Ein Mann geht am Wirecard-Logo vorbei | REUTERS

Wirecard-Skandal Mögliche Schlüsselfigur verhaftet

Stand: 01.09.2021 14:03 Uhr

In Singapur wurde der britische Geschäftsmann O'Sullivan festgenommen, er soll ein enger Vertrauter des untergetauchten Wirecard-Vorstands Marsalek sein.

Von Lena Kampf und Nils Wischmeyer, WDR

Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts der Beihilfe zur Veruntreuung von Wirecard-Vermögen: James Henry O'Sullivan, 46 Jahre alt, britischer Geschäftsmann und seit Monaten auf der Flucht. Er steht gemeinsam mit dem ehemaligen Vorstandsmitglied Jan Marsalek auf der Liste der Beschuldigten im Fall Wirecard, auf der sich rund 30 Namen befinden.

Laut Staatsanwaltschaft München I soll er Marsalek und dessen mutmaßlicher Bande bei Wirecard geholfen haben, hohe Millionenbeträge beiseite zu schaffen - Geld, mit dem Wirecard riesige Geschäfte in Asien vorgetäuscht haben soll, die es nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft München I nie gab. Gegen Marsalek und andere wird unter anderem wegen Betrugsverdacht in Milliardenhöhe ermittelt.

Verhaftung in Singapur

O'Sullivan galt ebenso wie Marsalek als untergetaucht, Behörden fahndeten weltweit nach ihm. In Asien ging er nun offenbar ins Netz: Im Stadtstaat Singapur wurde der britische Geschäftsmann nach Angaben der Zeitung "The Straits Times" am Montag verhaftet und am Mittwoch per Video von einem Bezirksgericht angehört. Der Zeitung zufolge liegt dort bereits eine Anklage gegen O'Sullivan vor, sie laute: Beihilfe zur Fälschung eines Dokuments.

Der Brite soll die in Singapur ansässige Firma Citadelle angestiftet haben, ein Dokument zu fälschen. Mit diesem Dokument wiederum sei Wirecard-Vermögen auf einem angeblichen Treuhandkonto vorgegaukelt worden, das gar nicht existiert habe. Bis zu rechtskräftigen Verurteilungen gilt stets die Unschuldsvermutung.

Laut "The Straits Times" soll O'Sullivans Anwalt verlangt haben, seinen Mandanten gegen Kaution freizulassen. O'Sullivan habe die Behörden bei Ermittlungen unterstützt. Die Entscheidung über eine Freilassung wurde auf den 8. September verschoben.

Stadtstaat zentraler Ort der Affäre

Singapur gilt als einer der zentralen Orte bei dem mutmaßlichen Milliardenbetrug von Wirecard, einem der größten Wirtschaftsskandale in Deutschland. Aktionäre haben mehr als 20 Milliarden Euro, Banken und große Investoren mehr als drei Milliarden Euro verloren.

Nach Erkenntnissen der Ermittler sollen Marsalek und dessen mutmaßliche Bande in Singapur über die dortige Firma Citadelle jahrelang ein Millionenvermögen auf Treuhandkonten vorgetäuscht haben. Gegen Citadelle-Chef R. S. läuft bereits ein Gerichtsverfahren in Singapur, ihm droht eine Gefängnisstrafe. Zuletzt waren bei Wirecard die angeblichen Treuhandkonten auf die Philippinnen verlagert worden, wo die Täuschung Mitte 2020 aufflog.

O'Sullivans Aussage womöglich entscheidend

Wirecard ging pleite, Marsalek tauchte unter, und der langjährige Konzernchef Markus Braun kam in Untersuchungshaft. Bisher weist dieser alle Vorwürfe zurück. Für die Ermittlungen gegen den Ex-CEO könnte es von Bedeutung sein, ob und was O'Sullivan aussagt - oder ob er von seinem Recht zu schweigen Gebrauch macht.

Die Staatsanwaltschaft München I äußerte sich auf Anfrage nicht zur Verhaftung des Briten. Es ist davon auszugehen, dass die Münchner Behörde einen Auslieferungsantrag stellen wird. Sollte Singapur dem wegen eigener Ermittlungen nicht stattgeben, dann dürfte die Münchner Staatsanwaltschaft zumindest versuchen, O'Sullivan dort zu vernehmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. September 2021.