Der Rauch eines Kohlekraftwerkes kommt vor der Kulisse des Capitol in Washington (USA) aus einem Schornstein.  | picture alliance / dpa

BIP sinkt das zweite Quartal in Folge Technische Rezession in den USA

Stand: 28.07.2022 17:07 Uhr

Die Zinserhöhungswelle im Kampf gegen die hohe Inflation bremst die US-Konjunktur aus. Im Frühjahr ist die amerikanische Wirtschaft erneut geschrumpft und in eine Rezession abgeglitten.

Was einige Ökonomen und Top-Banker unlängst schon prophezeit haben, ist nun eingetreten: die US-Wirtschaft befindet sich in einer technischen Rezession. Die Wirtschaftsleistung ging das zweite Quartal in Folge zurück. Im Zeitraum von April bis Ende Juni schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hochgerechnet aufs Jahr um 0,9 Prozent zurück. Bereits im ersten Jahresviertel war die Wirtschaft um 1,6 Prozent gesunken.

Unternehmen investieren weniger

Das US-Handelsministerium begründete den erneuten Rückgang des BIP mit geringeren Lagerbeständen und Investitionen der Unternehmen. Hinzu seien fallende Bauausgaben und sinkende Staatsausgaben gekommen. Die Exporte und die Konsumausgaben der privaten Haushalte seien zwar gestiegen, konnten aber die Rückgänge in den anderen Bereichen nicht kompensieren.

Zum Abschwung mit beigetragen haben dürfte die US-Notenbank Fed mit ihrer straffen Geldpolitik. Um die hohe Inflation zu bekämpfen, hat sie seit März den Leitzins um 2,25 Prozentpunkte angehoben. Eine solch rasante Zinserhöhungswelle in so kurzer Zeit gab es noch nie.

Fed-Chef ignorierte bisher Rezessionsgefahr

Gestern hatte Fed-Chef Jerome Powell noch eine Rezessionsgefahr heruntergespielt. Nach der neuerlichen kräftigen Zinsanhebung um 0,75 Prozentpunkte hatte er gesagt, er glaube nicht, dass sich die Wirtschaft in einer Rezession befinde. Zur Begründung verwies er auf die Stärke des Arbeitsmarkts. Man sei in der Nähe von Vollbeschäftigung. In der ersten Jahreshälfte wurden im Schnitt pro Monat 456.700 neue Stellen geschaffen.

Auch US-Präsident Joe Biden sah noch Anfang der Woche die US-Wirtschaft nicht in einer Abschwungphase. "Wir steuern meiner Ansicht nach nicht auf eine Rezession zu", sagte er am Montag und verwies auf die guten Zahlen am Arbeitsmarkt. Die aktuellen Daten, die nun doch eine Rezession im ersten Halbjahr zeigen, sind für Biden kurz vor den Zwischenwahlen zum Kongress im November ein schwerer Rückschlag. Seine politischen Gegner führen die Entwicklung als Beweis für seine angeblich fehlgeleitete Wirtschaftspolitik an.

"Hohe Inflationsraten, steigende Leitzinsen und deutlich schlechtere Finanzierungsbedingungen belasten", sagte Volkswirt Bastian Hepperle von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. Das verderbe die Konsumlaune, und Unternehmen kürzten ihre Investitions- und Einstellungspläne. "Die Aussichten sind alles andere als rosig."

Ökonomen: "Keine echte Rezession"

Weniger pessimistisch zeigten sich andere Ökonomen. Commerzbank-Experte Bernd Weidensteiner sprach von einer technischen, nicht aber von einer breitangelegten Rezession. Er verwies auf das National Bureau of Economic Research (NBER), das neben der BIP-Entwicklung auch andere wirtschaftliche Größen wie den Arbeitsmarkt betrachtet und keine echte Rezession derzeit sehe. "Die US-Wirtschaft befindet sich in einer technischen Rezession, ohne dass nach offizieller Verlautbarung die Wirtschaft tatsächlich in einer Phase wirtschaftlicher Kontraktion steckt“, meint auch Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. Die Fed werde sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen und grundsätzlich auf Zinsanhebungskurs bleiben.

Fed-Chef Powell signalisierte gestern einen weiteren großen Zinsschritt von 0,75 Prozentpunkten im September. Er bekräftigte, dass ein Zinsniveau von drei bis 3,5 Prozent zum Jahresende ein anzustrebendes Niveau der Geldpolitik sei. Erst danach, also ab 2023, signalisierte die Fed eine langsamere Gangart.

US-Wachstumszahlen werden auf das Jahr hochgerechnet, also annualisiert. Sie sind daher nicht direkt mit Wachstumsdaten aus Europa vergleichbar, wo darauf verzichtet wird. Um näherungsweise auf eine mit Europa vergleichbare Wachstumsrate zu kommen, müsste man die US-Rate durch vier teilen.