Herbert Diess | AP
Analyse

Diess' Strategie bei VW Das Schreckgespenst von Wolfsburg

Stand: 15.10.2021 16:30 Uhr

VW-Chef Diess wirft in einer Aufsichtsratssitzung überraschend den Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen in die Runde. Kurze Zeit später rudert er zurück, aber die Zahl steht im Raum. Die Unsicherheit in Wolfsburg wächst.

Von Hilke Janssen, NDR

Ein Abbau von Zehntausenden Arbeitsplätzen bei Volkswagen könnte drohen? Entsprechende Meldungen am Rande der VW-Aufsichtsratssitzung sorgten in dieser Woche für Aufsehen. Das klingt bedrohlich, ist allerdings unrealistisch. Selbst der oberste Konzernboss kann beim Autobauer nicht beliebig viele Stellen streichen. Zum einen gilt zumindest für die deutschen VW-Standorte eine Beschäftigungsgarantie bis 2029. Zum anderen hat der Vorstand in Wolfsburg mächtige Gegenspieler: Der Betriebsrat und das Land Niedersachsen regieren über den Aufsichtsrat mit. Beide sehen keine Notwendigkeit, Stellen abzubauen. Und beide würden sich im Aufsichtsrat entsprechend dagegenstemmen.

Aufschrecken, antreiben, Druck machen?

VW-Chef Herbert Diess weiß das natürlich genau. Sein Auftritt im Aufsichtsrat dürfte aber dennoch exakt kalkuliert gewesen sein. Das Ziel: aufschrecken, antreiben, Druck machen. Denn Diess spürt den Atem des größten Konkurrenten Tesla im Nacken. Rund 200 Kilometer Luftlinie von Wolfsburg entfernt plant Elon Musk den Bau eines Elektroauto-Werks. Die Fabrik in Grünheide, so sieht es Diess, werde wohl Maßstäbe setzen in Sachen Produktivität. Tesla kann seine Wagen mit weniger Menschen produzieren. Im Vergleich zur geplanten Tesla-Fabrik wäre das VW-Werk in Wolfsburg zu teuer, zu unproduktiv, zu träge.

Ein "typischer Diess"

Den Teufel eines massiven Arbeitsplatzabbaus an die Wand zu malen, ist typisch Diess. Der Manager, der den VW-Konzern seit 2018 führt, gilt als rastlos und ungeduldig - und als wenig diplomatisch. Immer wieder fällt Diess mit wenig schmeichelhaften Bemerkungen über sein eigenes Unternehmen auf. Öffentlich lästerte der Vorstandschef bereits über "verkrustete Strukturen" im traditionsreichen Stammwerk in Wolfsburg.  Zuletzt sprach er der eigenen Stammbelegschaft sogar den "Lebenswillen" ab.

Die Zahl steht im Raum

In einer Zeit von akutem Chipmangel und Kurzarbeit dürfte die Debatte über den Wegfall von Stellen bei Volkswagen für maximale Unsicherheit sorgen. Auch wenn der Konzernchef zuletzt öffentlich beteuerte, dass er "nicht den Abbau von Arbeitsplätzen im Kopf" habe, hat Diess mit der Zahl 30.000 eine Marke gesetzt. Offiziell heißt es aus der Konzernzentrale, dass es "keine konkreten Szenarien" gebe. Gleichzeitig formuliert die Pressestelle: "Die Debatte ist jetzt angestoßen". Der Konzernbetriebsrat hat betont gelassen reagiert: Ein Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen sei - so wörtlich "absurd". Die Kampflinien in Wolfsburg sind also abgesteckt.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 13. Oktober 2021 um 12:41 Uhr.