Ölbohrstelle im US-Bundesstaat Texas bei untergehender Sonne | Bildquelle: REUTERS

Krise der US-Ölindustrie Verwaiste Bohrlöcher nach Corona-Crash

Stand: 11.09.2020 15:08 Uhr

Die Corona-Pandemie hat eine Pleitewelle in der Öl- und Gasindustrie der USA ausgelöst. Viele verloren ihre Jobs. Die verwaisten Bohrlöcher bergen Gefahren für die Umwelt.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Die meisten Pleiten in der Öl- und Gasindustrie zählt der US-Bundesstaat Texas. Texas ist der größte Produzent fossiler Brennstoffe in den Vereinigten Staaten. Anfang des Jahres seien die Unternehmen auf der Jagd nach neuen Produktionsrekorden gewesen, sagt Carl Ingham vom Verband der Energieproduzenten in Texas. "Die Ölproduktion lief weltweit, in den Vereinigten Staaten und in Texas auf Rekordniveau, und dann brach die Nachfrage über Nacht ein. Das ist das Rezept für einen Crash der Preise. Und genau das ist passiert."

Mehr als eine Million Jobs könnten wegfallen

In der US-Öl- und Gasindustrie könnten in Folge der Pandemie mehr als eine Million Jobs verloren gehen. Es wird einfach weniger Brennstoff verkauft, denn auch die US-Amerikaner bleiben wegen Corona mehr daheim. Es gibt weniger Verkehr in der Luft und auf den Straßen, und es wird weniger produziert.

Unternehmer hatten aber auf höhere Nachfrage und steigende Preise spekuliert, sagt Ed Hirs von der Universität in Houston in einem Interview. "Sicher, einiges lässt sich auch bei niedrigeren Preisen fördern. Aber der größte Teil des Öls in Texas kann nicht wirtschaftlich gefördert werden, wenn der Preis unter 50 Dollar pro Barrel liegt", erläutert Hirs.  

Ölbohrstelle im US-Bundesstaat Texas bei untergehender Sonne | Bildquelle: AP
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In Texas kann Öl an den meisten Stellen nicht wirtschaftlich gefördert werden, wenn der Preis unter 50 Dollar pro Barrel rutscht.

Welle von Insolvenzen

Im Moment liegt der Preis sogar wieder unter 40 Dollar. Im April fielen die Termingeschäfte für Öl sogar zeitweise unter null. Das ist beispiellos, und das hat zwei Folgen.

Zum einen haben Hunderte Öl- und Gasunternehmen in den USA bereits Insolvenz angemeldet. Die Folgen reichen weit über die Industrie hinaus. Denn bleiben zum Beispiel in Texas Steuereinnahmen aus, verlieren auch Angestellte wie Lehrer, Sozialarbeiter und Polizisten ihren Job.

Zum anderen hätten die Gesellschaften kein Kapital zurückgestellt, um unprofitable Quellen und deren Umgebung zu renaturieren oder die Brunnen einfach nur zu versiegeln, schreibt die "New York Times" in einem Artikel.

Gefahr durch verwaiste Bohrlöcher

Schon vor der Krise schätzte die Regierung in Washington, dass an mehr als drei Millionen Quellen in den USA kein Öl oder Gas mehr gefördert wird. Fast zwei Millionen der verwaisten Bohrlöcher seien unverschlossen. Und so entweicht zum Beispiel Methan, ein Treibhausgas, erklärt der Umweltwissenschaftler Bob Howard in einem Fernsehinterview. "Methan ist nach Kohlendioxid das zweithäufigste Treibhausgas, das die Klimaerwärmung antreibt. Es ist fast so entscheidend wie Kohlendioxid", sagt Howard. 

Die Menge an Methan, die entweicht, droht Erfolge im Klimaschutz auszuhebeln. Das war zum Beispiel bei der Förderung von Erdgas aus Schiefergestein durch sogenanntes Fracking ohnehin schon eine Gefahr. Um bei Fracking-Quellen zu Weltmarktpreisen produzieren zu können, muss immer wieder neu gebohrt werden - wie bei einem Hamsterrad in immer höherer Geschwindigkeit, erklärt Ed Hirs von der Uni in Houston.

 Umweltbehörde lockert Auflagen

Wissenschaftler der Colorado State University hatten der US-Umweltbehörde EPA 2018 vorgeworfen, dass deren Annahmen über Methan-Emissionen an Quellen, Tanks und Pipelines der Öl- und Gasindustrie zu niedrig angesetzt seien. Sie lagen nach Ansicht der Wissenschaftler schon damals um mehr als die Hälfte höher.

Ölbohrstelle im US-Bundesstaat Texas bei untergehender Sonne | Bildquelle: REUTERS
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Für die Folgeprobleme verwaister Bohrlöcher wird wegen der vielen Insolvenzen oft der Staat aufkommen müssen.

Ausgerechnet in der Krise kassierte die EPA aber Auflagen. Der Chef der Umweltbehörde, Andrew Wheeler, sagte vergangene Woche, die Industrie habe auch so genug Anreize, kein Methan entweichen zu lassen. "Denn Methan ist Hauptbestandteil von Erdgas. Unternehmen haben also ein Interesse, dass es nicht entweicht. Und sie sind bereit, in Technik zu investieren, die das garantiert, auch ohne Regulierer", sagte Wheeler.

Das ist ganz offensichtlich nicht der Fall. Und selbst einige Ölkonzerne in den USA wie BP, Shell und ExxonMobil haben die Trump-Administration aufgefordert, an den bestehenden Auflagen festzuhalten - ohne Erfolg. Die Folgen für die Gesundheit von Anwohnern und der Umwelt sind auch in den USA bekannt. Doch die finanzielle Belastung tragen nicht mehr die Unternehmen, die Insolvenz anmelden. Die Rechnung bekommt in all den Fällen der Steuerzahler - auch in den USA.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. August 2020 um 11:40 Uhr.

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