Ugur Sahin (r) und Özlem Türeci | dpa

BioNTech-Gründer Ugur Sahin "Wir lieben das, was wir tun"

Stand: 19.03.2021 17:01 Uhr

Die BioNTech-Gründer Türeci und Sahin haben mit ihrem Impfstoff einen entscheidenen Baustein im Kampf gegen Corona geliefert. Mutanten des Virus müsse man immer im Auge behalten, warnt Sahin im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Herr Professor Sahin, Sie und Ihre Frau bekommen das Bundesverdienstkreuz für die Entwicklung Ihres Corona-Impfstoffes. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Ugur Sahin: Es ist eine wundervolle Würdigung, eine Ehrung, und ich bin natürlich glücklich, dass Kollegen und Unterstützer unsere Arbeit entsprechend würdigen. Es ist aber auch wichtig zu sehen, dass das natürlich eine Würdigung der Arbeit unserer Mitarbeiter, unseres Teams ist, das in den letzten 14 Monaten Enormes geleistet hat. Und am Ende ist es auch eine Würdigung der Wissenschaft, denn hier hat die gesamte Wissenschaft mit beigetragen, dass wir in so kurzer Zeit einen Impfstoff entwickeln konnten.

tagesschau.de: Aber es ist natürlich auch eine Würdigung für Ihre Frau und Sie, die das gemeinsam ja alles angestoßen haben!

Sahin: Ja, wir haben in den vergangenen 20 Jahren sehr viel Zeit investiert in unsere Forschung. Wir waren ja unterwegs und möchten Krebsmedikamente entwickeln und haben uns bei diesem Projekt (Entwicklung eines Corona-Impfstoffes, Anm. d. Red.) nur engagiert, weil wir gesehen haben, dass wir helfen können und die Pflicht gefühlt haben zu helfen. Und entsprechend ist das natürlich auch schön zu sehen, dass das gewürdigt wird.

"Müssen uns jede Mutation genau anschauen"

tagesschau.de: Derzeit stecken sich auch in Deutschland immer mehr Menschen mit mutierten Coronaviren an. Wie gefährlich sind die Corona-Mutationen?

Sahin: Bei den Mutationen ist es wichtig, dass man zwei Dinge unterscheidet. Ob der Erreger durch die Mutation einen schlimmeren Krankheitsverlauf induziert, oder zum Beispiel schneller mehr Menschen infizieren kann. Das ist zum Beispiel bei der UK-Variante, bei der britischen Variante, der Fall. Dementsprechend ist es umso wichtiger, dass man, bis man entsprechend geimpft ist, Schutzmaßnahmen hat. Die andere Fragestellung bei Mutationen ist, ist der Impfstoff nochmal wirksam? Wir wissen zum Beispiel bei der UK-Variante aus Daten aus Israel, dass das der Fall ist. Das heißt, unser Impfstoff ist in der Lage, diese neue Variante genauso zu hemmen, wie sie die ursprüngliche Variante gehemmt hat.

Aber wir müssen uns natürlich jedes Virus mit einer neuen Mutation genau anschauen. Wir führen da ständig Laboruntersuchungen durch und versuchen, unsere Daten aus den Impfkampagnen immer wieder zu aktualisieren, um zu überprüfen, ob unser Impfstoff wirksam ist. Und falls wir feststellen sollten, dass unser Impfstoff eine reduzierte Aktivität hat, hätten wir die Möglichkeit, den Impfstoff entsprechend anzupassen. Das geht mit der mRNA-Technologie sehr einfach und könnte innerhalb von wenigen Monaten umgesetzt werden.

BioNTech-Chef Ugur Sahin | REUTERS
Zur Person

Ugur Sahin hat 2008 gemeinsam mit seiner Frau Özlem Türeci das Unternehmen BioNTech in Mainz gegründet. Im vergangenen Jahr ist es ihnen gelungen, gemeinsam mit dem amerikanischen Pharma-Unternehmen Pfizer einen Corona-Impfstoff auf den Markt zu bringen. Sahin wurde 1965 in der Türkei geboren, vier Jahre später zog er mit seiner Mutter zum Vater nach Deutschland, einem Arbeiter in den Kölner Ford-Werken.

Voll auf die Forschung fokussiert

tagesschau.de: Sie wurden in der Türkei geboren, auch die Familie ihrer Frau stammt von dort. Kann Ihre Erfolgsgeschichte auch anderen Menschen mit Migrationshintergrund Mut machen?

Sahin: Ich glaube, dass wir als Migrationskinder es geschafft haben, einen wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten. Das ist ein Beispiel dafür, dass jeder einen Beitrag leisten kann. Das ist, glaube ich, das Wichtige daran - nicht nur für Menschen mit Migrationshintergrund, sondern für uns alle -, dass wir alle einen Beitrag für die Gesellschaft, für die Menschen machen können.

Und das ist glaube ich ein sehr positives Zeichen, dass wir jetzt schon in der zweiten Generation hier Beispiele haben. Das zeigt nicht nur unser Beispiel, sondern wir haben Mitarbeiter aus über 60 verschiedenen Nationen, die an unseren Projekten mitarbeiten und jetzt auch gerade an diesem Projekt mitgearbeitet haben und dementsprechend ist die Leistung, die wir erbracht haben, letztendlich auch eine Menschheitsleistung von Menschen, die aus verschiedensten Regionen dieses Planeten kommen.

tagesschau.de: Sie haben jetzt das Bundesverdienstkreuz bekommen, wurden schon vielfach geehrt. Wie schafft man es da, dass man nicht abhebt?

Sahin: Unser Focus ist wirklich die Wissenschaft, das ist das, was uns Spaß macht, und wir würden am liebsten jede Minute im Labor beziehungsweise mit wissenschaftlichen Daten verbringen. Und entsprechend ist es das, was uns das Licht von innen scheinen lässt. Wir brauchen quasi kein Scheinwerferlicht, sondern wir lieben das, was wir tun, und wir fokussieren uns auf das, was uns wirklich wichtig ist, nämlich eine Vision, durch die Entwicklung von Medikamenten Menschen helfen zu können, und da gibt es noch viel zu tun.

Das Interview führte Georg Link (SWR), Bearbeitung: Sandra Biegger (SWR)

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. März 2021 um 15:49 Uhr.