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Analyse

Nach Aufsichtsratssitzung Kehrt bei VW jetzt Ruhe ein?

Stand: 09.12.2021 19:42 Uhr

Diess bleibt Chef, der Vorstand wird umgebaut, die Investitionen sind beschlossen und der Standort Wolfsburg gestärkt: Viele Fragen bei VW scheinen geklärt. Ist die chaotische Phase nun vorbei?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Der "Tag der Entscheidung" bei Volkswagen ist vorüber. Nach der heutigen mit Spannung erwarteten Aufsichsratssitzung sind einige Streitpunkte gelöst. Die Konzernspitze demonstriert Einigkeit. Doch wie lange hält der Frieden? Und wie gut ist der Autobauer aufgestellt auf dem Weg zur Elektromobilität?

Machtverlust für Diess

Normalerweise gilt die Sitzung des Aufsichtsrats zur Planung der Investitionen für die nächsten fünf Jahre als Routine. Dieses Jahr war das jedoch anders. Nicht abgesprochene Planspiele von Konzernchef Herbert Diess, in den kommenden Jahren bis zu 35.000 Jobs im VW-Stammwerk in Wolfsburg abzubauen, seine Klagen über die Kritik an den Überlegungen und seine Lobeshymne auf den US-Konkurrenten Tesla hatten beim Autobauer Ende September eine Führungskrise ausgelöst. Der einflussreiche Betriebsrat hatte Diess daraufhin Vertrauensbruch vorgeworfen und die weitere Zusammenarbeit infrage gestellt.

Nachdem sich in den vergangenen Wochen ein Vermittlungsausschuss mehrmals traf, um Lösungen zu suchen, die den reformfreudigen Manager im Amt halten und gleichzeitig die Wogen im Zoff mit der Arbeitnehmerbank glätten, beschloss der Aufsichtsrat heute einen Kompromiss. Diess soll Mitte 2022 die Leitung des wichtigen und zuletzt schwächelnden China-Geschäfts abgeben, behält aber entgegen der Aussagen von Insidern die Verantwortung für die Volumenmarken und wird oberster Chef der Software-Tochter Cariad. "Ich fühle mich durch die Berufungen und die Organisation deutlich gestärkt", sagte Diess heute auf der Pressekonferenz.

Frank Schwope, Automobilexperte bei der NordLB, sieht das etwas anders. "Tatsache ist: Er muss die Verantwortung für das China-Geschäft abgeben. Das ist mit rund 40 Prozent der verkauften Autos das wichtigste im gesamten Konzern", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de. Das sei schon eine Beschneidung seiner Zuständigkeiten. "Einerseits ist es bei solch einem riesigen Tanker richtig, dass sich ein CEO auf die strategischen Themen beschränkt", erklärt auch Jürgen Pieper, Auto-Analyst beim Frankfurter Bankhaus Metzler. Andererseits sei der Vorstandsumbau auch ein Machtverlust und das Ende einer "One-Man Show". "Herr Diess wird damit leben müssen, dass es mindestens zwei oder drei andere starke Figuren im Konzern gibt."

Brandstätter als "Kronprinz"?

Übernehmen wird den chinesischen Markt Ralf Brandstätter. Der bisherige VW-Markenchef soll das schwächelnde Geschäft dort wieder in Ordnung bringen, nachdem der Absatz in den ersten zehn Monaten 2021 um acht Prozent abgesackt war. Darüber hinaus rückt Brandstätter schon ab Januar in den Vorstand auf und erhält bis August das neue Ressort "Volkswagen Pkw".

"Wenn das gut läuft, befindet er sich in der Rolle eines Kronprinzen", meint Schwope, der als Automobil-Dozent an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Hannover lehrt. Normalerweise komme ein neuer Vorstandsvorsitzender bei VW aus dem Konzern. Sollte Brandstätter seine neue Rolle gut ausfüllen, bringe er sich in eine starke Position. Denn er sei ein Eigengewächs, kenne den Konzern sowie die Befindlichkeiten des Betriebsrats und trete nicht in so viele Fettnäpfchen wie Diess. Brandstätter arbeitet bereits seit 1993 in verschiedenen Positionen für die Wolfsburger.

VW-Markenchef Ralf Brandstätter

VW-Markenchef Ralf Brandstätter: Ist er der "Kronprinz"?

Auch laut Pieper zählt der 53-Jährige mittlerweile zum erweiterten Favoritenkreis. "Die Rolle eines Kronprinzen müsste er sich allerdings erst einmal verdienen", so der Experte gegenüber tagesschau.de. Dass ein Newcomer im Vorstand direkt als möglicher Nachfolger gilt, sei unwahrscheinlich. Etwa Oliver Blume als Porsche-Chef sei nach wie vor ein größerer Favorit auf den eines Tages frei werdenden Posten des Vorstandsvorsitzenden. Dennoch wachse der Einfluss von Brandstätter, da er mit der Marke VW und dem China-Geschäft für bedeutende Teile des Konzerns verantwortlich sei.

Machtkampf beendet?

Neu in das Spitzengremium ziehen zum 1. Februar auch Hauke Stars als Vorständin für das neu geschaffene Ressort für IT und Organisation und die Audi-Managerin Hildegard Wortmann für den Vertrieb ein. Damit steigt die Zahl der Mitglieder auf elf. Chefjustiziar Manfred Döss übernimmt das Ressort für Integrität und Recht von der scheidenden Vorständin Hiltrud Werner. Personalvorstand Gunnar Kilian erhält einen neuen Vertrag. Als Nachfolger Brandstätters soll im August außerdem Thomas Schäfer, zurzeit Chef der tschechischen Marke Skoda, in den Konzernvorstand aufrücken.

VW begründete die Personalien damit, dass der Vorstand für die nächste Phase der Umstellung auf E-Autos personell verstärkt werden müsse. "Ich hatte Sorge, dass wir den Wandel nicht konsequent genug vorantreiben", ergänzte Diess. Doch diese Phase sei überwunden, und er sei zuversichtlich, dass VW jetzt wieder Ruhe ausstrahlen und der Kapitalmarkt das Zutrauen zu Europas größtem Autobauer wiederfinde. Betriebsratschefin Daniela Cavallo sprach nach den Beschlüssen im Aufsichtsrat von einem guten Tag für Volkswagen. "Ich habe kein Interesse, dass wir solche Kritik in der Öffentlichkeit lesen", sagte sie. Das verunsichere die Belegschaft.

"Der Kompromiss und die klaren Veränderungen werden vorübergehend für Ruhe sorgen", sagt Schwope. Aber: Konflikte zwischen Vorstand und Betriebsrat würden in Wolfsburg dazugehören. So etwas werde es immer wieder geben. "Beim nächsten harten Konflikt könnte es eng werden für Diess als CEO." Schon in der Vergangenheit habe er häufiger provoziert, allerdings auch um den Konzern voranzubringen. "Es ist häufig eine Wellenbewegung zu sehen bei VW. Erfahrungsgemäß wird es jetzt nach der lauteren Phase erst einmal ruhiger", so auch Pieper. Es habe höchstwahrscheinlich einen Machtkampf gegeben, der jetzt aber vorerst entschieden sei.

Investitionen sollen Transformation beschleunigen

Der Aufsichtsrat segnete heute neben den Änderungen im Vorstand ein knapp 160 Milliarden Euro schweres Budget für die kommenden fünf Jahre ab, mit dem Diess den Umbau von Volkswagen zu einem Technologieanbieter nach dem Vorbild des US-Elektroautobauers Tesla beschleunigen kann. In dem Investitionsplan für die Jahre 2022 bis 2026 machen Zukunftsinvestitionen, in erster Linie für Elektromobilität und Digitalisierung, mit 89 Milliarden Euro erstmals den größten Anteil der Gesamtinvestitionen von 159 Milliarden Euro aus. Volkswagen peilt an, dass im Jahr 2026 jedes vierte verkaufte Fahrzeug einen batterie-elektrischen Antrieb hat.

"Ich hatte große Sorgen um unsere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den neuen Wettbewerbern", betonte Diess. Mit der neuen Dynamik und innovativen Konzepten sei er nun sehr viel zuversichtlicher, im Markt zu bestehen. Schon jetzt stehe Volkswagen gar nicht so schlecht da, meint Schwope. Klarer Weltmarktführer in der Elektromobilität sei Tesla. Mit vermutlich 400.000 bis 500.000 verkauften Elektroautos in diesem Jahr sei VW aber nicht weit entfernt. "Die Transformation funktioniert, man spielt vorne mit."

Analyst Pieper sieht allerdings noch Verbesserungspotenzial: "Ich glaube, dass der ID.3 und der ID.4 zu schnell an den Markt gekommen sind. Man wollte unbedingt möglichst schnell was auf die Räder stellen und hat die Qualität dabei zu sehr vernachlässigt." Im operativen Bereich müsse das Unternehmen professioneller und besser werden.

Die Investitionspläne seien aber eine zentrale Botschaft, dass VW keinen Millimeter nachgebe. "89 Milliarden in fünf Jahren kann und will kein anderer mobilisieren." Außerdem sei die Qualität der deutschen Ingenieure und Facharbeiter entscheidend. Die Kombination aus den beiden Aspekten werde sicherlich eine Menge an Modellen und Innovationen mit sich bringen. "Der Kurs Elektromobilität wird mit Vollgas weitergefahren", sagt Pieper.

Standort Wolfsburg gestärkt

Ein Streitpunkt bei VW war zuletzt auch der Standort Wolfsburg. Angesichts des nicht ausgelasteten Stammwerks infolge der Chipkrise forderte der Betriebsrat dort einen schnelleren Weg in die Produktion von Elektroautos. Nun stimmte der Aufsichtsrat die Planung einer separaten Fabrik für das künftige Elektro-Kernmodell Trinity ab 2026 zu. Des Weiteren soll der erste Vertreter der aktuellen E-Reihe, der ID.3 aus Zwickau, auch in Wolfsburg hergestellt werden - zunächst mit einer Teile-Zulieferung, ab 2024 in Vollfertigung.

NordLB-Experte Schwope hält das für einen naheliegenden Schritt. "Natürlich kann man in einer Konzernzentrale nicht nur noch Autos mit veralteten Verbrennungsmotor produzieren." Auch die Symbolik, das Stammwerk nicht zu schwächen, sei damit verbunden, ergänzt Pieper. Wolfsburg sei nun einmal ein Politikum.

Ob mit der heutigen Aufsichtsratssitzung die unruhigen Zeiten wirklich vorbei sind, ist offen. Auch nach der Vertragsverlängerung von Diess im Sommer hatten viele Beobachter einen dauerhaften Frieden erwartet. Die vergangenen Wochen zeigten das Gegenteil deutlich. "Musste so etwas sein wie in den vergangenen Wochen? Nein", betonte heute Aufsichtsratsvorsitzender Hans Dieter Pötsch. "Das war alles andere als toll für das Unternehmen." Doch Streit über den künftigen Weg gehöre dazu. Anlass zu Sorgen über VW gebe es nur, wenn man nichts mehr aus Wolfsburg höre. Man darf also gespannt sein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Dezember 2021 um 20:00 Uhr.