Viele Passanten laufen durch die Königstraße in Stuttgart | dpa

Einkaufsverhalten Dem Shoppingrausch folgt Vorsicht

Stand: 26.08.2021 13:27 Uhr

Kleidung im Laden anzuprobieren und Produkte anzufassen, hat vielen im Lockdown gefehlt. Danach war die Kauflust daher groß. Nun lässt die Shopping-Begeisterung langsam wieder nach - offenbar auch wegen steigender Preise.

Von Cecilia Knodt, SWR

Die Sonne knallt auf die Stuttgarter Königstraße. Die Innenstadt ist voll. Was nach wuseligem Wochenendgeschäft aussieht, ist zum gewohnten Bild auch unter der Woche geworden. Seitdem die Läden wieder geöffnet haben, sind auch an normalen Wochentagen die Shoppinghungrigen unterwegs in die Geschäfte.

Cecilia Knodt

Mitten unter ihnen ist Gülsah Polat. Sie macht einen Stadtbummel mit zwei Freundinnen. Die 32-Jährige ist schwanger. Im Lockdown sei sie daher ohnehin eingeschränkt gewesen und die meiste Zeit zu Hause, sagt sie. "Aber inzwischen gönne ich mir wieder alles. Eis essen gehen, Shoppen, und mein Highlight war der schöne Urlaub am Meer."

Reisen und Waschmaschinen hoch im Kurs

Nach monatelanger Unsicherheit und Abstinenz durch die Pandemie, jetzt wieder das Geld auf den Kopf hauen - dieses Phänomen nennt sich "Revenge Shopping". In den USA und China hat diese Art der Rachegelüste das Luxusgeschäft beflügelt. In Deutschland geht unfreiwillig gespartes Geld eher - wie bei Gülsah Polat - für Essen und Urlaube drauf.

Den größten Nachholbedarf hätten deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher derzeit in den Bereichen Gastronomie, Reisen und Veranstaltungen, so Petra Süptitz vom Daten- und Analytikunternehmen GfK. Hierfür seien sie bereit, mehr Geld auszugeben.

Die Expertin für Konsumtrends hat außerdem beobachtet: Am liebsten shoppen die Deutschen nach wie vor Produkte für die Zeit zu Hause, vor allem für die Küche und fürs Kochen in den eigenen vier Wänden. Exorbitant seien etwa die Umsätze von Elektrogroßgeräten gestiegen. Waschmaschine, Herd und Co. erzielten im ersten Halbjahr ein Plus von 8,5 Prozent.

Modegeschäfte leiden unter Lockdown-Folgen

Extrem gelitten habe dagegen der Bekleidungseinzelhandel, so Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE). Der Juni war zwar so umsatzstark, dass er das Vorkrisenniveau sogar leicht übertroffen hat. Beim Blick auf die ersten beiden Quartale fällt Tromps Bilanz allerdings nüchtern aus: "Insgesamt ist das erste Halbjahr für weite Teile des stationären Non-Food-Handels verloren." Grund war der monatelange, bundesweite Lockdown bis Juni.

Von ihm hat vor allem der Onlinehandel profitiert. Auch wenn sich während dieser Zeit nicht alle Einkäufe ins Netz verlagert haben - im vergangenen Jahr stiegen die Online-Umsätze um 34 Prozent, so eine Studie des Markforschungsunternehmens Nielsen IQ.

Auf dem Weg zum Online-Shopping-Erlebnis

Ein Gewinner mit Achillesferse, denn beim E-Commerce vermissen viele das Einkaufserlebnis, so auch Gülsah Polat: "Ich habe zwar online geshoppt, aber das fand ich nicht so prickelnd. Am liebsten gehe ich eben raus zum Shoppen, da kann ich besser stöbern und gute Rabatte finden."

Um Shopping auch Online zum Erlebnis zu machen, bilden sich im Netz mittlerweile neue Shoppingformen heraus wie der so genannte "Livestreaming Commerce". Bei einer Art virtueller Tupperparty beraten Influencerinnen und Influencer und testen Produkte. Teleshopping in den Sozialen Medien, wenn man so will. Doch das werde bislang eher von jungen Verbraucherinnen und Verbrauchern aus der "Generation Z" genutzt, so GfK-Trendforscherin Süptitz. 

Corona-Sorgen trüben gute Prognose

Wohin steuert der Konsum also in diesem Spannungsfeld von Onlinehandel und Corona-Einschränkungen? Laut jüngster GfK-Konsumklimastudie sind die Konsumentinnen und Konsumenten derzeit wieder verhaltener in Bezug auf Anschaffungen - und das trotz guter Einkommenserwartungen. Unsicherheiten rund um das Infektionsgeschehen und steigende Preise seien der Grund für das eher bewölkte statt sonnige Konsumklima.

Robert Lehmann aus dem Prognoseteam des ifo Instituts wagt dennoch eine positive Vorhersage für den privaten Konsum: "Die Einkommensperspektiven sind gut bis hin zu super, Kurzarbeit wird weniger, das Geld ist also da. Für das Jahr 2022 erwarten wir eine kräftige Konsumkonjunktur mit einem Plus von 7,2 Prozent." In der Regel seien solche Prognosen auch treffsicher. Doch in einem Punkt geht es Prognostikerinnen und Kunden ganz ähnlich: Immer wieder funkt ihnen die Pandemie dazwischen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Mai 2021 um 08:15 Uhr.