Ölförderanlage von Wintershall Dea in Emlichheim | AP

Wintershall Dea Kein Abschied von russischen Projekten

Stand: 28.04.2022 12:55 Uhr

Der Öl- und Gasförderer Wintershall Dea hält trotz des Krieges in der Ukraine an seinen Beteiligungen in Russland fest. Allerdings werde es keine neuen Projekte geben, hieß es heute vom Konzern.

Von Michael Immel, HR

Selten haben die frischen Quartalszahlen von Wintershall Dea so viel Beachtung gefunden wie heute. Aber der Milliardenverlust des Öl- und Gaskonzerns geriet in der eineinhalbstündigen Online-Pressekonferenz fast schon in den Hintergrund. Denn im Fokus stand vor allem eine Frage: Wie geht es weiter mit dem Russland-Geschäft? Und so erläuterte Unternehmenschef Mario Mehren an der einen oder anderen Stelle auch Grundsätzliches: Wintershall Dea sei Produzent, kein Händler. Das werde in der Öffentlichkeit leicht verwechselt. "Wir importieren nicht Gas aus Russland, daher sind wir auch nicht von Sanktionen betroffen", stellte Mehren klar. Darum kümmere sich nämlich der russische Partner Gazprom. In Sibirien fördern Wintershall Dea und Gazprom mit einem Gemeinschaftsunternehmen Gas.

Michael Immel

Beteiligungen gehen weiter

Mehren zeigt sich verständnisvoll, dass dieser Tage immer wieder Forderungen aufkommen, alle bestehenden Projekte und Aktivitäten in Russland sofort zu stoppen. "Für Kohle wurde das bereits von der EU entschieden. Für Öl wird derzeit darüber diskutiert", sagte er. Kohle- und Öllieferanten ließen sich aber leichter global wechseln, da der Transport vorwiegend mit Schiffen und Tankern über die Weltmeere erfolge. "Auch Gasimporte aus Russland lassen sich substituieren. Aber eben nicht schnell. Darauf hat die deutsche Regierung wiederholt hingewiesen", so der Unternehmenschef.

Und damit sei klar gewesen, wie sich Wintershall Dea in den kommenden Monaten verhalte: "Wir haben nach intensiver Diskussion im Vorstand entschieden, die Beteiligung an unseren bestehenden Projekten in Russland aufrechtzuerhalten. Bei einem Rückzug würden Milliardenwerte an den russischen Staat fallen", sagte der Unternehmenschef.

Anlage von Wintershall Dea im niedersächsischen Emlichheim | EPA
Wintershall Dea

Wintershall Dea ist 2019 aus der Fusion der Wintershall Holding GmbH und der Dea AG hervorgegangen. Das Unternehmen mit Sitz in Kassel und Hamburg beschäftigt weltweit knapp 2500 Mitarbeiter. BASF hält gut 70 Prozent an Wintershall Dea. Der Rest gehört LetterOne, einer Beteiligungsgesellschaft, in der der russische Oligarch Michail Fridman seine Dea-Anteile gebündelt hat.

Kein "Weiter so" mit Russland

Dennoch stellte Mehren auch klar: Mit dem Angriffskrieg habe Russland eine rote Linie deutlich überschritten. Dieser Krieg stelle für Wintershall Dea einen "fundamentalen Wendepunkt" dar. Die Ansage lautet also: Ein einfaches "Weiter so" mit Russland werde es nicht geben.

"Es gibt allerdings grundsätzliche Realitäten, die wir nicht ignorieren können. Deutschland und Europa brauchen eine sichere und bezahlbare Energieversorgung. Dieser Bedarf wird bleiben", sagte Mehren. Deutschland sei eine große Industrienation, auf Energieimporte zwingend angewiesen - und das auch künftig. "Auch im Zeitalter erneuerbarer Energien. Wir brauchen viel mehr Energie, als wir selbst in Deutschland erzeugen können."

Mehr Gas aus Norwegen und Algerien

Nur, woher soll diese Energie in Zukunft kommen? Immer weniger aus Russland: Wintershall Dea halte sich zwar an Vertragsverpflichtungen mit russischen Partnern; Zahlungen nach Russland seien aber eingestellt, und neue Projekte werde es auch nicht geben. Das gelte genauso für Kooperationen mit russischen Partnern außerhalb Russlands.

Der Energieproduzent ändert also seine Strategie. Erste Projekte wurden heute vorgestellt. Dabei rückt das Unternehmen Norwegen, Algerien und auch Deutschland stärker in den Fokus. Derzeit sei Winterhall Dea an drei neuen großen Projekten in Norwegen beteiligt: Nova, Njord und Dvalin. "Unser erklärtes Ziel: Wir wollen die Förderung bereits Ende dieses Jahres in Betrieb nehmen", erläuterte Mehren.

Auch Algerien, heute drittgrößter Exporteur von Gas nach Europa, werde für sein Unternehmen eine wichtigere Rolle einnehmen. Dort laufen derzeit Verhandlungen über weitere Wachstumsmöglichkeiten. Und selbst in Deutschland prüft das Unternehmen, wo und wie die "heimische Förderung" von Gas stabil gehalten werden könne. Konkreter wurde Mehren nicht. Ob auch eine Erweiterung geplant sei, ließ der Unternehmenschef offen.

Der Blick auf die Bilanzzahlen untermauert den Strategiewechsel: Im ersten Quartal musste der Konzern Abschreibungen auf sein Russland-Geschäft in Höhe von 1,5 Milliarden Euro vornehmen. Unterm Strich stand somit ein Nettoverlust von einer Milliarde Euro. Für die roten Zahlen im ersten Quartal sorgten insbesondere die Abschreibung der Finanzierung der umstrittenen Gaspipeline Nord Stream 2 und Wertberichtigungen auf russlandbezogene Vermögenswerte des Unternehmens.

Über dieses Thema berichtete hr-nfo am 28. April 2022 um 11:00 Uhr.