Produktion des E-Modells ID.3 bei VW in Zwickau | dpa

Offensive gegen Tesla VW rüstet Stammwerk für E-Autos auf

Stand: 16.12.2020 12:19 Uhr

Nach überstandener Führungskrise will VW die nächste Herausforderung meistern und sich mit Tesla messen. Dafür soll das Wolfsburger Stammwerk für die Produktion eines neuen Elektro-Topmodells aufgerüstet werden.

Nachdem der Machtkampf um die Konzernführung beim Autobauer beendet ist, richtet VW-Chef Herbert Diess seine Blicke laut Insidern noch stärker als zuvor auf das Ringen mit dem Rivalen Tesla. Der Konzern treibt die Entwicklung und Produktion eines eigenen Elektromodells für den Stammsitz Wolfsburg nach dpa-Angaben deutlich früher voran als zunächst geplant.

Demnach soll das Stammwerk künftig mit der noch im Bau befindlichen Tesla-Fabrik mithalten können, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Teilnehmer einer Online-Managementveranstaltung. Das von der anlaufenden ID-Familie weitgehend unabhängige, zentrale "E-Volumenmodell" könnte ab etwa 2025 im Hauptwerk des Konzerns angesiedelt werden.

Volkswagen will dabei - ähnlich wie die Töchter Audi, Porsche und Bentley mit ihrem "Tesla-Fighter" für die Oberklasse in Hannover - Expertise zusammenziehen. Die Planungen gelten auch aus Sicht des Betriebsrats als wichtiges Projekt für die Heimatstandorte.

Halbierung der Produktionszeit

Ziel sei es außerdem, die Produktionszeit je Auto auf zehn Stunden zu reduzieren, was auch Tesla-Chef Elon Musk anstrebt. Das wäre weniger als halb so viel wie derzeit geschätzt für die Produktion eines Golf benötigt werden - und damit ein neuer Maßstab für die Automobilindustrie.

Zum Vergleich: Für das E-Auto ID.3, das im sächsischen Zwickau hergestellt wird, benötigt VW schätzungsweise 20 Stunden. "Damit können wir mit Tesla mithalten und werden bei den Produktionskosten sogar noch besser liegen", erklärte Diess nach Informationen des "Handelsblatts" auf der Online-Veranstaltung vor 15.000 VW-Managern.

Das VW-Modell ID3 | dpa

Der ID.3 wird nicht im Stammwerk, sondern in Zwickau gebaut. Bild: dpa

Das neue Auto soll bereits auf dem Nachfolge-Baukasten des aktuellen Systems MEB basieren und könnte eine Stückzahl von mindestens 300.000 pro Jahr erreichen, hieß es aus Unternehmenskreisen.

Im Zuge der Online-Veranstaltung soll Diess auch über Pläne für einen IT-Vorstand gesprochen haben. Eine Entscheidung sei für das kommende Jahr geplant.

Rückendeckung für die Neuausrichtung

Volkswagen steckt aktuell viele Milliarden Euro in eine Elektroauto-Offensive. Angepeilt wird eine Erhöhung des weltweiten Marktanteils um weitere 0,5 Prozentpunkte auf 8,6 Prozent. Allerdings hatte es bislang noch keine konkreten Pläne für ein bedeutendes Elektromodell für das Stammwerk in Wolfsburg gegeben.

Im Zuge der Beendigung des Machtkampfes um die Konzernführung gab es nun aber eine Zusage. Die geplante "Ausrichtung des Unternehmens auf Elektromobilität und Digitalisierung" habe die "uneingeschränkte Unterstützung" des Kontrollgremiums, hieß es am Montagabend bei einer Sondersitzung des Aufsichtsrats.

Im Gegenzug soll Diess auf eine vorzeitige Vertragsverlängerung bis 2025, auf die er laut Medienberichten gedrungen hatte, verzichtet haben. Als Ausgleich bekam er die volle Rückendeckung. "In den kommenden Jahren wird der Vorstand der Volkswagen AG die Strategie mit Herbert Diess an der Spitze umsetzen", schrieb der Aufsichtsrat in einer Erklärung.

Herbert Diess, VW-Chef

Der Machtkampf zwischen VW-Chef Diess und dem mächtigen Betriebsrat ist vorerst beigelegt.

Betriebsrat setzt sich durch

Die Pläne des VW-Chefs mit dem Angriff auf Marktführer Tesla und einem Investitionspaket von 35 Milliarden für die Entwicklung von Elektrofahrzeugen hatten in den vergangenen Monaten für heftige Konflikte im Konzern geführt.

Bei den Beratungen konnte sich nun offenbar Betriebsratschef Bernd Osterloh durchsetzen. Ursprünglich hatte das E-Modell für Wolfsburg erst im kommenden Herbst Thema sein sollen.

Das Vorziehen gilt als Zugeständnis an die Belegschaftsvertretung, die schon länger mehr Modelle für den Stammsitz fordert. Dieser war noch bei den bisherigen Plänen für einen mittelfristigen Komplettumbau in Richtung E-Mobilität wie in Zwickau, Emden oder Hannover leer ausgegangen.

Neuer Bebauungsplan für Tesla-Fabrik

Tesla ist der Pionier in der Elektrobranche. Ab dem kommendem Sommer will das Unternehmen aus Kalifornien auch in Deutschland Autos herstellen. In der Fabrik in Grünheide bei Berlin sind zunächst 500.000 Fahrzeuge pro Jahr mit rund 12.000 Mitarbeitern geplant.

Die Unterlagen für den Bebauungsplan reichen jedoch bereits weit in die Zukunft. Bis zu 40.000 Beschäftigte in einer möglichen vierten Ausbaustufe sind dort beschrieben.

Nun hat auch die Gemeinde die Weichen für bessere Verkehrsbedingungen gestellt. Die Vertreter beschlossen am Dienstagabend einen geänderten Bebauungsplan für das Industriegebiet Freienbrink Nord, wie die Vorsitzende der Gemeindevertretung, Pamela Eichmann, sagte. Der Plan beschreibt zum Beispiel den Ausbau von Verkehrsverbindungen wie eine neue Anschlussstelle an die Autobahn 10 oder eine neue Landesstraße. Bisher baut das Unternehmen über einzelne vorläufige Zulassungen.

Schon gerodete Waldfläche auf dem Gelände der künftigen Tesla-Fabrik in Grünheide. | dpa

Vorerst wurden Tesla in Grünheide weitere Rodungen untersagt. Bild: dpa

Roden vorerst untersagt

Die komplette umweltrechtliche Genehmigung des Landes steht allerdings noch aus. Wann diese kommt, ist bisher offen. Für die abschließende Genehmigung der Fabrik muss unter anderem die baurechtliche Zulässigkeit vorliegen. Darüber entscheidet laut Umweltministerium der Landkreis Oder-Spree.

In der vergangenen Woche hatte das Oberverwaltungsgericht (OVG) Berlin-Brandenburg weitere Rodungen von Tesla nach einer Beschwerde des Naturschutzbundes Nabu und des Umweltverbands Grüne Liga Brandenburg untersagt. Die endgültige Entscheidung des Gerichts steht bisher aus.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 27. November 2020 um 13:37 Uhr.