Euromünzen fallen auf Euroscheine
Hintergrund

Negativzins für Guthaben Wenn das Sparen plötzlich kostet

Stand: 18.06.2021 08:58 Uhr

Bisher verlangten Banken Negativzinsen vor allem von Neukunden. Immer häufiger trifft es auch Bestandskunden. Verbraucherschützer raten, sich darüber klar zu werden, was man mit dem Geld machen möchte.

Von Iris Völlnagel, SWR

Ärger und Beschwerden von Verbrauchern gehören für Josephine Holzhäuser, Finanzexpertin bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, zum Alltag. Doch seit Jahresbeginn kommen immer mehr Verbraucher zu ihr, die sich von ihren Geldinstituten "verraten und verkauft" fühlen. Der Grund: Immer mehr Banken und Sparkassen führen Negativzinsen auf Giro- und Sparkonten ein.

Iris Völlnagel

Mehr als 345 Institute kassieren Negativzinsen

Viele Ältere, aber auch Jüngere suchten nun den Rat der Verbraucherschützer. Die meisten seien jahrelang Kunden gewesen, hätten ihre Baufinanzierungen oder Versicherungen bei den Banken abgeschlossen, und jetzt bekämen sie Kündigungsandrohungen, wenn sie nicht bereit seien, Negativzinsen zu bezahlen, erzählt Holzhäuser. "Aus meiner Sicht ein ungeschicktes Geschäftsgebaren." Die Menschen fühlen sich genötigt und unter Druck gesetzt. Viele Ältere sind überfordert - vor allem die, die online nicht so fit sind.

Seit Jahresbeginn haben in Deutschland mehr als 170 Banken und Sparkassen Negativzinsen eingeführt. So das Ergebnis einer Untersuchung des Internetportals www.biallo.de. Jede dritte Bank gewährt nur einen Freibetrag von 25.000 Euro. Auch das Verbraucherportal Verivox recherchiert und veröffentlicht regelmäßig die online zugänglichen Produktübersichten und Preisverzeichnisse von rund 1300 Kreditinstituten. Demzufolge haben inzwischen mehr als 345 Banken Negativzinsen für Privatkunden eingeführt.

19 Banken verlangen Gebühren für das üblicherweise kostenlose Tagesgeldkonto. Auch so entsteht ein faktischer Negativzins. Hinzu kämen die Banken, die keine Informationen veröffentlichen, so Verivox. Zuletzt hat die Postbank angekündigt, zum 21. Juni die Freigrenzen für Spareinlagen zu senken und bei Neukunden ein "Verwahrentgelt" ab 50.000 Euro auf dem Girokonto und 25.000 Euro auf dem Tagegeldkonto einzuführen. Beiträge oberhalb dieser Grenze werden mit 0,5 Prozent belastet. Bislang lag der Freibetrag bei 100.000 Euro.

Banken zeigen mit dem Finger auf die EZB

Als Begründung für das "Verwahrentgelt" führen die Finanzinstitute immer wieder an, dass sie selbst Negativzinsen an die Europäische Zentralbank (EZB) zahlen. 2014 begann diese, Strafzinsen auf Geld, das die Geschäftsbanken auf ihrem Zentralbankkonto parken, zu verlangen. Allerdings werden den Banken inzwischen Freibeträge eingeräumt. Kritiker monieren daher, dass die Geldhäuser mit dem Negativzins ein Geschäft machen.

An dieser Praxis werde sich in absehbarer Zeit nichts ändern, befürchtet Verbraucherschützerin Holzhäuser. "Wenn es eine Bank macht, ziehen die anderen nach. Wenn es in dem Tempo weitergeht, schaut man nicht mehr, welche Bank hat keine Negativzinsen, sondern ab welchem Freibetrag", so Holzhäuser.

Ob die Einführung von Negativzinsen grundsätzlich zulässig ist, müsse noch gerichtlich geklärt werden, weiß David Bode vom Team Rechtsdurchsetzung des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Der Verband hat in mehreren Bundesländern Klagen an unterschiedlichen Gerichten eingereicht.  Dabei geht es sowohl um Giro-, als auch um Tagesgeldkonten. Wie lange die Klageverfahren dauern, sei schwer einzuschätzen, so Bode. Erste Urteile könnte es eventuell noch im laufenden Kalenderjahr geben. Möglicherweise muss am Ende der Bundesgerichtshof entscheiden.

Verbraucher in der Zwickmühle

Grundsätzlich sei zwischen Bestands- und Neukunden zu unterscheiden. Letzteren rät Finanzexpertin Holzhäuser vor Vertragsunterzeichnung zum Blick ins Kleingedruckte. Inzwischen sei es in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen vermerkt, ob ab einem bestimmten Betrag Negativzinsen erhoben würden.

Anders bei den Bestandskunden, hier brauchen Änderungen eine individuelle Vereinbarung. Im vergangenen Jahr hätten die Banken bei Bestandskunden noch mit sich reden lassen. Mittlerweile gehen die Kreditinstitute dazu über, die Geschäftsbeziehungen zu kündigen. "Das hat eine andere Dimension", so die Verbraucherschützerin. "Als Kunde muss ich dann entscheiden, unterzeichne ich oder nicht." Inzwischen rate sie aber immer häufiger zu unterschreiben, so Holzhäuser. "Wenn die Leute bei der Bank bleiben wollen, müssen sie in den sauren Apfel beißen und die weitere Rechtsprechung beobachten."

Wer nicht unterzeichnen möchte, sollte nicht darauf warten, bis das Kreditinstitut die Kündigung ausspricht, rät die Verbraucherschützerin. "Wir können noch nicht einschätzen, wie sich eine solche Kündigung beispielsweise auf die Schufa auswirkt." Alternativ könnten sich die Verbraucher auch eine neue Bank suchen. In aller Regel hat man etwas Zeit, weil die Bank sich mit ein bis zwei Monate Vorlauf an ihre Kunden wendet.

Geld umschichten, Geldanlagen prüfen

Viele Banken verlangten Negativzinsen bei Beträgen von mehr als 100.000 Euro. Das entspricht dem Betrag der Einlagensicherung; also jener Summe, für die die Bank die Garantie bei einem Totalausfall übernimmt. Wer mehr auf dem Konto habe, solle sein Geld auf mehrere Konten bei verschiedenen Instituten verteilen, so der Rat der Finanzexpertin.

Schließlich sollte jeder prüfen, warum er überhaupt so viel Geld auf dem Konto habe, so die Verbraucherschützerin. Dabei gelte auch: nicht ungeprüft jedes Angebot annehmen. "Im Zweifelsfall fährt man mit dem Negativzins besser, als das Geld Hals über Kopf anzulegen." Eine fondsgebundene Rentenversicherung mit zwölfjähriger Laufzeit ist für über 70-Jährige kein adäquates Angebot, so Holzhäuser. Außerdem könne man das Geld auch jederzeit in einem Schließfach oder Safe deponieren. Nur es zu Hause liegen zu lassen, sei wegen der Diebstahlgefahr die schlechteste Option, so die Finanzexpertin.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Februar 2021 um 17:05 Uhr.