Menschen tanzen in einem Club | picture alliance/dpa
Reportage

"Tanzverbot" ab Mittwoch Berliner Clubs vor nächstem Lockdown

Stand: 03.12.2021 15:56 Uhr

Der Party-Hauptstadt Berlin steht die nächste pandemiebedingte Schließung aller Clubs bevor. Auch ohne einen weiteren Lockdown kämpfen viele Betreiber bereits ums nackte Überleben.

Von André Kartschall, rbb

Es ist Mitternacht, und die womöglich letzte Party im "Weißen Hasen" geht schon mal bescheiden los. Der erste DJ ist nicht aufgetaucht, und der Chef muss selbst auflegen. Maik Maschine, Betreiber des "Hasen", spielt Techno-Beats mit zarten 1990er-Jahre-Anleihen. Wäre kein Corona, würden jetzt hier bis zu 500 Leute feiern. Bislang sind rund 20 erschienen, etwa die Hälfte von ihnen tanzt.

Andre Kartschall

Corona-Kontrollen bei Minusgraden

"2G+, 50 Prozent - das sind die Regeln", sagt Maik. Zutritt also nur für Geimpfte oder Genesene plus ein aktueller negativer Schnelltest. Und nur 50 Prozent Auslastung sind zugelassen, maximal 250 Menschen also. "Die bekommen wir gar nicht zusammen", sagt Maik. "Statt einer Minute am Einlass brauchen wir pro Person momentan fast zehn." Ausweis, Impfnachweis, eine Online-Registrierung und das aktuelle Testzertifikat müssen überprüft werden. "Und viele machen den Test erst hier. Nochmal zehn Minuten. Bis wir 250 Leute reingelassen haben, ist die Hälfte schon wieder gegangen."

Draußen vor der Tür haben sich die Pfützen längst in Eisflächen verwandelt. Ein Dutzend Menschen friert in der Schlange. Türsteher Stefan versucht, die Bürokratie mit Freundlichkeit zu bewältigen. "Bürger, bitte als erstes den Ausweis vorzeigen", spricht er die Gäste an. Bei manchen funktioniert der QR-Code nicht, bei anderen ist der Akku alle. Es dauert. Stefan versucht ein Lächeln und hüpft bei Minusgraden von einem Bein aufs andere.

Noch immer Warten auf Corona-Hilfen

Um zwei Uhr ist die Tanzfläche gut gefüllt, rund 100 Leute sind mittlerweile im Club. Maik übergibt im fliegenden Wechsel an Kai, einen DJ aus der Berliner Szene. Man kennt sich. Im Obergeschoss ist das kleine Büro des "Hasen". Maik fährt den Computer hoch und trägt vor, welche Spuren die Corona-Zeit finanziell hinterlassen hat. "Das Polster ist alle", sagt er. "Auf die Soforthilfe IV 4.0 warte ich immer noch. Aber eine Antwort habe ich schon: 'Wir bitten, von Nachfragen abzusehen'."

Seit dem ersten Lockdown hat sich auch das Publikum im "Hasen" gewandelt - mehr Touristen, weniger Stammgäste. Niemand kann so richtig erklären, wie das zu Reisebeschränkungen und dergleichen passt. Einer, der schon in den 1990ern beim Techno dabei war, ist Jan, 50, aus Berlin. Zehn, zwölf Stunden Durchtanzen sind für ihn immer noch normal. "Ich bin mit dieser Musik schon durch die Wende gegangen vor 30 Jahren. Ich nehme jeden Abend mit, an dem ich weggehen kann. Ich lebe das. Leben ohne Techno - das ist knapp vor Gefängnis."

Kommt der Lockdown, kommt er nicht?

Jan ist einer der wenigen hier, die überhaupt auf dem Schirm haben, dass die Clubs eventuell an diesem Wochenende schon wieder geschlossen werden könnten. Die meisten reagieren überrascht, einige haben ihr Party-Wochenende schon bis Montag durchgeplant. Marie, 36, ebenfalls Berlinerin, hat erst vor wenigen Stunden erfahren, dass heute der letzte Abend sein könnte. 2G-Partys zu untersagen, ergibt für sie keinen Sinn: "Weil das Publikum hier ja nicht die Intensivstationen voll macht." Betreiber Maik versteht schon länger nicht mehr alles, was öffentlich diskutiert wird. "Die sagen, die Ungeimpften sind schuld an der vierten Welle. Und dann sagen sie: wir machen am besten erst mal die Clubs zu - also die Orte, an denen alle geimpft und getestet sind?"

DJ Kai ist fertig mit seinem Set und steigt - noch etwas außer Atem - die Treppe hoch. "Und, was gibt's an Gage?", fragt er und fährt sich durch seinen grauen Vollbart. "Nicht so viel", sagt Maik. Innerhalb von Sekunden ist das Geschäftliche geklärt. Reich wird heute Abend keiner von beiden, soviel ist klar. Vor Corona soll die Club-Branche der Hauptstadt insgesamt 1,5 Milliarden Umsatz pro Jahr eingebracht haben. Im Moment ist sie eher ein Zuschussgeschäft: für den Staat, der Unterstützung leistet und für die, die eigentlich davon leben - und momentan zu unwirtschaftlichen Konditionen arbeiten.

Am Wochenende darf noch getanzt werden

Halb fünf Uhr morgens. Daniel, 28, will rein, hat aber keinen Test dabei. Also Abstrich machen, warten. "Ich hab vorhin erst mitgekriegt, dass das hier die letzte Nacht ist." "Nein", rufen andere Gäste in der Warteschlange, "am Wochenende ist noch auf". Nach zehn Minuten Erörterung der aktuellen Corona-Lage ist auch niemand schlauer, aber wenigstens sind alle Tests negativ. Daniel und die anderen verschwinden direkt in Richtung Tanzfläche.

"Wir haben 'ne 361er-Inzidenz, Tendenz fallend", sagt Betreiber Maik. "Wenn wir das Wochenende noch abwarten, sind wir vielleicht schon wieder unter der 350er-Marke". Dann, so die Hoffnung hier, müssten sie vielleicht doch nicht schließen. Und wenn doch? Was heißt das für das Überleben des Clubs, für die Mitarbeiter? "Dann ist Kartoffelsalat", sagt Türsteher Stefan in breitem Berlinerisch. "Kurzarbeitergeld oder so, naja wir haben schon mal lauter gelacht." Er zuckt mit den Schultern, reibt sich die kalten Hände und hüpft von einem Bein aufs andere. Acht Stunden später gibt der Berliner Senat das Ergebnis seiner Beratungen bekannt: die Clubs bleiben erst einmal offen - aber ab Mittwoch herrscht "Tanzverbot".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. November 2021 um 20:00 Uhr.