ABBA: Björn Ulvaeus (l-r), Agnetha Fältskog, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad | picture alliance/dpa/Industrial

Album vor Sprung an die Spitze Wie ABBA die Charts stürmen

Stand: 11.11.2021 12:16 Uhr

Das neue Album der schwedischen Pop-Band ABBA dürfte morgen auf Platz eins der offiziellen deutschen Charts landen. Wie werden diese ermittelt, und wie wichtig sind sie für die Musikindustrie?

Von Till Bücker, tagesschau.de

"Dancing Queen", "Waterloo" oder "Mamma Mia": Mit diesen Songs wurde ABBA weltberühmt, begeisterte Fans überall auf dem Globus und verkaufte insgesamt mehr als 400 Millionen Tonträger. Fast 40 Jahre nach ihrer Auflösung ist die schwedische Band auf die große Musikbühne zurückgekehrt und hat am vergangenen Freitag ihr neues Album "Voyage" veröffentlicht.

Bereits wenige Stunden nach dem offiziellen Release sprang es in den Amazon-Download-Charts auf den ersten Rang - wo es auch heute noch steht. Die beiden im Vorfeld veröffentlichten Singles "I Still Have Faith In You" und "Don't Shut Me Down" schafften es auf Anhieb auf die Plätze drei und fünf der offiziellen deutschen Single-Charts - auch wenn sie sich nicht einmal einen Monat in den Top-100 halten konnten.

Mehr als 2800 Händler liefern Daten

Kein Wunder, dass auch das neue Album an der Spitze der Charts erwartet wird. "Dafür braucht man keine Glaskugel", sagt Hans Schmucker von GfK Entertainment, einer Tochtergesellschaft des Marktforschungsinstituts GfK, die im Auftrag des Bundesverbands Musikindustrie seit 1977 die Musik-Charts ermittelt. Schon jetzt zeigten die Trends, dass das ABBA-Album einen der besten Starts der letzten Jahre hinlege - sowohl nach Stückzahlen als auch nach Umsatz.

Doch wie werden die Charts überhaupt ermittelt? "Grundlage sind mehrere Säulen: physische Produkte aus dem stationären Verkauf sowie dem E-Commerce, Musik-Downloads, seit vielen Jahren das Streaming und seit kurzer Zeit auch wieder das, was im Radio gehört wird", erklärt Schmucker im Gespräch mit tagesschau.de. "Wer über all diese Kanäle innerhalb einer Woche am erfolgreichsten war, landet letztlich auf Platz eins der Hitliste."

Dabei würden Verkäufe und Streams im Zeitraum von freitags bis donnerstags berücksichtigt. Am Freitag werden die Charts dann veröffentlicht. Die Daten der verschiedenen Absatzwege erhält GfK Entertainment nach eigenen Angaben von mehr als 2800 Händlern. Die Marktabdeckung liege bei etwa 90 Prozent.

Streaming als größter Treiber

Der gewählte Ansatz in Deutschland ist laut Schmucker weltweit einzigartig: Statt nach der Anzahl wie in anderen Ländern geht es hierzulande nach dem erzielten Umsatz. "Letztendlich ist es eine Kaufentscheidung des Konsumenten. Wenn er sich für ein bestimmtes Angebot entscheidet und zum Beispiel bereit ist, 30 Euro für die Deluxe-Version eines Albums zu zahlen, wird es in den Charts abgebildet", erklärt der Experte. Allerdings gebe es eine Preisobergrenze bei der Ermittlung, die bei 40 Euro pro Album und vier Euro pro Single liege.

Den mit 70,6 Prozent größten Anteil an den Erlösen der Musikbranche machte im ersten Halbjahr 2021 dem Bundesverband Musikindustrie zufolge das Streaming aus. Bei den Album-Charts sei allerdings Deutschland einer der Märkte, auf dem sich physische Produkte wie CDs noch gut gehalten hätten, so Schmucker. Bei den Single-Charts dagegen seien Spotify & Co. der mit Abstand größte Treiber.

"Alle Streams bekommen einen regelmäßig aktualisierten Durchschnittswert", erklärt der GfK-Vertreter. Dieser werde ab einer Abspieldauer von 31 Sekunden auf den jeweiligen Song angewandt. Aber: Lediglich kostenpflichtige Streaming-Angebote werden berücksichtigt. Neben YouTube fließe etwa auch das werbefinanzierte und kostenlose Spotify-Modell nicht in die offiziellen Single- und Albumcharts ein.

"Platz eins ist für die Künstler eine Menge wert"

Laut den GfK-Forschern haben die offiziellen deutschen Charts weiterhin eine sehr hohe Bedeutung in der Musikindustrie. "Der Markt wächst stetig, und es gibt immer mehr Konkurrenz. Heutzutage in einer Woche auf der eins zu landen und das erfolgreichste Produkt geschaffen zu haben, ist für die Künstler eine Menge wert", sagt Schmucker.

Außerdem gebe es mittlerweile den sogenannten Chart Award, der an die Musiker verliehen wird: "Das ist eine schöne Möglichkeit, den Fans zu zeigen: 'Hey, das haben wir zusammen erreicht!'" Das werde von den Künstlern sehr gut angenommen, denn die Interaktion über Social Media spiele für viele eine große Rolle. Kürzlich erhielt etwa Helene Fischer einen "#1-Award" für ihr neues Album "Rausch".

Helene Fischer mit #1Album-Award Offizielle Deutsche Charts | Sandra Ludewig/Universal Music

Helene Fischer erhielt kürzlich einen "#1-Award". Bild: Sandra Ludewig/Universal Music

Auch den Fans böten die Charts eine Orientierungshilfe, da es viele verschiedene und inoffizielle Listen gebe, die häufig nur einen Teilmarkt abbildeten. Der offizielle Stempel sorge dafür, dass auch viele Medien Meldungen zu den Charts aufgreifen, so Schmucker.

Wichtig für die Kommunikation

Das bestätigt auch Gregor Friedel, Musikchef bei SWR3, dem nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (agma) zweitstärksten Radioprogramm in Deutschland mit täglich 3,35 Millionen Hörern. "Die meisten Radiosender nutzen die Charts zumindest bei Veröffentlichungen wie 'Der Sommerhit des Jahres'", so Friedel gegenüber tagesschau.de. Im musikjournalistischen Kontext würden die Charts ebenfalls immer wieder zitiert.

Auch für die deutsche Musikindustrie habe die offizielle Liste noch immer eine große Bedeutung - zumindest in der Kommunikation. "Sonst würden sich nicht so viele schlaue Menschen Gedanken machen, durch welche Sondereditionen die Wahrscheinlichkeit steigt, auf die Nummer eins in den Verkaufscharts zu kommen", meint Friedel.

"Radio bringt Musik in den Mainstream"

Für die Musikauswahl von SWR3 und vielen anderen Radiosendern spielen die Charts dem langjährigen Musikjournalisten zufolge aber heutzutage eine eher untergeordnete Rolle. Ähnlich sieht es beim Streaming aus: "Wir verfolgen die Zahlen, aber auch hier ist der Markt zwischen Streamingdiensten und deren Usern und den Radiostationen und deren Hörern mitunter sehr weit auseinander."

Grundsätzlich gebe es verschiedene Mosaiksteine, die zwar angeschaut werden, aber keinen direkten Einfluss auf die Musikprogrammierung haben. Die eine Erhebung, die priorisiert werde, gebe es nicht. Oft sei es eher andersherum, sagt Friedel. "Eine hochrangige Managerin eines Major Labels hat mal zu mir gesagt: 'Einen Hit schaffst du mit Streaming, einen Smash-Hit nur mit Radio' - weil Radio das Thema Musik in den Mainstream bringt."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 05. November 2021 um 05:16 Uhr, 06:40 Uhr und 11:09 Uhr.