Fassade eines Bürogebäudes in Berlin | dpa
Hintergrund

Urbanes Leben Wohnungen statt Büros?

Stand: 23.02.2021 08:41 Uhr

Wird Homeoffice immer mehr zur Regel, könnten durch Umwidmung von Büros Zehntausende Wohnungen entstehen, sagen Experten. Doch löst das die Probleme der Innenstädte?

Von Philipp Wundersee, WDR

"Eine Umwidmung von Büroflächen kann für eine Entspannung auf den stark angespannten Wohnungsmärkten sorgen", sagt Philipp Skoda. Der Kölner Ingenieur und Städteplaner engagiert sich bundesweit in Sachen Stadtentwicklung. Die Idee, Büros in Wohnungen umzugestalten, hält er für einen wichtigen Schritt und eine sehr sinnvolle Idee. "Gerade kleine Büroeinheiten in gemischt genutzten Gebäuden in der Innenstadt lassen sich sehr einfach in Wohnungen umwandeln", sagt Skoda. Bei reinen Bürogebäuden am Stadtrand sei dies deutlich schwieriger.

Philipp Wundersee

Der Vorteil moderner Bürogebäude: Eine flexible Struktur ohne viele tragende Wände und hohe Decken, die eine Umnutzung erleichtern würde. Ein Bündnis aus Gewerkschaften, Mieterverbänden und Hilfsorganisationen hatte die Idee: leerstehende Büros wegen Homeoffice einfach anders nutzen. 235.000 Wohnungen könnten so entstehen, und das für ein Drittel der Kosten von Neubauten, so rechnet das Bündnis Soziales Wohnen. 

Umnutzung als Chance für Städte

Die Umnutzung von Büro- und Einzelhandelsgebäuden könne ein Baustein zur Lösung der Wohnungsknappheit sein, sagt der Vorstand des Pestel Instituts, Matthias Günther. Lösen werde sie das Problem aber nicht. "Wohngebäude liegen in den Städten - und damit dort, wo am meisten Wohnungen fehlen", sagt Günther. "Die Umnutzung nicht mehr benötigter Büroflächen stellt somit eine Chance dar."

Allerdings rechnet er nicht damit, dass das Büro grundsätzlich abgeschafft werde. "Corona hat einen Digitalisierungsschub ausgelöst", sagt der Wirtschaftswissenschaftler. "Viele Unternehmen und Verwaltungen haben die Möglichkeiten des mobilen Arbeitens seit Ausbruch der Pandemie stark erweitert." Aber eine aktuelle Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft zeigt: Viele Arbeitgeber setzen weiter auf Präsenz. 

Viele Firmen wollen Homeoffice nicht beibehalten

Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat mehr als 1200 Firmen befragt. Zwei Drittel der Arbeitgeber planen nicht, ihren Beschäftigten nach der Corona-Krise mehr Homeoffice als vor der Pandemie zu ermöglichen. "Das Potenzial erscheint mir begrenzt. Die repräsentative Befragung hat gezeigt, das nur 6,4 Prozent in diesem Jahr Flächen reduzieren möchten", sagt Michael Voigtländer, Leiter Kompetenzfeld Finanz- und Immobilienmärkte am Institut der Deutschen Wirtschaft. Der größte Teil der Mitarbeitenden solle wieder in die Büros zurückkehren, so das Fazit der Umfrage.

Außerdem sei aus seiner Sicht ein Umbau vom Büro zur Wohnung häufig sehr kostenintensiv. "Wenn die Zahlungsbereitschaft hoch genug ist, lassen sich so Luxuswohnungen gestalten, für günstigere Wohnungen sind die Kosten schlicht zu hoch", sagt Voigtländer. "Dies kann nichtsdestotrotz sinnvoll sein, aber stellt nur ein kleines Puzzleteil dar." Noch am ehesten seien es große Unternehmen mit mehr als 200 Angestellten sowie Kanzleien und Wirtschaftsprüfer, die ihre Flächen in den Städten verkleinern wollen. Doch selbst hier seien es weniger als zehn Prozent der befragten Firmen.

Zusätzlicher Effekt: Einsparmöglichkeiten

Wenn mehr Homeoffice ohne Produktivitätsverlust Einsparungen bei Büroflächen ermögliche, rechnet Wissenschaftler Günther schon damit, dass Unternehmen solche Einsparmöglichkeiten wahrnehmen werden. Er stellt eine Rechnung auf: "Mit der Umnutzung von einem Prozent der Büroflächen lassen sich etwa 50.000 Wohnungen á 70 Quadratmeter schaffen." Die Umnutzung von sechs Prozent der Büroflächen würde damit der aktuellen jährlichen Wohnungsbauleistung entsprechen.

Auch Städteplaner Skoda rechnet mit einem langfristigen Effekt nach der Corona-Pandemie. "Vor allem die eher klassischen und somit unattraktiveren Büroflächen werden sich deutlich reduzieren", sagt Skoda. "Da unsere Städte weitestgehend fertig gebaut sind, wird es zunehmend Transformationsprozesse geben: Viele Büroflächen werden zu Wohnungen. Viele Wohnungen dagegen erhalten zusätzlichen Büroraum", so seine Prognose. Es habe auch Potenzial für die Belebung unserer Städte, wenn die reinen, oft monotonen Büroimmobilien umgewandelt und genutzt würden.