Eine Besucherin der Frankfurter Buchmesse hält eine aufwendig illustrierte Ausgabe von "Herr der Ringe" in den Händen | AFP

Trend zu Illustrationen Bücher werden immer schöner

Stand: 22.10.2021 18:11 Uhr

Die Verlagsbranche spürt eine verstärkte Nachfrage nach aufwendig gestalteten Werken. Dafür geben die Leser offenbar gerne ein paar Euros mehr aus. Doch das Geld kommt bei den Zeichnern nur bedingt an.

Von Daniel Hoh, HR

Für Verena Flor wirken luxuriös aufgemachte Bücher wie eine Frischzellenkur. Nicht für sie persönlich, sondern für ihre Branche. "Denn das ist das große Problem bei uns im Buchhandel: Das Publikum wird älter." Die Buchhändlerin arbeitet in der Thalia-Filiale in Hagen und beobachtet seit längerem einen Trend hin zum schönen Buch.

"Das hat angefangen mit Klassiker-Ausgaben", erzählt sie und nennt als Beispiel den Coppenrath-Verlag, der Romane von Theodor Fontane, Lew Tolstoi und Gustave Flaubert inzwischen in Schmuckausgaben verkauft. Das heißt: aufwendig verzierte und illustrierte Hardcover, aus edlem Strukturpapier, das Titel-Etikett teilweise mit Goldfolie überzogen. Im Buch findet der Leser nicht nur florale Muster, sondern auch Zeichnungen und Grafiken als Extras.

"Das Konzept funktioniert, nicht nur bei älteren, sondern auch bei jüngeren Lesern", sagt Flor. Die Klassiker-Ausgaben haben allerdings ihren Preis: Zwischen 22 und 44 Euro kostet das einzelne Exemplar.

Die Illustratorin Kat Menschik sitzt an ihrem Schreibtisch | picture alliance / dpa

"Bücher immer schöner zu präsentieren, liegt im Trend", sagte die Illustratorin Kat Menschik. Bild: picture alliance / dpa

Illustrationen für Erwachsene und Kinder

"Bücher immer schöner zu präsentieren, liegt im Trend, auf jeden Fall", registriert auch Kat Menschik. Die 53 Jahre alte Illustratorin lebt nahe Wriezen in Brandenburg und gilt als eine der bekanntesten Vertreterinnen ihrer Zunft. Sie hat im Galiani-Verlag eine eigene Reihe namens "Illustrierte Lieblingsbücher" und verschönert regelmäßig auch die Seiten der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

"Vor 10, 15 Jahren musste ich die Verlage noch triezen. Damals haben die gesagt: Illustrationen für Erwachsene, das braucht kein Mensch. Das hat sich komplett geändert", sagt sie. Zwar tauchen die meisten Zeichnungen noch immer in Kinderbüchern auf, doch die Freude am Verzieren zeigt sich längst auch bei anderen Literaturgattungen: das illustrierte Kochbuch, der Krimi mit ganzseitigen Abbildungen, das historische Sachbuch mit aufwendiger Gestaltung.

Menschik erinnert darüber hinaus an das Buch als Dekorationsartikel und erwähnt in dem Zusammenhang die sogenannten Coffeetable Books, oftmals großformatige Bildbände. "Wenn ich Bücher kaufe, lese und dann ins Regal stelle, dann ist es ja toll, wenn sie auch noch schön aussehen", so Menschik.

Verschiedene von Kat Menschik illustrierte Bücher liegen auf einem Tisch | picture alliance / dpa

Illustrationen sind längst nicht mehr auf Kinderbücher beschränkt, sondern sind auch in Büchern für Erwachsene gefragt. Bild: picture alliance / dpa

Keine Daten zu schönen Büchern

Viele in der Branche spüren zwar den Trend zur Illustration, mit harten Fakten lässt sich dieser aber kaum belegen. Beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels winkt man sofort ab. Aufwendig illustrierte Bücher ließen sich in keine Kategorie packen, um so Aussagen über steigende Verkaufszahlen oder ähnliches treffen zu können. Auch Verlage wie RandomHouse oder Hanser haben auf Anfrage keine Wirtschaftsdaten parat. Gerhard Lauer, stellvertretender Vorsitzender der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft, hat immerhin eine Erklärung für einen langfristigen Trend. Er schreibt, "dass in Buchausstattung einschließlich Illustrationen heute viel mehr investiert wird als noch vor 50 Jahren, auch weil die Kosten dafür so viel geringer geworden sind dank der Digitalisierung des Druckwesens".

Leichter fällt der Blick auf konkrete Projekte. Wolfgang Hörner, Programmchef des Galiani-Verlags, erinnert sich an ein Buch, das er im Oktober 2020 veröffentlicht hatte: "Welt der Renaissance", herausgegeben von Tobias Roth. Eine aufwendige Sammlung von Lyrik und Prosa aus der damaligen Zeit, die 640 Seiten kosten stolze 89 Euro. "Die erste Auflage von 10.000 Stück war nach eineinhalb Monaten vergriffen", sagt Hörner. Er glaubt, dass die überraschend hohe Nachfrage eben auch an der aufwendigen Gestaltung gelegen habe.

Solide Auftragslage, kleine Honorare

Für die Branche, so ist zu hören, sind die teureren, illustrierten Bücher finanziell attraktiv. Die Herstellungskosten seien zwar höher, dafür könnten die Verlage aber eben auch einen höheren Preis verlangen, am Ende springe eine prozentual höhere Gewinnrendite heraus. Ähnlich wie beim Rotwein im Supermarkt: Die sündhaft teure Flasche wirft mehr ab als die billige Massenware, auch wenn letztere sich natürlich viel häufiger verkauft.

Für die Zeichnerinnen und Zeichner, fast alle Freiberufler, scheint die Auftragslage derzeit nicht schlecht zu sein. Menschik berichtet, dass sie immer wieder Aufträge absagen müsse, weil sie so viel zu tun habe. Das dürfte an ihrem Bekanntheitsgrad liegen, den sie sich inzwischen erarbeitet hat. Für viele andere Illustratoren ist die Situation dagegen nicht so leicht. "Die Honorare im Buchmarkt stagnieren durchschnittlich auf einem zu niedrigen Niveau", sagt Annika Siems, die Vorsitzende der Illustratoren Organisation (IO). "Mit dem Job eine Familie zu ernähren, ist nicht einfach."

Höherer Verdienst außerhalb der Buchbranche

Wer eine Vorstellung vom monatlichen Bruttolohn bekommen will, kann den Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit zur Hand nehmen. Speziell Buchillustratoren tauchen darin zwar nicht auf, dafür artverwandte Berufe. So verdienen Comic-Zeichner in Deutschland im Median 3174 Euro brutto monatlich, die meisten Grafikdesigner und Gestalter kommen auf 3317 Euro, medizinische Illustratoren auf 3301 Euro brutto.

Siems glaubt, "dass nur wenige Illustratoren ein gutes Auskommen finden". Sie erzählt, dass manche ihrer Kolleginnen und Kollegen inzwischen Aufträge von Unternehmen außerhalb der Buchbranche annehmen, etwa von Konzernen wie Siemens, Deutsche Bank und Co. Diese beauftragen zum Beispiel für einen Tag einen Zeichner oder eine Illustratorin mit dem sogenannten Graphic recording. Dabei werden Ideen und Informationen, ob bei einem Strategie-Meeting oder einer Konferenz, visuell mit Hilfe von Zeichnungen protokolliert. Häufig zahlen die Firmen dafür attraktive Tagessätze.

Teurer Klassiker im Ledereinband

Nichtsdestotrotz genießt das Verschönern von Büchern derzeit eine hohe Wertschätzung. Bleibt die Frage, wie viel Geld die Leserinnen und Leser tatsächlich bereit sind auszugeben, um ein aufwendig illustriertes Buch zu kaufen. Verena Flor lotet in der Thalia-Filiale in Hagen gerade die Schmerzgrenze ihrer Kunden aus: Auf dem Büchertisch liegt unter anderem eine limitierte Luxusedition aus Leder von Tolkiens "Herr der Ringe". Das Buch wartet unter anderem mit zwei Lesebändchen auf, einem vierfarbigen Textdruck mit hochwertiger Goldprägung und einer aufklappbaren Karte. Der Preis: 900 Euro.