Android Automotive OS im Polestar 2 | picture alliance/dpa

Chance auf hohe Umsätze Das Rennen um die beste Auto-Software

Stand: 18.02.2022 12:35 Uhr

Für Autokonzerne wird Fahrzeug-Software immer wichtiger, es winkt ein Umsatzpotenzial in Milliardenhöhe. Neben Tesla ist die US-Technologieholding Alphabet mit ihren Töchtern Google und Waymo ganz vorne mit dabei.

Von Mark Ehren, tagesschau.de

Für die Autoindustrie wird die Softwareentwicklung immer mehr zu einem Teil des Kerngeschäfts. "Wir bauen Fähigkeiten auf, um in der Autosoftware autark zu werden", schrieb Herbert Diess, Vorstandschef des größten deutschen Autokonzerns Volkswagen, erst in dieser Woche auf der Online-Plattform Reddit. Die Wolfsburger planen neben Partnerschaften der Softwaretochter Cariad weitere Beteiligungen in der Branche.

Das Innovationstempo des Konzerns hatte sich in diesem Bereich zuletzt beschleunigt. Mit Bosch als Partner soll das automatisierte Fahren schneller weiterentwickelt werden. Ziel ist es, mit einer gemeinsamen Software-Plattform Standards zu setzen und diese auch für zahlende Konkurrenten attraktiv zu machen. Zudem übernahm Volkswagen vor kurzem Hella Aglaia, die Kamerasoftware-Sparte des Autozulieferers Hella, um damit den Bereich Bildverarbeitung und die Entwicklung von automatisierten Fahrfunktionen auszubauen.

Die Auswertung von Kamerabildern gilt neben der radarbasierten Lidar-Technologie und dem Einsatz von Ultraschall als grundlegende Technologie bei der Weiterentwicklung des automatisierten Fahrens. Neben dem Tesla-Konzern, der schon seit Jahren immer wieder den angeblich bevorstehenden Start des autonomen Fahrens auf der höchsten Stufe 5 ankündigt, gelten insbesondere die Google-Schwester Waymo oder der israelische Spezialist Mobileye als führend in dieser Teildisziplin der Auto-Software. Mobileye ist eine Tochter des US-Chipkonzerns Intel und kooperiert in diesem Bereich unter anderem mit BMW.

Mit Level 5 ist ein autonomer Modus mit Vollautomatisierung gemeint. Das bedeutet, das System steuert das Fahrzeug vollständig. Es gebe keine Fahrer mehr, sondern nur noch Passagiere, heißt es dazu beim ADAC.

Auch Mercedes ist weit vorne

Von den deutschen Herstellern hatte zuletzt Mercedes-Benz bei diesem Thema auf sich aufmerksam gemacht. Die Stuttgarter haben Ende vergangenen Jahres als erster Autohersteller weltweit die Genehmigung erhalten, Fahrzeuge zu verkaufen, die autonom nach "Level 3" fahren, also im so genannten "automatisierten Modus". Dabei muss der Fahrer nicht mehr permanent das Fahrzeug überwachen.

Doch bei der Software-Weiterentwicklung geht es bei weitem nicht nur um die Fähigkeit des autonomen Fahrens. Auch bei grundlegenden Fahrzeugfunktionen wie der Mobilkommunikation, Fahrzeugnavigation, der Musikwiedergabe und auch der Steuerung der Klimatisierung liefern sich die klassischen Autohersteller und eigentlich branchenfremde Anbieter wie die Alphabet-Tochter Google längst einen Wettlauf.

Android Automotive OS wird immer wichtiger

Der ursprünglich als Suchmaschinenbetreiber gestartete Alphabet-Konzern verbuchte dabei für sein Fahrzeugbetriebssystem Android Automotive OS bereits einige Erfolge. Als erstes Fahrzeugmodell hat das Elektroauto Polestar 2 der Volvo-Schwestermarke Polestar die Software serienmäßig installiert. Auch bei Modellen von Volvo, Renault und Fahrzeugen der drei Marken von General Motors (Cadillac, Chevrolet, GMC) soll die Software zum Einsatz kommen.

Die Google-Software zeichnet sich wie das Betriebssystem von Tesla durch die Fähigkeit aus, Updates "Over The Air" (OTA) durchzuführen, also mit Hilfe von Mobilfunk oder WLAN. Mittlerweile verfügen auch einige Modelle der deutschen Hersteller Audi, BMW, Mercedes und VW über diese Art von Produktaktualisierungen. Dennoch bieten bis heute nicht alle Neuwagen diese Funktion, stattdessen müssen viele Fahrzeuge bei Problemen mit der Software oder für Updates in die Werkstatt.

Was praktisch erscheint, kann aber auch zu Problemen führen: Eine Aktualisierung der Fahrzeugsoftware muss nicht zwangsläufig eine Verbesserung für die Autobesitzer bedeuten. Nach einem Update im Jahr 2019 warfen Tesla-Fahrer dem US-Konzern vor, die Reichweite von bestimmten Modellen verringert zu haben. Außerdem hatten sich die Ladezeiten verlängert, ohne dass die Kunden davon vorher wussten. Tesla begründete dies mit einem besseren Schutz der Batterie und einer verlängerten Lebensdauer des Akkus.

Hardware kann erweitert werden

Doch der Ausbau des Softwaregeschäfts ermöglicht nicht nur neue Möglichkeiten von Programmen. Auch auf die Hardwareausstattung von Fahrzeugen kann sich die Software auswirken. Immer mehr Hersteller wollen sogenannte "Functions on Demand" (Funktionen auf Abruf) ermöglichen.

Dazu gehört die Freischaltung von Matrixfunktionen von LED-Scheinwerfern, Fernlicht- und Park-Assistenten, Sitzheizungen, Tempomaten mit Abstandsregelung, zusätzliche Navigationsfunktionen oder sogar einen besonders sportlichen Sound des Motors, die bei Bedarf gekauft oder auch nur für einen bestimmten Zeitraum gemietet werden können. Ist die Mietzeit vorüber, werden die zusätzlichen Hardwarefunktionen einfach wieder aus der Ferne "Over The Air" deaktiviert.

Gewaltige Umsätze erwartet

Wie groß Hersteller das Umsatzpotenzial einschätzen zeigt das Beispiel Stellantis. Bis zum Jahr 2026 will die Opel-Mutter mit Marken wie Chrysler, Citroen, Fiat und Peugeot rund vier Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz mit softwaregetriebenen Diensten pro Jahr erzielen. Zu Beginn des kommenden Jahrzehnts sollen es jährlich bereits 20 Milliarden Euro sein.

Um das zu erreichen, will der multinationale Konzern viel Geld in die Hand nehmen. Bis zum Jahr 2025 plant Stellantis, mehr als 30 Milliarden Euro in Elektromobilität und Software zu investieren. Partner sind neben BMW und dem taiwanesischen Elektronikkonzern und Auftragsfertiger Foxconn einmal mehr die Alphabet-Tochter Waymo.

Waymo betreibt bereits heute eine kommerzielle selbstfahrende Taxiflotte von geschätzt mehreren hundert Fahrzeugen im Großraum Phoenix, Arizona. In San Francisco mit seiner herausfordernden Topographie läuft derzeit ein entsprechender Testbetrieb.

Über dieses Thema berichtete ARD Morgenmagazin am 11. Oktober 2021 um 07:44 Uhr.