Das VW-Stammwerk in Wolfsburg | dpa

Volkswagen könnte Ausblick senken VW-Chef Diess: "Putin falsch eingeschätzt"

Stand: 15.03.2022 12:56 Uhr

Nach einem erfolgreichen Geschäftsjahr blickt Volkswagen weiter zuversichtlich in die Zukunft. Angesichts des Ukraine-Kriegs wackelt aber die Prognose.

Volkswagens Konzernchef Herbert Diess hat sich anlässlich des Kriegs in der Ukraine besorgt geäußert. Die Lage sei sehr unübersichtlich, er selbst habe Russlands Präsidenten "Putin falsch eingeschätzt" und nie mit einem Krieg in der Ukraine gerechnet.

Grundsätzlich unterstütze Volkswagen alle politischen Sanktionen, um Russland an den Verhandlungstisch zu bringen, sagte Diess im Gespräch mit Journalisten in Wolfsburg. Wenn das in letzter Konsequenz bedeute, sich aus Russland zurückzuziehen, könne auch dieser Schritt geboten sein.

Jahresprognose in Gefahr

Trotz der aktuellen Produktionsstopps und der vorläufigen Einstellung der Russland-Exporte blickt Volkswagen bisher weiter zuversichtlich nach vorn. Das Unternehmen habe seine Widerstandsfähigkeit in den vergangenen Jahren verbessert und werde auch diese Krise bewältigen, so Diess.

Sollte sich aber die Versorgung mit Bordnetzen, bei denen Volkswagen stark von Lieferungen aus der Ukraine abhängig ist, nicht binnen drei bis vier Wochen entspannen, müsste Volkswagen seinen Ausblick für das laufende Jahr überarbeiten, sagte der VW-Chef bei der Bilanzpräsentation zum abgelaufenen Geschäftsjahr. Bisher rechnet der Konzern für 2022 mit einem Wachstum zwischen acht und 13 Prozent. Dabei soll die bereits hohe Profitabilität gehalten werden.

Für den Autobauer ist der russische Markt mit zuletzt rund 200.000 verkauften Autos wirtschaftlich nur mäßig interessant. Allerdings lässt Volkswagen in Russland an zwei Standorten produzieren. Allein im Werk in Kaluga arbeiten rund 4000 Mitarbeiter. Wegen des Kriegs stehen beide Fabriken still.

Produktion wird vorübergehend verlagert

Aktuell leidet Volkswagen darunter, dass Kabelbäume aus der Ukraine kaum noch verfügbar sind. Die dortige Produktion laufe gerade noch zu 30 bis 40 Prozent, so der Konzernchef. Diese Fertigung wolle Volkswagen "aufrecht erhalten, solange es geht". Wegen der fehlenden Kabelstränge stehen mehrere deutsche Fabriken still, darunter auch das Stammwerk in Wolfsburg. Diess rechnet damit, dass die deutschen Standorte "früher oder später" wieder anlaufen. Konkretere Aussagen wollte der VW-Chef heute nicht machen.

Angesichts der Engpässe priorisiere Volkswagen vorübergehend die Produktion in den USA und China, erklärte Diess. Es handele sich um ein Volumen von 50.000 bis 100.000 Fahrzeugen. Sobald sich der Konflikt mit Russland entspanne, werde man Produktion wieder zurückholen.

Höhere Preise und besserer Modellmix

Ökonomisch betrachtet war Volkswagen zuletzt trotz anhaltender Produktionsengpässe in einer komfortablen Lage. "Der Konzern hätte 2021 deutlich mehr Fahrzeuge verkaufen können, konnte die hohe Nachfrage aufgrund der Halbleiterknappheit aber nicht bedienen", erklärte VW. Dafür konnte der Autobauer aber höhere Preise durchsetzen. Bei einem Absatzrückgang um sechs Prozent stieg der Umsatz im vergangenen Jahr um zwölf Prozent auf 250 Milliarden Euro. Auch dank geringerer Fixkosten und der Konzentration auf gewinnträchtige Modelle verdoppelte sich das Betriebsergebnis auf 19,3 Milliarden Euro.

Weltweite Fortschritte

In Europa zahle sich die Elektroauto-Offensive inzwischen aus, teilte Volkswagen mit. Ein wichtiger Ertragsfaktor waren auch die Sanierungserfolge auf dem amerikanischen Kontinent. In Südamerika, wo der Autobauer jahrelang auf keinen grünen Zweig gekommen war und viel Geld verlor, sei die Ertragswende gelungen. Auch in Nordamerika - das heißt den USA, Kanada und Mexiko - sei die Hauptmarke Volkswagen nach einigen Jahren wieder in die Gewinnzone zurückgekehrt. VW-Chef Diess betonte auf der Bilanzpressekonferenz, dass in diesem Jahr ein wesentlicher Fokus auf dem noch schwachen US-Geschäft liege.

Auch auf seinem größten Markt in China sei der Konzern nach wie vor profitabel und mit einem Marktanteil von 16 Prozent in einer starken Position. Das Betriebsergebnis der Joint-Venture-Gesellschaften in China schrumpfte allerdings um 17 Prozent auf 3,0 Milliarden Euro.

Porsche bleibt profitabelste Marke

Der geschäftliche Aufschwung des Konzerns steht auf einem breiten Fundament. Die Nutzfahrzeugholding Traton meldete heute einen Anstieg des operativen Ergebnisses ohne Sondereffekte von 135 Millionen Euro auf 1,6 Milliarden Euro. Audi, der größte Gewinnbringer des Konzerns, verdoppelte das operative Ergebnis auf 5,5 Milliarden Euro.

Der Sportwagenbauer Porsche baute seine Position als profitabelste Marke des Konzerns aus. Im vergangenen Jahr legte das Betriebsergebnis vor Sondereinflüssen um knapp ein Viertel auf fünf Milliarden Euro zu. Volkswagen prüft weiterhin, im vierten Quartal einen Minderheitenanteil von Porsche an die Börse zu bringen. Mit einem Erlös von schätzungsweise 20 Milliarden Euro wäre es der größte Börsengang der Geschichte in Deutschland. Die Tochter Porsche AG ist nicht zu verwechseln mit der börsennotierten VW-Muttergesellschaft Porsche SE.

Mit Informationen von Hilke Janssen, NDR.

Über dieses Thema berichteten BR24 am 03. März 2022 um 09:15 Uhr und Deutschlandfunk Kultur am 14. März 2022 um 19:05 Uhr.