Solarpaneel | dpa

Monatelange Wartezeiten Solaranlagen in der Zertifizierungsfalle

Stand: 11.10.2021 11:12 Uhr

Bürokratische Vorschriften bremsen den Ausbau der Solarenergie in Deutschland. Selbst fertige Solaranlagen gehen derzeit erst nach Monaten ans Netz - wegen fehlender Zertifizierung.

Damit Deutschland seine Klimaschutz-Ziele schafft, muss die Solarenergie rasch ausgebaut werden. Der jährliche Zubau müsse auf 15 bis 16 Gigawatt mehr als verdreifacht werden, fordert der Bundesverband Solarwirtschaft. Doch nicht nur fehlende politische Vorgaben, sondern auch bürokratische Regelungen hemmen die Einspeisung des klimafreundlichen Stroms in die Netze.

Fertige Solaranlagen stehen ungenutzt auf dem Feld

Nun blockieren auch noch aufwändige Zertifizierungen den Ausbau. Zertifizierungsunternehmen kommen der gestiegenen Nachfrage derzeit nicht hinterher und können Anlagen nur verzögert prüfen. Die Folge: Bereits fertiggestellte Solaranlagen stehen monatelang ungenutzt auf dem Feld. "Die Wartezeiten für ein Zertifikat betragen 20 bis 40 Wochen", beklagt Robert Sing vom Ingenieurbüro Sing in Landsberg am Lech gegenüber der "Augsburger Allgemeinen".

Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Solarverbands, bestätigte gegenüber tagesschau.de die langen Verzögerungen. "Die Wartezeiten dauern teilweise bis zu einem Jahr", sagte er.

Zertifikate jetzt auch für kleinere Anlagen erforderlich

Schuld am Engpass bei den Zertifizierungsunternehmen sind die neuen gesetzlichen Vorschriften. Demnach ist ein Zertifikat schon bei Anlagen ab 135 Kilowatt erforderlich. Bisher lag die Grenze, ab der zertifiziert werden muss, bei einem Megawatt. Folglich müssen inzwischen deutlich mehr Solaranlagen einen Prüfungsprozess durchlaufen.

Eines der Zertifizierungsunternehmen, der TÜV Süd, bestätigte die längere Dauer infolge der komplizierteren Zulassung. "Im Moment erleben wir es relativ häufig, dass unsere Kunden ihre Unterlagen im laufenden Zertifizierungsverfahren nachbessern müssen, damit die Konformität mit den Netzanschlussregeln von uns bestätigt werden kann", erklärte der TÜV. Dies führe nicht nur bei den Betreibern, sondern auch bei Zertifizierern zu einem erheblichen Mehraufwand.

Wie kann das Problem gelöst werden?

Die Solar-Lobby gibt zu, dass der Aufwand von allen Seiten deutlich unterschätzt worden sei. Durch die Absenkung der Grenze würden viele erfahrene Installationsbetriebe mit dieser neuen Zertifizierung konfrontiert, mit der sie vorher keine Erfahrung gemacht hätten, erklärte Hauptgeschäftsführer Körnig gegenüber tagesschau.de. Dadurch entstehe bei jeder Anlage ein zusätzlicher Mindestaufwand für den Zertifizierungsprozess. Der Bundesverband warnt deshalb davor, dass die neue gesetzliche Regelung den Ausbau der Sonnenenergie bremse, statt ihn zu beschleunigen. Es sei zu beobachten, dass viele Betriebe die Anlagengröße von 135 Kilowatt vermeiden und darunter bleiben, hat Körnig festgestellt.

Damit die fertigen Solaranlagen nicht monatelang ungenutzt in der Landschaft stehen, sollten sie zumindest einstweilig in Betrieb genommen werden, schlägt Körnig vor. Das Zertifikat könne dann nachgereicht werden. Mit einer längeren Anerkennung der sogenannten Prototypenbestätigung, wäre bereits ein vorläufiger Betrieb der Anlage möglich. Körnig: "Viele Netzbetreiber sind hier durchaus kooperativ und versuchen, Lösungen im Sinne des Kunden zu finden, leider jedoch längst nicht alle."

Zubau bei Gewerbe-Solaranlagen stockt

Betroffen von den Zertifizierungs-Engpässen sind Gewerbe-Solaranlagen. Deren Ausbau stockt ohnehin seit Monaten. Im Juni wurden 67 Prozent weniger Neuanlagen installiert, im Mai waren es 57 Prozent weniger. Nur dank der gestiegenen Nachfrage von Eigenheimbesitzern nach Photovoltaik-Anlagen erhöhte sich die installierte Leistung von PV-Anlagen in den ersten sechs Monaten in Deutschland um 22 Prozent. Für das Gesamtjahr prophezeit der BSW einen Zubau hierzulande von zehn bis 15 Prozent auf rund fünf Gigawatt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Oktober 2021 um 12:00 Uhr.