Hand hält eine Zapfpistole an einer Tankstelle | dpa

Driving Season stützt Ölpreis Steigen die Spritpreise zu Ostern wieder?

Stand: 13.04.2022 15:46 Uhr

Die Spritpreise sind zuletzt deutlich gesunken. Müssen Autofahrer nun zu Ostern und Pfingsten wieder mit stark steigenden Preisen für Benzin und Diesel rechnen? Der Ölmarkt gibt etwas Entwarnung.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Die Preise an Deutschlands Tankstellen sind im Vergleich zur vergangenen Woche deutlich gesunken. Dem ADAC zufolge kostete ein Liter Benzin gestern im bundesweiten Durchschnitt 1,944 Euro und somit 4,6 Cent weniger als in der Vorwoche. Der Dieselpreis sank sogar um 8,3 Cent und liegt aktuell bei 1,968 Euro pro Liter. Das Potenzial für Preissenkungen sei da, so der Automobilclub.

Dem steht jedoch eigentlich die "Driving Season" entgegen. Der Zeitraum vor Ostern und bis Pfingsten geht üblicherweise mit einem stark erhöhten Verkehrsaufkommen einher, was sich in steigenden Ölpreisen widerspiegelt. "Der Preisanstieg 20 Tage vor Ostern bis Pfingsten beträgt seit 1987 im Schnitt rund zehn Prozent", betont Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest im Gespräch mit tagesschau.de.

Ölpreis weiter bei rund 100 Dollar?

"Doch in diesem Jahr hatten wir schon einen wichtigen Hochpunkt im Öl- und Benzinpreis Anfang März", so Rethfeld. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine war der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent in der Spitze bis auf fast 140 Dollar gestiegen. Aktuell werden rund 105 Dollar für ein Fass Brent gezahlt.

"Das typische Driving-Season-Hoch wurde gewissermaßen vorgezogen durch den Ukraine-Krieg. Dadurch ist die Luft etwas raus, was weitere Preissteigerungen anbelangt", erklärt Rethfeld. Allerdings dürfte der Driving-Season-Effekt verhindern, dass der Ölpreis fällt. "Der Ölpreis dürfte bei rund 100 Dollar pro Barrel auf einem erhöhten Niveau verharren. Die preissteigernden und die preismildernden Effekte werden sich in etwa ausgleichen."

Niedrigere China-Nachfrage drückt Ölpreis

Preismildernde Effekte sind dabei sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite auszumachen. So wird russisches Öl der Sorte Urals derzeit 30 Dollar günstiger gehandelt als die Nordseesorte Brent. Russland verkaufe sein günstigeres Öl aktuell stark in Richtung China und Indien, so Rethfeld. "Aus diesen Ländern kommt somit eine niedrigere Nachfrage nach Brent- oder WTI-Öl."

Hinzu kommt: Die Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung dürfte die dortige Nachfrage sinken lassen. Die zweitgrößte Volkswirtschaft erlebt gerade ihre größte Corona-Welle seit dem Ausbruch der Pandemie vor mehr als zwei Jahren.

IEA rechnet mit schwächerer Öl-Nachfrage

"Die Lockdown-Maßnahmen, die den Ölverbrauch im zweitwichtigsten Verbrauchsland bremsen, drohen noch länger anzudauern", erklärt Commerzbank-Rohstoffexpertin Barbara Lambrecht.

Vor diesem Hintergrund rechnet denn auch die Internationale Energieagentur (IEA) in diesem Jahr mit einer geringeren Erdölnachfrage. Die Agentur mit Sitz in Paris reduzierte zur Wochenmitte ihre Prognose für die tägliche Ölnachfrage um 260.000 Barrel auf nunmehr 99,4 Millionen Barrel je Tag. Besonders deutlich heruntergeschraubt wurden die Erwartungen für China.

Eine Million Barrel mehr Öl pro Tag

Darüber hinaus drückt auch ein steigendes Öl-Angebot auf die Ölpreise. Die USA haben einen Teil ihrer nationalen Ölreserven freigegeben, um die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf dem Ölmarkt zu mildern. Für die nächsten sechs Monate soll durchschnittlich jeden Tag eine Million Barrel Rohöl zusätzlich auf den Markt kommen.

Diesen preismildernden Effekten stehen jedoch zahlreiche (potenzielle) Preistreiber gegenüber. So wird weiterhin ein Ölembargo der EU gegen Russland diskutiert - auch wenn sich dafür bislang noch keine Mehrheit gefunden hat.

Die Folgen eines Ölembargos

Marktexperte Rethfeld rechnet für den Fall eines Ölembargos mit einem plötzlichen Ölpreisanstieg. "Doch dieser Effekt dürfte rasch in sich zusammenfallen. Der Markt würde sich auch an diese Situation gewöhnen. Der Ölpreis würde wieder Richtung 100 Dollar gehen", schätzt Rethfeld.

Dagegen hatte OPEC-Generalsekretär Mohammed Barkindo bei dem gestrigen Treffen des Ölkartells vor einem Ausfall von mehr als sieben Millionen Barrel Öl pro Tag an Öl-Exporten aus Russland gewarnt und erklärt, es sei "nahezu unmöglich, einen Verlust in dieser Größenordnung zu ersetzen". Das hatte den Ölpreisen einen Schub gegeben und etwa den Brent-Preis um mehr als sechs Prozent nach oben schnellen lassen.

OPEC als möglicher Preistreiber

Tatsächlich trägt die verhaltene Förderpolitik der OPEC tendenziell eher zu einem Anstieg der Preise bei. Die OPEC-Länder waren zuletzt sogar teilweise unter ihren Vorgaben geblieben, weil einige Länder nicht so schnell so viel Öl fördern konnten.

"Bei einigen OPEC-Ländern ist es aber auch eher eine Frage des Nicht-Wollens denn des Nicht-Könnens", unterstreicht Wellenreiter-Experte Rethfeld. So sei etwa der von US-Präsident Joe Biden wegen des Khashoggi-Mords gerügte saudische Kronprinz Mohammed bin Salman nicht bereit, den Amerikanern entgegenzukommen. "Das ist eher eine politisch-persönliche Geschichte."

Robert Rethfeld | Wellenreiter Invest

Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest vermutet auch persönliche Motive hinter der zögerlichen Förderpolitik Saudi-Arabiens. Bild: Wellenreiter Invest

Wahl-Effekt droht am Ölmarkt zu verpuffen

Vor dem Hintergrund der großen geopolitischen Gemengelage dürfte somit unterm Strich die Preisrally zu Ostern und Pfingsten in diesem Jahr nicht die übliche herausragende Rolle am Ölmarkt und damit an den Tankstellen spielen. Und nicht nur die Driving Season, auch ein weiterer saisonaler Effekt könnte am Ölmarkt dieses Jahr nicht so zum Tragen kommen wie gewohnt: Üblicherweise fallen die Ölpreise vor US-Zwischenwahlen im Herbst.

Doch im Oktober läuft diesmal die Freigabe der strategischen Ölreserven in den USA aus. Bereits im Vorfeld könnten Händler mit Blick auf das dann wieder sinkende Angebot auf steigende Ölpreise wetten. "Das wäre mit Blick auf die Zwischenwahlen eine große Herausforderung für Joe Biden", betont Rethfeld. "Bisher hat es noch fast jeder US-Präsident geschafft, die Ölpreise vor wichtigen Wahlen zu drücken."