Wirecard-Untersuchungsausschuss | dpa

Untersuchungsausschuss Aufsicht der Wirecard-Prüfer im Fokus

Stand: 10.12.2020 09:33 Uhr

Wenn schon die EY-Wirtschaftsprüfer den Wirecard-Betrug übersahen, hätte es nicht deren Aufsichtsbehörde merken müssen? Die zuständigen Beamten werden heute im Untersuchungsausschuss befragt.

Von Stephan Stuchlik, ARD-Hauptstadtstudio

Gedränge im Gang, zig Kameras und Mikrofone, nervöse Berater mit Aktenordner in den Vorräumen: Bei jedem Untersuchungsausschuss gibt es solche Termine, meistens, wenn prominente Zeugen vernommen werden, medienwirksam, aber für den Ausgang der Untersuchung meist nicht schlachtentscheidend. Und dann gibt es Tage, an denen Spezialisten angehört werden, fachlich schwieriges Terrain, auf das sich drei oder vier Journalisten verirren, Sitzungen, die bis spät in die Nacht dauern und unspektakulär sind, aber wichtig.

Stephan Stuchlik ARD-Hauptstadtstudio

Aufsicht der Wirtschaftsprüfer muss sich rechtfertigen

So gesehen steht im Wirecard-Untersuchungsausschuss heute ein eher inhaltlich wichtiger Termin auf dem Programm. Was wussten die privaten Wirtschaftsprüfer über das Betrugssystem? So lautet die große Frage, an der die Parlamentarier sich im Moment versuchen. Nachdem in der vorigen Anhörung die Wirtschaftsprüfer von EY (Ernst & Young) in Berlin geladen waren, sind es nun die Beamten, welche diese Prüfer eigentlich beaufsichtigen sollten.

Die APAS, so heißt die behördliche Berufsaufsicht über die Abschlussprüfer, hat bei der Staatsanwaltschaft vorige Woche Anzeige gegen ehemalige Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfer von EY erstattet. EY beriet Wirecard nicht nur jahrelang, sondern prüfte, vom Unternehmen bezahlt, auch dessen Bilanzen und testierte zehn Jahre lang dessen Abschlussberichte.

Wenn am Ende mehr als 1,9 Milliarden Euro fehlen, kann nicht alles richtig gelaufen sein. Das ist klar. Aber: Wenn schon die Wirtschaftsprüfer von EY - aus welchen Gründen auch immer - den Großbetrug des Aschheimer Unternehmens übersahen, hätte es nicht deren Aufsichtsbehörde merken müssen?

Viele offene Fragen zum Vorgehen der Aufsichtsbehörde

Das Problem für die Abgeordneten: Sie liegen sich noch mit EY in den Haaren: Die Herren waren zwar in der letzten Sitzung geladen, verweigerten aber allesamt die Auskunft, sie wollten sich selbst nicht strafrechtlich belasten. Ob das so zulässig ist, lässt der Ausschuss gerade gerichtlich prüfen, Tatsache ist: Es fehlen also die Aussagen der Menschen, die das Wirecard-Modell Jahr für Jahr testiert haben.

Trotzdem steht fest: Auch die Beamten der APAS werden sich unangenehme Fragen anhören müssen: So hatte es etwa Mitte Februar 2019 ein Telefongespräch mit EY-Mitarbeitern gegeben, bei dem die mutmaßlich betrügerischen Vorgänge bei einer Wirecard-Tochtergesellschaft in Singapur zur Sprache kamen. Warum die Behörde danach weder gegenüber Wirecard noch gegenüber EY reagiert hat, ist immer noch eine offene Frage. Die APAS, von vielen Fachkommentatoren als "undurchsichtig" und "schwerfällig" kritisiert, weist darauf hin, man sei nur befugt, die Abschlussprüfung zu beurteilen, nicht aber die Rechnungslegung zu kontrollieren.

Im Herbst 2019 leitete genau dieselbe Behörde Vorermittlungen zu einem Berufsaufsichtsverfahren gegen EY ein. Was die APAS in der Zwischenzeit an zusätzlichen Informationen über die Prüfer und Wirecard gesammelt hatte, ist im Moment noch unbekannt. Offen ist auch die Frage, ob und wie die APAS darüber mit dem zuständigen Ministerium in Kontakt war.

Kritische Fragen des Koalitionspartners

Die APAS und die Kontrolle der privaten Wirtschaftsprüfer wie etwa EY liegen im Geschäftsbereich des Wirtschaftsministeriums, das untersteht CDU-Minister Peter Altmaier. Das ist für die politische Einschätzung der Anhörung wichtig. Im Moment nämlich fragen die Abgeordneten des Koalitionspartners SPD beim Thema Prüfer mindestens so scharf nach wie die der Opposition. Im Ausschuss gibt es schon eine Vorahnung vom kommenden Bundestagswahlkampf.  

Wenn die Finanzaufsichtsbehörde BaFin und ihre Mitarbeiter vernommen werden, wird das Bild genau andersherum sein, dann ist das SPD-geführte Finanzministerium im Fokus, in dessen Geschäftsbereich die direkte Kontrolle von Wirecard fiel.

Auch wenn der Ausschuss sich als nächstes dem Thema "Wirecard-Lobbyismus" widmet, wird das vermutlich zu beobachten sein: Beim möglichen Einfluss auf Kanzleramt und bayerische Staatskanzlei wird die SPD genau hinsehen, bei den Lobby-Versuchen im Finanzministerium die Union.

Beim Thema Lobby wird man dann auch Prominente anhören, Karl-Theodor zu Guttenberg etwa, den ehemaligen Geheimdienst-Koordinator Klaus-Dieter Fritsche oder den Finanz-Staatssekretär Jörg Kukies. Das werden dann wieder Termine mit zig Kameras und Mikrofonen, medienwirksam und spektakulär, ganz anders als heute.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 10. Dezember 2020 um 11:42 Uhr.