Autos fahren auf einer Autobahn | dpa

Geplantes Treuhänder-Modell Streit um die Autodaten

Stand: 31.01.2022 11:27 Uhr

Moderne Fahrzeuge sammeln Millionen von Daten, die bei Konzernen, Versicherungen und Behörden heiß begehrt sind. Die Bundesregierung plant einen Daten-Treuhänder - was die Hersteller kritisieren.

Die Bundesregierung stößt mit ihrem Plan eines Treuhänders für Autodaten auf Widerstand bei den Herstellern. Ein solcher Treuhänder soll nach dem Willen der Ampel-Parteien die Hoheit der Autobesitzer über die Fülle der von ihren Fahrzeugen erzeugten Daten gewährleisten. Außerdem soll er Datenzugang für Behörden, Versicherungen, TÜV oder auch Autowerkstätten bieten.

Der Verband der Automobilindustrie VDA fürchtet durch das Treuhänder-Konzept zusätzliche Bürokratie ebenso wie Missbrauch: "Für die Übertragung der Daten lehnt der VDA das sogenannte Treuhänder-Modell ab, da es aus unserer Sicht verschiedene Nachteile mit sich bringt", sagte VDA-Geschäftsführer Joachim Damasky.

Bei dem Streit geht es um eine Vielzahl widerstreitender Interessen und offener Fragen: von der Autoreparatur bis zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Dazu zählt die Verfügbarkeit von Autodaten für die Unfallaufklärung ebenso wie die Frage, ob Autohersteller und -zulieferer künftig gezwungen sein werden, die Früchte ihrer Software-Entwicklung mit Drittfirmen zu teilen.

Im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP heißt es dazu: "Zur wettbewerbsneutralen Nutzung von Fahrzeugdaten streben wir ein Treuhänder-Modell an, das Zugriffsbedürfnisse der Nutzer, privater Anbieter und staatlicher Organe sowie die Interessen betroffener Unternehmen und Entwickler angemessen berücksichtigt." Details zu den Plänen sind bislang nicht bekannt.  

Versicherer wollen Zugriff nach Unfällen

Diskutiert wird über den Autodaten-Treuhänder seit Jahren, maßgeblich angestoßen von der Allianz, dem größten deutschen Versicherer. Zunächst geht es für die Allianz und die Versicherungsbranche um ungehinderten Datenzugriff nach Schäden und Unfällen: "Wichtig ist, dass es kein Marktteilnehmer ist", sagt Christoph Lauterwasser, der Leiter des Allianz Zentrums für Technik (AZT), zum geplanten Treuhänder. "Wenn es beispielsweise um Unfallklärung oder Produkthaftung geht, sollte der Daten-Treuhänder weder eine Versicherung noch ein Autohersteller noch jemand anders sein, der mit diesen Themen aktiv befasst ist, sondern eine neutrale Stelle."

Der Versicherungsverband GDV fordert für seine Mitgliedsunternehmen grundsätzlich ein Zugangsrecht zu Autodaten, hat sich aber auf kein bestimmtes Modell festgelegt. "Daten vernetzter Autos gehören nicht den Herstellern", so GDV-Hauptgeschäftsführer Asmussen - sie gehörten in die Hände der Halterinnen und Halter. "Ob ein solcher wettbewerbsneutraler Zugang zu den Daten über ein Treuhänder-Modell oder auf andere Weise erfolgt, ist nachrangig."

Gegenvorschlag der Hersteller

Die Automobilindustrie sei grundsätzlich zum Teilen der im Fahrzeug generierten Daten bereit, so VDA-Geschäftsführer Damasky. "Wir möchten die Fahrzeugdaten für Dritte zugänglich machen, dabei aber sicherstellen, dass diese bei der Übertragung nicht manipuliert werden können."

Der Gegenvorschlag der Hersteller läuft darauf hinaus, Autodaten in der Obhut der Industrie zu belassen und ein "Trust Center" einzurichten, eine Einrichtung, die laut Damasky die Datenqualität zertifizieren könne. Aus Sicht der Hersteller sollen die Fahrzeughalter ihre Zustimmung zur Fremdverwendung der Fahrzeugdaten geben.

Wer bekommt Zugriff?

"Wir glauben, dass ein Treuhänder-Modell die Datenfreigabe verwässert und nicht nutzerfreundlich ist. Aus diesem Grund plädieren wir für die Abfrage aus einer Hand, und zwar über die Backends der Fahrzeughersteller“, so der VDA-Funktionär. Mit Backend sind in der IT-Sprache die für Nutzer unsichtbaren Teile eines Rechnersystems gemeint, also Server-Computer und sonstige Infrastruktur.

Damasky fordert schließlich eine zweckgebundene Freigabe. Es soll also aus Sicht der Hersteller nicht jeder Interessent von vornherein unbegrenzten Zugang zu Autodaten bekommen. Bei der Allianz klingt das anders: Auch "unabhängige Dritte" sollten Dienstleistungen anbieten können, "ohne dass der Fahrzeughersteller als Gatekeeper fungiert", sagt AZT-Leiter Lauterwasser.

Rückschlüsse auch auf den Fahrstil

Moderne vernetzte Autos sammeln eine Vielzahl von Daten, die Rückschlüsse auf das Nutzungsprofil, die Intensität der Nutzung, die Anzahl der Fahrer oder sogar den Fahrstil erlauben, wie der ADAC feststellt. Der Automobilclub hält es für ein Problem, dass der autofahrende Kunde nicht wisse, welche Fahrzeugdaten exakt gespeichert werden. Außerdem habe er auch keinen Zugriff darauf.

Deshalb fordert der ADAC-Technikpräsident Kasten Schulze: "Der Autofahrer muss Anbieter und datenbasierte Leistungen selbst aus- und abwählen können. Konkret bedeutet das, dass die EU-Kommission einen Gesetzesvorschlag für einen freien, vom Hersteller unabhängigen, sicheren Zugang zu den Fahrzeugdaten vorlegen muss."