VW-Flaggen | AP

Lieferengpässe in der Industrie Chipmangel bremst VW-Produktion

Stand: 16.03.2021 15:45 Uhr

Wegen der weltweiten Chip-Knappheit kann Volkswagen viele Autos nicht bauen. Sein CO2-Ziel hat der Hersteller deutlicher verfehlt als angenommen. Doch die Corona-Krise steckt der Konzern überraschend gut weg.

Der anhaltende Chipmangel in der Autoindustrie hat deutliche Folgen für Europas größten Hersteller Volkswagen. Etwa 100.000 Fahrzeuge hätten im vergangenen Geschäftsjahr deswegen nicht gebaut werden können, sagte VW-Konzernchef Herbert Diess bei der virtuellen Bilanzpressekonferenz. Der Rückstand sei in diesem Jahr vermutlich nicht mehr aufzuholen.

Knappheit bis ins zweite Halbjahr

Der Vorstandsvorsitzende unterstrich, dass die Versorgung mit Halbleitern nach wie vor unübersichtlich sei, der Konzern werde vermutlich das ganze Jahr noch mit den Folgen zu kämpfen haben.

Der Chipmangel beschäftigt die Automobilbranche schon seit geraumer Zeit. Von der Chipindustrie gibt es noch immer keine Entwarnung. Vor wenigen Tagen hatte der japanische Hersteller Renesas mitgeteilt, dass noch länger mit einer weltweiten Knappheit zu rechnen sei. Die Situation könne sich bis ins zweite Halbjahr fortsetzen.

Marktbeobachter gehen davon aus, dass den Autobauern in diesem Jahr deshalb Erlöse im Umfang von 51 Milliarden Euro entgehen werden.

CO2-Flottenziele verfehlt

Anlässlich der Jahresbilanz veröffentlichte der Konzern auch Einzelheiten zum klimaschädlichen CO2-Ausstoß der gesamten Flotte. Demnach hat VW die Flottenziele knapp verfehlt. Insgesamt lagen die Emissionen neu verkaufter Autos 2020 zusammen mit den Werten einiger kleiner Hersteller im maßgeblichen "Pool" bei der EU Unternehmensangaben zufolge rund 0,8 Gramm je Kilometer über dem zulässigen Durchschnitt.

Beim sogenannten Pooling schließen sich Autohersteller, deren Modelle einen hohen CO2-Ausstoß haben, mit Unternehmen zu einem "Pool" zusammen, die weniger emittieren. Dadurch sinkt rechnerisch der Ausstoß des "Pools" - und die EU-Vorgaben können leichter eingehalten werden. Kritiker betrachten das als Schlupfloch.

Absolut betrachtet gelang VW im abgelaufenen Jahr hingegen deutliche Einsparungen beim CO2-Ausstoß, der um rund ein Fünftel sank. In diesem Jahr soll die Gesamtzielmarke aber erreicht werden, zumal der Konzern mehrere weitere Elektromodelle auf den Markt bringen will.

Kritik von Umweltschützern

Umweltschützer kritisieren allerdings die Berechnung der Werte selbst und monieren verschiedene Schlupflöcher. Greenpeace betonte, vor allem die doppelte Berücksichtigung besonders sauberer Modelle über sogenannte "Supercredits" oder die Möglichkeit des De-facto-Herausrechnens besonders schwerer Modelle führten seit langem dazu, dass die reale Klimabilanz weit schlechter ausfalle als nach außen hin dargestellt.

Davon profitiert laut Greenpeace aber nicht nur Volkswagen. Vor wenigen Tagen publizierten die Umweltschützer eine Studie zum Thema mit dem Ergebnis, dass alle drei großen deutschen Autobauer, BMW, Daimler und VW ihren CO2-Ausstoß der verkauften Autos seit 2006 viel zu wenig gesenkt hätten.

"Die Autoindustrie braucht dringend eine Antwort auf die Klimakrise, statt zu vertuschen, dass sie weiter ein großer Teil des Problems ist", kritisierte der Greenpeace-Verkehrsexperte Benjamin Stephan

"Theoretischer Beitrag zum Klimaschutz"

Der Verkehrsexperte des BUND, Jens Hilgenberg, sagte: "Mit dem Verkauf einer großen Zahl von Plug-in-Hybriden und ihren unrealistisch niedrigen, offiziellen Verbrauchswerten konnte auch der CO2-Flottengrenzwert der EU für 2020 trotz immer größerer, schwerer Autos fast erreicht werden." Das sei rein theoretischer Beitrag zum Klimaschutz, der sich auf Lücken in den Regelungen stütze und das Erreichen der Klimaziele konterkariere.

In der EU gelten seit 2020 verschärfte Vorgaben für den CO2-Ausstoß. Branchenweit sollte dieser, von Übergangsregelungen abgesehen, bei 95 Gramm pro gefahrenem Kilometer liegen. Jeder Autohersteller hat aber je nach Marktposition und Schwere der Modelle eigene individuelle Ziele.

Aktie kennt keine Corona-Krise

Die Geschäftszahlen von Volkswagen kamen dagegen gut an. Der Umsatz sank zwar im vergangenen Jahr um zwölf Prozent auf 223 Milliarden Euro, der Gewinn fiel von 14 Milliarden im Jahr 2019 auf 8,8 Milliarden. Allerdings hatten Marktbeobachter mit größeren Abstrichen gerechnet. "Das gute Abschneiden im Krisenjahr 2020 gibt uns Rückenwind für die Beschleunigung unserer Transformation", sagte Vorstandschef Diess.

Auch die Anleger setzen offenbar auf eine gute Zukunft des Autobauers. Schließlich ist die Kursentwicklung einer Aktie ein Zeichen für das Vertrauen der Investoren in die geschäftliche Entwicklung des Unternehmens.

Die Experten von Evercore ISI sehen Volkswagen bei Elektroantrieben sogar auf dem Weg zu einer dominierenden Marktstellung gemeinsam mit dem bisherigen Technologieführer Tesla. Erstmals seit 2015 kletterte die VW-Aktie heute wieder über die Marke von 200 Euro. In den vergangenen zwölf Monaten hat die Aktie mehr als 70 Prozent zugelegt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. März 2021 um 16:00 Uhr.