Demonstration des Bündnisses #AlarmstufeRot Anfang September in Erfurt | dpa

Großdemo in Berlin Veranstaltungsbranche schlägt Alarm

Stand: 09.09.2020 02:47 Uhr

Viele Event-Veranstalter stehen in der Corona-Krise vor dem Aus. Jetzt macht ein Bündnis mit einer Großdemo mobil, während sich die Branche notgedrungen neu erfindet.

Von Christian Kretschmer, SWR

Wenn Sebastian Schenk vom Zustand seines Arbeitgebers spricht, benutzt er zwei Substantive: "Winterschlaf" und "Katastrophe". Schenk leitet die Außenstelle eines großen Veranstaltungstechnik-Unternehmens. In der Lagerhalle im Mainzer Industriegebiet stapeln sich Scheinwerfer, Mischpulte und Mikrofone, die normalerweise bei Events im Einsatz wären. Aber seit März haben Schenk und sein Team so gut wie keine Aufträge mehr; die fünf Mitarbeiter am Standort sind in Kurzarbeit. "Das Schwierigste für mich ist, dass ich keine konkreten Aussagen machen kann, wann es wieder weitergeht", sagt Schenk.

Christian Kretschmer

Dabei macht Schenk weniger der Ausfall von Großveranstaltungen wie beispielsweise Konzerten zu schaffen. Es sind vor allem "Corporate Events", also Firmenversammlungen und Messen, die den Großteil des Umsatzes ausmachen und nun meist ausfallen. Die Folgen davon spürt nicht nur die Mainzer Niederlassung, sondern das gesamte Unternehmen mit seinen 800 Mitarbeitern. Das erwirtschafte seit einem halben Jahr gerade einmal fünf Prozent seines gewohnten Umsatzes, sagt Geschäftsführer Alexander Ostermaier.

Großdemonstration in Berlin

Ostermaier ist Mitorganisator von #AlarmstufeRot, eines Bündnisses von Unternehmen aus der Veranstaltungsbranche. Für den heutigen Mittwoch haben sie zur Demonstration in Berlin aufgerufen, um auf ihre wirtschaftliche Notlage aufmerksam zu machen. "Wir rechnen mit mindestens 10.000 Teilnehmern", sagt Ostermaier. Vor dem Reichstagsgebäude wollen die Demonstranten symbolisch "ihr letztes Hemd" niederlegen.

Nach Angaben des Bündnisses wären die wirtschaftlichen Folgen einer Pleitewelle in der Branche immens: Die Veranstaltungswirtschaft sei mit einem Umsatz von 130 Milliarden Euro der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands und beschäftige etwa eine Million Menschen. "Hier geht es also um wirklich viele Arbeitsplätze, die in Gefahr sind", sagt Ostermaier. Hinzu kommt, dass andere Branchen teils von Veranstaltungsunternehmen abhängig sind, etwa der Nah- und Fernverkehr sowie Hotellerie und Gastronomie.

Mehr staatliche Unterstützung gefordert

Das Bündnis #AlarmstufeRot fordert deswegen mehr staatliche Unterstützung für die Veranstaltungsbranche. So solle etwa das Überbrückungsprogramm des Bundes ausgeweitet werden. Der bislang gezahlte Höchstbetrag von 50.000 Euro im Monat sei für viele Unternehmen wegen weiterlaufender Fixkosten nicht ausreichend; für diese will #AlarmstufeRot einen Zuschuss von 80 Prozent sowie einen Zuschuss in Höhe von mindestens zwei Prozent des letzten Jahresumsatzes.

Außerdem sollen unter anderem die Konditionen und Laufzeiten von Kreditprogrammen verändert werden, um eine Überschuldung der Unternehmen zu verhindern, lautet die Forderung des Bündnisses. Denn schon jetzt seien etliche Veranstaltungsbetriebe "insolvenzreif", sagt Ostermaier. Bislang mache sich das kaum bemerkbar, da bis Ende dieses Jahres die Antragspflicht für Insolvenzen ausgesetzt wird. "Zum Ende dieser Frist wird eine große Pleitewelle einsetzen", befürchtet er.

Experten und Verbände gegen mehr Staatshilfe

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht von weitreichenden Folgen für die Veranstaltungsbranche aus. Die werde "nie wieder so sein, wie sie einmal war", sagt DIW-Präsident Marcel Fratzscher tagesschau.de. "Es wird noch sehr lange Zeit so sein, dass Menschen weniger reisen und es weniger Veranstaltungen geben wird. Dies bedeutet zwingendermaßen, dass viele Unternehmen der Branche langfristig nicht überleben werden."

Auch wenn die Branche dringend Unterstützung brauche - einer Ausweitung von staatlichen Hilfsprogrammen, wie #AlarmstufeRot sie fordert, steht Fratzscher skeptisch gegenüber: "Der Staat kann nicht alle Unternehmen retten und kann auch nicht den größten Teil der Kosten aller Unternehmen einer ganzen Branche übernehmen. Der Hauptfokus sollte nun sein, das bestehende Programm der Überbrückungshilfen weniger bürokratisch zu machen und schneller umzusetzen."

Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft, sieht das ähnlich: "Die Liquiditäts- und Überbrückungshilfen in der ersten Phase der Corona-Krise waren richtig", meint Ohoven. "Dennoch dürfen wir die Grenzen zwischen Marktwirtschaft und Staatswirtschaft nicht verschwimmen lassen und für jeden Eingriff des Staates in das Marktgeschehen eine Begründung herbeireden."

Neue Ideen als Ausweg - "Rettungsdialog" mit Berlin

In Mainz versuchen Sebastian Schenk und sein Team, das Bestmögliche aus der Krise zu machen, indem sie sich ein stückweit neu erfinden: als Anbieter von digitalen Live-Events. Dafür richten die Veranstaltungstechniker eine Art Fernsehstudio bei ihren Kunden ein. Statt eines großen Publikums stehen dann hauptsächlich Kameras vor den Rednern, um das Event im Netz zu streamen.

Für den Herbst hat Schenk bereits ein paar Kunden von dem Konzept überzeugen können. Nur: Ein Allheilmittel seien auch die digitalen Events nicht, sagt Schenk. "Der Anteil der Digitalevents wird nicht ausreichen, um die Branche über die Zeit der Corona-Pandemie zu retten. Also, wenn da keine Unterstützung von anderer Stelle kommt, dann wird das nicht funktionieren."

Daher wollen die Demonstranten von #AlarmstufeRot auch einen "Rettungsdialog" mit der Regierung, um ihre Forderungen und ihre Situation zu erläutern. Es gehe darum, "ein massenhaftes Unternehmenssterben" zu verhindern.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. September 2020 um 07:37 Uhr.