Das Logo der Twitter-App leuchtet auf dem Bildschirm eines Smartphones. | AP

15 Jahre Twitter Vom Ortungsdienst zum Sprachrohr

Stand: 21.03.2021 11:09 Uhr

Vor genau 15 Jahren ging der erste Tweet online: So gründete der Außenseiter Jack Dorsey zufällig eine Plattform, die heute aus der öffentlichen Diskussion kaum noch wegzudenken ist.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Am 21. März 2006 um 21:50 Uhr schrieb Chef-Programmierer Jack Dorsey die ersten 25 Zeichen auf dem damals neuen Kurznachrichtendienst Twitter. "Just setting up my twttr" ("Ich richte gerade mein twttr ein") lautete der legendäre und von Fans gefeierte Tweet, der den Grundstein einer Erfolgsgeschichte legte.

Mittlerweile ist das Unternehmen über 50 Milliarden Dollar Wert und gilt als mächtigstes Medium der Welt. Politiker, Prominente, Unternehmer oder Journalisten nutzen es als Sprachrohr. Rund 192 Millionen Nutzer sind täglich aktiv. Die Umsatzzahlen sind im Vergleich zu Facebook allerdings eher mau. Um mehr Geld zu verdienen und Twitter über das gewohnte Kurznachrichtenformat zu heben, hat Konzernchef Dorsey nun eine Evolution im Sinn.

Als Außenseiter gestartet

Jack Dorsey ist einer der Mitbegründer von Twitter und der heutige Chef. Bereits von 2006 bis 2009 hatte er den Job übernommen, war aber dann als Chairman ohne operative Aufgaben in den Hintergrund gerückt und gründete den Bezahldienst Square. 2015 kehrte er an die Spitze des sozialen Mediums zurück und leitet seitdem beide Unternehmen.

Twitter-Chef Dorsey in einer Videoschalte während einer Senatsanhörung im November 2020 | REUTERS

Bild: REUTERS

In seiner Heimatstadt hätten ihm das wohl die wenigsten zugetraut. Dorsey wuchs in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri auf und galt als Außenseiter. In seiner Kindheit litt er unter Sprachstörungen und blieb am liebsten allein. Auch als Jugendlicher soll er eher wortkarg gewesen sein, hatte kuriose Hobbys wie Botanisches Zeichnen und schrieb düstere Gedichte, die er ins Internet stellte.

Gleichzeitig wird er als Techniknerd beschrieben. Als sein Vater einen Funkempfänger für Schiffe kaufte, programmierte der junge Jack den Apparat um, sodass er heimlich den Funk von Polizei und Krankenwagen abhören könnte. Dieses System mit klaren Regeln und prägnanten Ortsangaben soll ihm so gefallen haben, dass er Gerüchten zufolge auf die Idee von Twitter kam.

Dorsey erfüllte seinen Traum

Zunächst war Erfolg für Dorsey allerdings ein Fremdwort. Mehrere Male schmiss er das College hin, auch Ausbildungen zum Modedesigner oder Masseur brach er ab. Er trieb sich in der Punk-Szene herum und schlug sich mit kleineren Jobs als Programmierer, Model und Babysitter durch.

Schließlich landete er beim Podcast-Startup Odeo. Als sich herausstellte, dass das Geschäftsmodell nicht funktionierte, suchten die Chefs Ideen und Dorsey kramte seine alten Pläne wieder heraus: kurze Statusmeldungen als eine Art SMS im Internet.

Wie beim Polizeifunk träumte er von einem Ortungsdienst, den die Menschen zur eigenen Standortbestimmung nutzen können. "Bin im Park" oder "liege im Bett" sollen seinerzeit Beispiele gewesen sein. Dass sich die User auch unterhalten und Neuigkeiten teilen könnten, fiel dem Einzelgänger nicht ein. Diese Ideen hatten andere.

Dorsey versteigert ersten Tweet

Über die Anfangsjahre von "Twttr", wie die Plattform damals noch hieß, gibt es unterschiedliche Versionen. In einigen wird Dorsey als Bösewicht beschrieben, der Kollegen und später seine Mitgründer Biz Stone - der seit 2017 wieder im Unternehmen tätig ist - und Evan Williams aus der Firma ekelte. Die anderen behaupten, er sei selbst fast Opfer von Intrigen geworden. Später kam heraus, dass auch Noah Glass maßgeblich an der Entwicklung von Twitter beteiligt war und sogar den Namen erfunden haben soll.

Fest steht: Dorseys Tweet ist die älteste Nachricht, die auf der Plattform verfügbar ist. Vor zwei Wochen bot er sie zum Verkauf an und versteigert seitdem eine digitale Kopie. Das Höchstgebot ist mittlerweile auf satte 2,5 Millionen Dollar geklettert.

Bereits zu Beginn zeigte die Erfolgskurve von Twitter steil nach oben. 2007 gewann die Firma den Southwest Web Award. Bei der Preisverleihung sagte Dorsey als Anspielung auf die Zeichenlänge eines Tweets: "Wir würden uns gern mit 140 Zeichen oder weniger bedanken. Was wir hiermit getan haben!" Seit einigen Jahren können die User auch mehr preisgeben, die Grenze wurde auf 280 Zeichen erhöht.

Vom Spielzeug zum Sprachrohr

Den endgültigen Durchbruch erreichte die Plattform 2009. Am 15. Januar musste ein Flugzeug der US Airways im Hudson River notlanden und ein Augenzeuge teilte die Bilder über Twitter. Aus einem Spielzeug für Internetfans wurde ein Nachrichtenmedium. Der Moment habe alles verändert, erzählte Dorsey. "Plötzlich ist die ganze Welt auf uns aufmerksam geworden, weil wir die Nachrichtenquelle waren. Aber tatsächlich waren es nicht wir, es war dieser Mann im Rettungsboot, der unseren Dienst nutzte. Und das war noch viel fantastischer."

Im Ende 2010 beginnenden "Arabischen Frühling" wurde Twitter zu einem wichtigen Instrument der Demonstranten. Im November 2013 ging Twitter Inc. an die Börse. Der Preis für eine Aktie betrug damals 26 Dollar. Heute liegt der Kurs bei etwa 66 Dollar.

Der Erfolg hat viel mit dem ehrgeizigen Dorsey zu tun. Mitbegründer Williams nannte ihn einst "Genie", das US-Magazin "Forbes" den "Mann mit den zwei Gehirnen". Nicht wenige Anhänger im Silicon Valley verglichen ihn schon mit dem Apple-Gründer Steve Jobs - seinem eigenen Vorbild.

Neue Strategie soll Twitter verändern

Medienberichten zufolge hat er seine lockere Art etwas verloren, aber er tritt immer noch nicht als klassischer Geschäftsmann auf. Meist trägt er Jeans und Kapuzenpullover ganz in schwarz. Zudem ist er ein disziplinierter Selbstoptimierer, der nur eine Mahlzeit am Tag isst, Eisbäder nimmt und täglich zwei Stunden meditiert.

Jeden Tag geht Dorsey nach eigenen Angaben zu Fuß zu seinen Konzernen. Vielleicht kam ihm auf einem seiner Spaziergänge auch die Idee zur aktuellen Twitter-Strategie.

Dazu gehören von alleine verschwindende Tweets mit dem Namen "Fleets", die "Spaces"-Talkrunden nach dem Muster des populären Startups Clubhouse und künftig sogar die Möglichkeit, sich Tweets von eigenen Algorithmen sortieren zu lassen. Zudem testet Twitter die Möglichkeit, zahlenden Abonnenten exklusive Inhalte oder Angebote verfügbar zu machen. Dorseys Vision: Twitter soll der Ort sein, an dem man erfährt, was gerade passiert und darüber redet.

Twitter weit hinter Facebook

Sein Geld verdient Twitter mit Werbung. Im Kern zahlen Kunden dafür, Tweets in die Timelines der Nutzer zu bringen. Nach einer langen Durststrecke ist Twitter mit dem Modell inzwischen in den schwarzen Zahlen angekommen. Die Corona-Pandemie, die US-Wahl und florierende Werbeeinnahmen haben Twitter jüngst Rekord-Einnahmen beschert. Im vierten Quartal stieg der Umsatz um 28 Prozent auf nie zuvor erreichte 1,29 Milliarden Dollar. Auch der Gewinn sprang auf 222 Millionen Dollar.

Im Vergleich zu Facebook hinkt Twitter allerdings hinterher. Dort sind pro Tag zwei Milliarden Nutzer unterwegs. Beim Konkurrenten lagen Umsatz und Gewinn in den letzten drei Monaten 2020 bei 28,1 und 11,2 Milliarden Dollar. Auch deshalb sind viele Investoren mit Dorseys Performance als Twitter-Chef nicht zufrieden. Der Aktienkurs entwickelte sich zuletzt ebenfalls eher schwach.

Dorsey unter Druck

Kritiker werfen Dorsey vor, bestimmte Innovationsthemen nur halbherzig angegangen zu sein. Die Videotochter Vine wurde vom Markt genommen. Mit einem ähnlichen Konzept hat stattdessen TikTok die Herzen vieler Social-Media-Fans erobert. Das Livestreaming-Angebot Periscope wird ebenfalls eingestellt, während das Liveprogramm auf Twitch, Youtube und Instagram immer beliebter wird.

Auch an anderen Stellen steht Twitter vor Herausforderungen. Die Debatten rund um den Umgang mit kontroversen Inhalten, Manipulation und Hass sind nicht unbedingt förderlich. Die Verbannung von Donald Trump nach seinen Tweets im Rahmen der Attacke auf das Kapitol könnte Twitter noch Kopfschmerzen bereiten, wenn die Republikaner die Kontrolle über den US-Kongress zurückgewinnen sollten. Zudem drosselte Russland jüngst den Dienst und droht mit einer Blockade.

Zum 15. Geburtstag ist Twitter aus der Medienwelt zwar nicht mehr wegzudenken, trotzdem bleibt auch einiges zu tun.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 20. März 2021 um 07:36 Uhr und 12:49 Uhr.