Wirecard-Gebäude in München | LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/Shutt
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Wirecard-Skandal Aktionäre müssen womöglich zahlen

Stand: 20.05.2021 17:16 Uhr

Tausende Wirecard-Anleger haben nicht nur ihr Geld verloren, sondern müssen jetzt auch noch mit Geldforderungen rechnen. Das geht aus einem Bericht des Insolvenzverwalters hervor, der WDR, NDR und SZ vorliegt.

Von Lena Kampf und Nils Wischmeyer, WDR

Viele Anleger haben mit der Pleite des Skandalkonzerns Wirecard viel Geld verloren, einige sogar ihre Ersparnisse oder einen Großteil der eigenen Altersvorsorge. Entsprechend händeringend suchen viele der mehr als 40.000 Aktionäre, die sich bislang schon beim Insolvenzverwalter gemeldet haben, seit Monaten nach Möglichkeiten, sich Geld über Klagen zurückzuholen.

Beleuchteter Wirecard-Schriftzug | dpa
Der Wirecard-Skandal und seine Enthüllung

Der Name Wirecard steht für den atemberaubendsten deutschen Finanzskandal. Seit Monaten recherchiert auch ein Team von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" zum Aufstieg und Fall des ehemaligen DAX-Unternehmens und hat dafür Zehntausende E-Mails und interne Dokumente ausgewertet. Begonnen hat die Aufklärung aber mit einem Whistleblower, der sich zunächst an die "Financial Times" wandte und seit März 2019 in Kontakt mit "SZ"-Reporter Christoph Giesen stand. Nun tritt Pav Gill erstmals in die Öffentlichkeit. Er ist auch die zentrale Figur in einer 90-minütigen Wirecard-Dokumentation der Münchner Produzentin Gabriela Sperl, die auf Sky zu sehen ist und im Herbst auch in der ARD ausgestrahlt werden soll.

Doch für sie könnte es nun noch schlimmer kommen: Insolvenzverwalter Michael Jaffé will sich von den ehemaligen Aktionären insgesamt 47 Millionen Euro zurückholen, die die Wirecard AG 2017 und 2018 als Dividende ausgeschüttet hatte. In den Jahren hatte der Konzern aus Aschheim offiziell Profite ausgewiesen, in Wahrheit aber hat die Firma laut Insolvenzreport über Jahre hinweg Verluste von insgesamt mehr als einer Milliarde Euro eingefahren.

Inosolvenzverwalter Jaffé auf dem Weg zur Gläubigerversammlung

Inosolvenzverwalter Jaffé macht den Aktionären wenig Hoffnung, dass sie ihre Verluste ausgleichen können - und will womöglich noch Geld von Ihnen.

Jaffé will nun die Millionen wieder eintreiben, die der Konzern seiner Meinung nach zu Unrecht an die Aktionäre gezahlt hatte. Das geht aus einem Sachstandsbericht hervor, der WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) vorliegt. Jaffé hatte den Bericht von 179 Seiten beim Amtsgericht in München präsentiert. Dem Bericht zufolge versucht der Insolvenzverwalter aktuell die Adressen der Aktionäre ausfindig zu machen, die in den Jahren 2017 und 2018 die Dividenden kassiert haben. Das und auch der Versuch der Rückforderung gehören zu seinen Aufgaben, da die Zahlungen womöglich unrechtmäßig erfolgten.

Kaum Hoffnung auf Schadensersatz

Für die Aktionäre ist das nicht die einzig schlechte Nachricht in dem Insolvenzbericht: Generell macht der Insolvenzverwalter den Aktionären wenig Hoffnung auf Schadensersatz. Die Rechtslage, so heißt es in dem Bericht, sei kompliziert, es gebe verschiedene, teils widersprüchliche Gutachten von renommierten Experten und Urteile des Bundesgerichtshofs. Eine "höchstrichterliche Klärung" sei möglicherweise notwendig. Im Klartext bedeutet das, dass Aktionäre womöglich viele Jahre auf Schadenersatz in dann auch ungewisser Höhe warten müssen - wenn sie überhaupt welchen bekommen. 

Massive Vorwürfe an Wirecard-Prüfer

Um darüber hinaus Geld einzutreiben, prüft Jaffé mögliche Schadenersatzansprüche gegen EY. Die Wirtschaftsprüfer hatten bei Wirecard jahrelang die Bilanzen testiert. Passend dazu geht es im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss um die Rolle der Wirtschaftsprüfer. Der vom Ausschuss eingesetzte Sonderermittler Martin Wambach, ein Wirtschaftsprüfer aus Köln, stellt dort seinen zweiten Report zur Arbeit von EY vor. Bereits in einem ersten Bericht hatte er EY ein schlechtes Zeugnis ausgestellt und mögliche Pflichtverletzungen festgestellt. Damals ging es um die Jahre 2015 bis 2017. EY widerspricht den Vorwürfen.

Offensichtliche Fälschungen nicht erkannt

Im aktuellen sogenannten Wambach-Report, der WDR, NDR und SZ ebenfalls vorliegt, geht es um das Jahr 2018. Wambach thematisiert darin beispielsweise, dass EY auf mutmaßlich schlecht gefälschte Unterlagen hereingefallen sei. So sei eine Saldenbestätigung aus Singapur laut Prüfern am 11. April 2019 eingegangen, trug aber das Datum vom 12. April 2019. Das Datum sei außerdem in deutscher Schreibweise vermerkt, obwohl der Treuhänder in Singapur saß und das Logo des Treuhänders nicht identisch mit dem Logo gewesen sei, das auf anderen Dokumenten zu sehen war, listet Wambach auf.

EY sagt auf Anfrage, man könne sich derzeit zu dem nicht-öffentlichen Bericht nicht äußern, werde aber alles sorgfältig prüfen, sobald dieser vorliege.

Über dieses Thema berichtete Plusminus im Ersten am 11. November 2020 um 21:45 Uhr.

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KOMMENTARE

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RussenVakzin 20.05.2021 • 21:15 Uhr

@ Bender Rodriguez

Wie viele Milliarden haben wir den Banken hinterher tragen müssen? Viele. Aber das waren Kredite. Wieviel der Lufthansa? Auch viele, aber ebenfalls Kredite. Als Aktionär ist man Besitzer des Ladens. Wer haftet, wenn nicht der Besitzer? Was meinen Sie mit haftet? Wenn der Aktienkurs bei Null ist, ist das Geld futsch. Mit mehr kann ein Aktionär nicht haften als mit dem Gegenwert seiner Aktien.