Wirecard-Schriftzug auf dem Firmengebäude in Aschheim | dpa
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Wirecard-Skandal Eine halbe Milliarde Euro veruntreut?

Stand: 09.01.2021 08:02 Uhr

Der ehemalige Wirecard-Finanzvorstand Marsalek soll mit Komplizen gut eine halbe Milliarde Euro veruntreut haben. Das geht aus dem Haftbefehl gegen ihn hervor.

Von Lena Kampf, WDR, und Reiko Pinkert, NDR

Der 40-jährige Österreicher Jan Marsalek befindet sich seit Juni 2020 auf der Flucht. Allein zwischen 2018 und 2020 soll er mit weiteren Personen 505 Millionen Euro aus dem Unternehmen beiseitegeschafft haben. Das geht nach Informationen von WDR, NDR, "Süddeutscher Zeitung" und dem österreichischen Nachrichtenmagazin "Profil" aus dem europäischen Haftbefehl vor, mit dem nach Marsalek gefahndet wird.

15 verschiedene Straftatbestände

Die Staatsanwaltschaft München I wirft dem früheren Wirecard-Manager vor, von 2015 bis 2020 mindestens 15 Straftaten begangen zu haben. Vier Fälle von Bilanzfälschung und Manipulation des Aktienkurses von Wirecard; mindestens fünf Fälle der besonders schwerwiegenden Veruntreuung von Wirecard-Vermögen; mindestens sechs Fälle des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs.

Die Höchstdauer der Freiheitsstrafen, die Marsalek im Falle seiner Festnahme zu erwarten habe, wird im Haftbefehl wie folgt angegeben: einmal fünf Jahre, und gleich vier Mal jeweils zehn Jahre.

Eine eingeschworene "Bande"

Der Haftbefehl vom 1. Oktober 2020 zeigt, wie Marsalek und seine engsten Vertrauten bei Wirecard das eigene Unternehmen systematisch über Jahre hinweg ausgeplündert haben sollen. Mit Hilfe von Krediten für Partnerfirmen in Asien, die es gar nicht gegeben habe. Marsalek hatte bei Wirecard sein eigenes Reich geschaffen, aus Sicht der Ermittler eine sogenannte Bande aus etwa zehn Mitarbeitern, die eine verschworene Gemeinschaft gebildet haben sollen.

Den Kern der Bande sollen nach Erkenntnissen der Ermittler der Vertreter von Wirecard in Dubai gebildet haben, der als bisher einziger Kronzeuge Marsalek schwer belastet; außerdem ein Finanzmanager aus der Konzernzentrale, ein IT-Spezialist, und ein früherer Vertreter von Wirecard in Asien. Sie sollen unter der Regie von Marsalek systematisch Umsätze fingiert und Kontoauszüge, Protokolle und anderes mehr gefälscht haben.

Wusste der Konzernchef Bescheid?

Dies alles soll laut Ermittlern mit Kenntnis und mit Billigung von Markus Braun, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Wirecard passiert sein. Braun sitzt in Untersuchungshaft und bestreitet die Vorwürfe gegen ihn. Er will davon nichts gewusst haben.

Hinzu kommen mehrere Beschäftigte von Wirecard, die sich mit eigenen Firmen in Asien angeblich selbständig gemacht hatten. Firmen, die hohe Kredite von Wirecard bekamen und geholfen haben sollen, Geschäfte zu erfinden. Vier Kredite und Sicherheiten für solche Firmen über insgesamt 505 Millionen Euro sind im Haftbefehl gegen Marsalek aufgelistet.

Vorwurf: Selbstbereicherung über Umwege

Wie dreist Marsalek vorgegangen sein soll, verdeutlicht eine Begebenheit von Ende März 2020. Damals gewährte Wirecard einer Firma in Singapur einen weiteren Kredit über nunmehr 100 Millionen Euro. Diese gab nach Erkenntnissen der Ermittler einen Teil des Geldes an eine Firma in Litauen weiter.

Diese Firma wiederum soll 35 Millionen Euro an eine Holding überwiesen haben, die den Betrag ihrerseits an Marsalek weitergereicht haben soll. Marsalek seinerseits soll das Geld genutzt haben, um einen Privatkredit, den ihm Wirecard-Vorstandschef Markus Braun gewährt hatte, größtenteils zu begleichen.

Betrügerische Tätigkeiten bis zuletzt?

Die Ermittlungen legen damit nahe, dass Marsalek sich kurz vor der Enthüllung der mutmaßlichen Scheingeschäfte bei Wirecard und vor der anschließenden Insolvenz des Finanzkonzerns noch viel Geld aus der Unternehmenskasse gesichert hat. Im Haftbefehl gegen Marsalek sind diese 35 Millionen Euro erwähnt, unter der Rubrik: "für eigene Zwecke des Beschuldigten". Marsaleks Anwälte äußern sich nicht zu dem Haftbefehl und zu den Vorwürfen gegen ihren Mandanten. Marsalek selbst ist und bleibt verschwunden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. Januar 2021 um 09:50 Uhr.