Brauerei Lemke in Berlin | Iris Sayram

Mischbetriebe und Corona Nur karge Hilfen in der Krise

Stand: 25.05.2021 11:45 Uhr

Die "Bazooka" des Finanzministeriums hat zwar Durchschlagskraft, jedoch kommt das Geld nicht bei allen an: Vor allem Betriebe mit mehreren Geschäftszweigen können durchs Raster fallen.

Von Iris Sayram, rbb

Vielleicht ist es nur die Sonne, die in den Augen von Oliver Lemke kneift, aber sie leuchten tatsächlich ein wenig, als er von seinem Studentenjob in der Berliner Traditionskneipe "Tiergarten Quelle" erzählt. "Da kamen damals die Prostituierten von der Straße des 17. Juni, Studenten und sonstige Gesellen auf ein Bier vorbei", berichtet er. Lemke - lässige Jeans, weiße Sneaker, leicht ergraut - ist inzwischen Inhaber der "Quelle", die jetzt am Wochenende nach langer Zeit zumindest im Außenbereich wieder öffnen durfte: "Das ist für uns so ein Seismograf, ob es sich lohnt, auch die anderen Läden zu öffnen." Vier Läden hat Lemke insgesamt.

Iris Sayram

Schwerer Überlebenskampf

Das Bier dafür braut Lemke mit einem kleinen Team unter den S-Bahn-Bögen in Berlin Mitte. "21 verschiedene Sorten Craft-Biere", berichtet er stolz beim Rundgang, vorbei an silberfarbenen Fässern und großen Getreidesäcken. Malz-Geruch liegt in der Luft. Die Maschine, die unter großem Lärm die Flaschen befüllt und reinigt, stamme sogar noch aus den 1970er-Jahren.

Es ist laut in der kleinen Halle. Flaschen klirren auf dem Laufband, während das Bier beim Abfüllen leicht überschäumt. Wasserdampf mischt sich in die Luft. Am Endes des Bands sortiert eine Mitarbeiterin die braunen, frisch etikettierten Flaschen mit der Hand in die schwarzen Kästen. "Lemke Berlin" steht drauf, dazwischen eine geballte Faust mit Getreide. Schon fast ein symbolisches Bild - denn kämpferisch zeigt sich auch der Brauer, um durch die Krise zu kommen.

Zu komplex für die "Bazooka"

Hilfen vom Staat gebe es für ihn sehr wenig, klagt Lemke. "Wir haben für die Brauerei bisher gar nichts bekommen, und wir werden auch nichts bekommen", sagt er. Der Grund sei, dass er sein Bier nicht nur an Supermärkte ausliefere, sondern auch an die eigenen Gastro-Betriebe. "Der Umsatz mit der Lieferung an die Gastro ist aber so gut wie weggefallen. Das macht fast 60 bis 70 Prozent aus." Doch das werde bei den Wirtschaftshilfen nicht berücksichtigt. "Obwohl auch das ein echter Verlust ist", sagt Lemke. Die Miete für das Gelände laufe auch schließlich weiter, das Personal, die ganzen Verwaltungskosten.

Gut 100 Mitarbeiter beschäftigt die Brauerei. "Man vergleicht uns hier einfach mit einem Konzern, was ja schon an sich lächerlich ist", sagt Lemke und macht bei dem Wort Konzern Anführungszeichen in der Luft. Er könne das einfach nicht fassen. "Und die Umsätze, die wir früher mit der eigenen Gastro gemacht haben, die werden bei der Betrachtung einfach außen vor gelassen, und darum sagt man: Ihr habt ja gar keinen Umsatzeinbruch."

Oliver Lemke | Iris Sayram

"Müssen uns ordentlich zusammenraufen": Brauer und Gastronom Oliver Lemke fällt mit seinem Geschäftskonstrukt bei den Coronahilfen durchs Raster. Bild: Iris Sayram

Mischbetriebe werden benachteiligt

Auf Nachfrage bei der Berliner Wirtschaftsverwaltung heißt es dazu nur knapp: "Laut IBB (Investitionsbank Berlin) hat das Brauhaus Lemke Soforthilfe II bezogen. Weitere Anträge liegen der Investitionsbank nicht vor." Die Soforthilfe II habe sich auf 15.000 Euro belaufen. "Die hat doch nicht einmal für einen Monat gereicht", sagt Lemke. "Und die Regularien sind, wie sie sind - da brauchen wir gar nichts beantragen, weil wir nichts bekommen". Zwar hat er von der staatlichen Förderbank KfW einen Kredit erhalten, doch der müsse schließlich zurückgezahlt werden.

Das Bundesfinanzministerium äußert sich auf Nachfrage von tagesschau.de zum Problem der Mischbetriebe nur allgemein über die Hilfen: "Der Zugang zu den Überbrückungshilfen (30 Prozent Umsatzrückgang) wurde branchenunabhängig ausgestaltet. Branchenspezifische Härten werden durch einzelne, wenige Sonderregelungen adressiert, beispielsweise für den Einzelhandel." Doch Lemke sagt, auch die würden bei ihm nicht greifen.

Enttäuschung ist groß über fehlende Hilfe

Er habe Briefe an die Bundestagsabgeordneten geschrieben, doch genutzt habe es wenig. "Es wird medial ein Bild präsentiert, das aber in der Realität nicht standhält", sagt der Brauer. "Die Hilfe wird groß angekündigt, um sie dann im Kleingedruckten bei kleinen Abweichungen vom Normfall wieder auszuschließen".

Der Berliner Unternehmers ist kein Einzelfall. Doch Zahlen darüber, wie viele Betriebe auf ähnliche Weise durch das Raster fallen, gibt es nicht. Lemke jedenfalls meint, er werde Jahre brauchen, um wieder auf Vorkrisenniveau zu kommen. Aufgeben möchte er aber nicht, er will weiter kämpfen. Die Faust bleibt geballt - symbolisch und gedruckt auf dem Logo seiner Biere.

Über dieses Thema berichtete das RBB Fernsehen am 25. März 2021 um 10:00 Uhr.