Auf der Autobahn 8 fließt der Verkehr bei Ulm an der Landesgrenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern.  | dpa

Tempo auf Autobahnen Trotz teurem Sprit gibt Deutschland Gas

Stand: 15.06.2022 08:18 Uhr

Auch nach dem starken Anstieg der Kraftstoffpreise haben Autofahrer ihre Fahrweise nicht geändert. Das zeigt eine Auswertung von Navigationsdaten für das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus. Woran liegt das?

Von Sascha Schwarz, WDR

Benzin und Diesel sollten billiger werden - so hatte es die Regierungskoalition mit dem sogenannten Tankrabatt geplant. Das Ergebnis nach einer Woche: Der Plan funktioniert nicht. Sprit ist nach wie vor teuer wie nie. Konsequenzen aus den hohen Preisen ziehen Autofahrer aber nur selten. Das zeigt eine große Datenanalyse des Navigeräte-Herstellers TomTom exklusiv für die ARD.

"Geld scheint keine Rolle zu spielen"

Das Ergebnis der Studie, die in dieser Größe das erste Mal durchgeführt wurde: Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Autobahnen in Deutschland lag im vergangenen Monat bei 104 km/h. Im Februar, vor der großen Spritpreiserhöhung, lag sie bei 105 km/h. Das sieht auf den ersten Blick moderat und diszipliniert aus. "Es ist aber im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass die Baumaßnahmen zugenommen haben", sagt Datenanalyst Ralf-Peter Schäfer von TomTom. "Die Deutschen fahren wie früher, und Geld scheint keine Rolle zu spielen."

Wer in die Details der riesigen Datensammlung eintaucht, entdeckt ein weiteres Problem: Der Durchschnittswert zeigt einen trügerischen Ausschnitt. Etwa ein Viertel der Autofahrer in Deutschland fahren nämlich meist 130 km/h bis 150 km/h. Und auch die sind so schnell unterwegs wie immer. Dabei gebe es gerade hier das Potential, Treibstoff zu sparen und damit die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zum Beispiel aus Russland zu verringern, heißt es vom ADAC Nordrhein. Je nach Automodell und Fahrweise seien etwa 20 Prozent Einsparung möglich.

Riesiges Sparpotential

"Bei einem generellen Tempolimit von 100 auf Autobahnen könnte der Kraftstoffverbrauch um über drei Milliarden Liter gesenkt werden", sagt Claudia Kemfert vom Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Das würde gleichzeitig auch über neun Millionen Tonnen CO2 einsparen."

Aber warum zeigen Autofahrer dieses paradoxe Verhalten? Sie stöhnen über hohe Benzinpreise, fahren aber trotzdem so schnell wie bisher und verschenken damit bares Geld. Eine Umfrage des ARD-Wirtschaftsmagazins Plusminus an einer Autobahnraststätte liefert viele Gründe: Zeitdruck durch volle Terminkalender, Gruppendruck durch andere schnell fahrende Autofahrer oder ein Arbeitgeber, der die Tankkosten bezahlt.

Das Auto macht uns irrational

Einen weiteren Teil der Antwort hat Michael Haeser. Als Verkehrspsychologe beschäftigt er sich sonst mit notorischen Rasern und weiß daher, dass zügiges Fahren etwas Seltsames mit Menschen macht. "Je schneller ich fahre, desto mehr stößt der Körper Adrenalin aus. Gleichzeitig werden Endorphine ausgeschüttet, die unglaublich Spaß machen", sagt der Experte. Und weil es hier um Emotionen gehe und nicht um bewusste Entscheidungen, seien Appelle an die Vernunft der Autofahrer meistens sinnlos.

Das zeigen auch hohe Benzinpreise und immer leerere Portemonnaies. Die Konsequenzen: fast keine. Und darum fordern selbst Autofahrer bei der Umfrage auf dem Rastplatz, der Staat müsse endlich handeln: Ein Tempolimit solle das richten, was Autofahrer allein nicht hinkriegen.

Über dieses Thema berichtet das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus heute um 21.45 Uhr.