Ein Fahrgast wartet auf dem Bahnsteig in Leipzig schlafend auf einen nach Notfallfahrplan fahrenden ICE der Deutschen Bahn | dpa
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Neuer Lokführer-Streik Was Reisende diesmal erwartet

Stand: 23.08.2021 05:06 Uhr

Reisende müssen auch bei dem neuerlichen Streik der Lokführer mit erheblichen Einschränkungen rechnen. Wie stark wird der Schienenverkehr diesmal gestört sein? Und was können Bahn-Kunden tun?

Urlauber und Berufspendler müssen seit der Nacht zum Montag wegen eines erneuten Streiks der Lokführergewerkschaft GDL bei der Deutschen Bahn mit Zugausfällen und Verspätungen rechnen. Es ist bereits der zweite Ausstand bei der Bahn in diesem Monat. Zwar ist die GDL deutlich kleiner als die EVG, vertritt aber rund 80 Prozent der DB-Lokführer.

Wie gravierend wird der neue Streik?

Im Güterverkehr hat der Ausstand bereits am Samstag begonnen. Seit heute Nacht um 2 Uhr wird auch der Personenverkehr bestreikt. Der Streik soll bis Mittwochfrüh andauern. Erfahrungsgemäß dürften sich die Auswirkungen aber bis in den Freitag hineinziehen.

Wie beim Streik vor zwei Wochen hat die Deutsche Bahn auch diesmal Ersatzfahrpläne für den Nah- und Fernverkehr erstellt. Sie kündigte an, jeden vierten Fernzug fahren zu lassen. Auch im Auslandsverkehr bemüht sich die Bahn die wichtigsten Verbindungen aufrecht zu erhalten. Von dem Streik sind auch der Regionalverkehr sowie die S-Bahnen betroffen. Das Unternehmen rät allen, "die nicht zwingend fahren müssen", ihre für den 23.8 und 24.8. geplanten Reisen zu verschieben.

Ein Notfahrplan kann auf der Website www.bahn.de oder in der App DB Navigator eingesehen werden. Zudem hat die Bahn wieder eine kostenlose Streikhotline eingerichtet, unter 08000-996633.

Welche Verbindungen werden besonders betroffen sein?

Die Deutsche Bahn bemüht sich zwar um ein Grundangebot und will, wie beim ersten Ausstand vor zwei Wochen, ein Viertel der Verbindungen anbieten. Nach Möglichkeit bedient werden sollen vor allem stark frequentierte Strecken sowie Anbindungen an wichtige Bahnhöfe und Flughäfen. Auch internationale Fernzüge sind von dem Ausstand betroffen. Allerdings verkehrt ein Großteil der Züge im grenzüberschreitenden Verkehr planmäßig. Lediglich Reisende von und nach Dänemark und Polen müssen mit einem Totalausfall ihrer Verbindungen rechnen.

Gibt es Hoffnung auf ein vorzeitiges Ende des Streiks?

GDL-Chef Claus Weselsky hat am Freitag bei der Streikankündigung seine Verhandlungsbereitschaft betont, sich aber entschlossen für weitere Streiks gezeigt, falls die Bahn ihr Angebot nicht verbessern sollte. "Stillstand bei der Angebotsverbesserung durch das Management der DB führt direkt zum Stillstand der Züge in Deutschland", so Weselsky.

Die Bahn zeigt sich nun gesprächsbereit und hat der Gewerkschaft eine Corona-Prämie angeboten, um die Streiks im Personenverkehr doch noch abzuwenden. Personalvorstand Martin Seiler sprach von einem "starken Signal der Einigungsbereitschaft". Er erklärte: "Mit einer Corona-Prämie kommen wir einem wichtigen Anliegen der Gewerkschaften entgegen. Damit kann es keinen Grund mehr geben, die Rückkehr an den Verhandlungstisch zu verweigern." Man gehe einen Schritt auf die GDL zu, "um weitere Streiks zu vermeiden und zügig zu greifbaren Lösungen zu kommen".

Die GDL lehnte das Angebot ab. "Beim vorliegenden Angebot handelt es sich nur um eine weitere Nebelkerze und den erneuten Versuch, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen", so Weselsky. Der Personenverkehr wird also wie geplant bestreikt.

Beim Arbeitskampf der GDL und der Bahn in den Jahren 2014 und 2015 hatten die Lokführer in acht sich steigernden Wellen weite Teile des Streckennetzes lahmgelegt. Die Voraussetzungen für einen derart schweren Konflikt sind aber diesmal nicht gegeben, weil die Bahn durch die Einschränkungen in der Pandemie und zuletzt die Hochwasserkatastrophe Verluste in Milliardenhöhe einfährt und nur einen geringen Verhandlungsspielraum hat.

In der Wirtschaft ist der Streik äußerst unpopulär, weil er die Engpässe in der Industrie weiter verschärfen dürfte. "Das dürften früher oder später auch die Verbraucher spüren, etwa beim Bau oder dem Autokauf", betont ein Sprecher des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). Schon jetzt machten etwa der Chipmangel oder Materialengpässe wie beim Holz auf dem Bau den jeweiligen Branchen zu schaffen. Mit dem Streik käme für die Sektoren, die bei ihren Lieferketten vor allem auf die Schiene setzten, ein weiteres Problem hinzu.

Welche Möglichkeiten haben Reisende?

Aus Kulanz hat die Bahn die Gültigkeit der Tickets des Streikzeitraums bis einschließlich Samstag, 4. September verlängert. Auch eine kostenfreie Erstattung der Zugtickets ist möglich, seit kurzem bietet die Bahn auch eine weniger langwierige Online-Abwicklung an. Zudem wurde die Zugbindung bei Sparpreisen für den Streikzeitraum aufgehoben.

Die Bahn warnt vor einer "sehr hohen Auslastung" der noch verkehrenden Fernzüge. Als Alternative bieten sich Fernbusse an, sowie auf einigen Strecken nach und von Berlin auch die Angebote der Bahn-Konkurrenz.

Worum geht es in dem Tarifkonflikt?

Die GDL fordert eine Lohnerhöhung von 1,4 Prozent in diesem Jahr und 1,8 Prozent Anfang 2022 sowie eine Corona-Beihilfe von 600 Euro noch in diesem Jahr. Die Bahn hatte zuletzt ebenfalls Lohnerhöhungen in zwei Schritten angeboten: 1,5 Prozent zum 1. Januar 2022 und 1,7 Prozent zum 1. März 2023, bei einer Laufzeit bis Ende Juni 2024. Die Zahlung einer Corona-Prämie hatte die Bahn in den bisherigen Gesprächen abgelehnt.

Die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) hatte schon im vergangenen Herbst einen Tarifabschluss mit der Bahn unterschrieben. Dieses Jahr gab es eine Nullrunde. Anfang 2022 erhalten die Beschäftigten in den Bahnbetrieben, die mehrheitlich von EVG-Mitgliedern vertreten werden, 1,5 Prozent mehr Geld. Betriebsbedingte Kündigungen sind ausgeschlossen. Die GDL kritisiert diesen Tarifvertrag als "völlig unzureichend".

Neben dem Streit über die Löhne tobt im Konzern ein Machtkampf zwischen der GDL und der EVG, der sich zuletzt durch die Anwendung des Betriebseinheitsgesetzes verschärft hat.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. August 2021 um 08:00 Uhr.