderes übrig als Benzinkunden: Preise vergleichen im Tarifdschungel. Immerhin sind der Bundesnetzagentur rund 66.000 Ladepunkte in Deutschland gemeldet, teilweise mit unterschiedlichen Bezahlmodellen. Neben den etablierten Spritpreis-Apps gibt es mittlerweile auch Ladetarifvergleiche für Smartphone-Nutzer. Was Verbrenner und E-Autos ebenfalls eint: Die individuelle Fahrweise entscheidet mit über die Kosten.

Alle Kostenfaktoren beobachten

Wer langfristig wissen will, sie sich die Kosten entwickeln, sollte folgende Komponenten fest im Blick haben:

1. Wie entwickelt sich der Kostenanteil von E-Auto-Akkus? Die vergleichsweise teure Antriebsbatterie macht rund ein Drittel der E-Auto-Kosten aus und sorgt so für höhere Anschaffungspreise als bei Verbrennern. Bei Klein- und Kompaktfahrzeugen betragen die Batteriekosten sogar bis zu 40 Prozent. Genau solche Modelle wären aber nötig, um E-Mobilität massentauglich zu machen. Durch höhere Stückzahlen und verbesserte Technologie sinkt dieser Kostenanteil seit vielen Jahren - allerdings seit 2020 stark abgeschwächt. Was wiederum dazu führt, dass die Pkw-Hersteller mit kleinen Autos kein Geld verdienen und lieber margenstarke, teure E-Autos bauen, so Autoexperte Dudenhöffer.

2. Wie entwickelt sich das Angebot der nötigen Rohstoffe? Ohne Lithiumcarbonat sind Akkus in der Masse momentan nicht denkbar. Für die Herstellung einer Elektroauto-Batterie werden rund zehn Kilo des Alkalimetalls benötigt. Der Preis dafür hat sich im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht. Lieferprobleme und Versorgungsengpässe treiben auch die Preise von Nickel und Kobalt. Der Markt erwartet dem Fachmagzin elektronik.net zufolge daher, dass der Aufwärtsdruck auf die Batteriekosten anhalten wird. Gleichzeitig wirkt dies jedoch als Anreiz, wirksame Recyclingtechnik und alternative Aggregate wie zum Beispiel Natrium-Ionen-Akkus zu entwickeln. Mittelfristig bleibt jedoch festzuhalten: Teure Akkus werden langsamer billig als erhofft.

3. Wie entwickeln sich die Komponenten für den Strompreis? Der Staat nimmt mit Steuern und Abgaben Einfluss auf den Strompreis, zuletzt mit dem Wegfall der EEG-Umlage zum 1. Juli 2022. Noch bedeutsamer sind jedoch die Energieträger, aus denen Strom gewonnen wird. Fest steht: Der sanktionsbedingte explosionsartige Anstieg der Gaspreise und der daraus resultierende neue Nachfrageschub für Kohlestrom werden die Stromproduktion massiv verteuern. Darauf müssen sich E-Auto-Interessenten einstellen.

4. Wie entwickeln sich die Sprit-Preise? Strom wird nur dann vergleichsweise ungünstiger, wenn die Spritpreise nicht im gleichen Maß explodieren. Der ADAC hält den Benzinpreis für weiterhin überhöht und sieht vor allem die Preisentwicklung bei Diesel mit "großer Sorge". Obwohl auf einen Liter Diesel über 20 Cent weniger Steuern anfallen als auf Super E10, sei Diesel "aktuell gut 13 Cent teurer". Weitere Einflussfaktoren sind der im Verhältnis zum Euro hohe Dollarkurs und die angekündigte Reduktion der Ölfördermengen durch die OPEC+ in den kommenden Monaten. Sprit bleibt also wie Strom vergleichsweise teuer und schwankungsanfällig. Wahr ist aber auch: Seit Jahresbeginn 2022 stieg der durchschnittliche Strompreis (plus 38 Prozent) gut doppelt so stark wie der durchschnittliche Literpreis für Super E10 (plus 18 Prozent). Hinzu kommt: Die Entwicklung alternativer Kraftstoffarten könnte auf lange Sicht kostensenkend für Verbrenner wirken. So wird in sogenannte E-Fuels international investiert. Indes haben mit Mercedes-Benz, Volvo, BYD, Tata Motors sowie Ford und General Motors sechs große Autohersteller die Ergebnisse der UN-Klimakonferenz in Glasgow ("Abschied vom Verbrennungsmotor") unterzeichnet. Nicht unterzeichnet haben Hersteller wie BMW, Toyota oder Renault , die bewusst für Technologieoffenheit der Antriebsarten plädieren.

Die Planungssicherheit schwindet

Fazit: Wer einen Benziner fährt oder sein E-Auto mit der heimischen Solaranlage über die Wallbox speist, hat aktuell etwas weniger Leidensdruck an der Preisfront. Sprit- und Strompreisvergleiche können kurzfristig genauso helfen wie sparsame Fahrweise oder Umstieg auf alternative Verkehrsmittel. Für die langfristige Kaufentscheidung eines Pkw taugen sie jedoch nur bedingt, weil viele Aspekte die Auto-Kosten weitaus stärker beeinflusst.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen am 01. September 2022 um 15:00 Uhr.