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Start der Tour de France Das Geschäft mit dem "Mythos Tour"

Stand: 01.07.2022 12:40 Uhr

Heute startet die Tour de France. Drei Wochen lang blickt die Welt auf den Radsport. Mit dem "Mythos Tour" lässt sich zwar viel verdienen - doch als Wirtschaftsfaktor bleibt sie weit hinter dem Fußball zurück.

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Jahr für Jahr erzählt das härteste Radrennen der Welt drei Wochen lang Geschichten über Sieg und Niederlage. Der Druck, unter dem die Fahrer stehen, ist immens: Ein schwacher Tag, ein unverschuldeter Sturz, ein taktischer Fehler in einer krisenhaften Situation - all das kann die harte Arbeit vieler Tage zunichte machen. Man spricht angesichts dieser Dramatik vom "Mythos Tour de France". Dieser Mythos ist Teil des Geschäftsmodells, er ist das Mittel, um das Produkt zu verkaufen.  

Für Ralph Denk, Gründer und Teammanager des deutschen Tour-Teams "BORA - hansgrohe", hat der "Mythos" mit der jahrzehntelangen Tradition zu tun: "Allein die Entstehungsgeschichte ist spannend: Eine Zeitung erfindet ein Radrennen, um die Auflage in die Höhe zu treiben", sagte er gegenüber tagesschau.de. Die erste Tour fand im Jahr 1903 statt, initiiert wurde sie von einer Sportzeitung, ausgerechnet mit dem Namen "L‘Auto". Daraus wurde eine fast 120 Jahre dauernde Erfolgsgeschichte, und die Geschäftsidee ist geblieben. Organisator der Tour ist seit 1947 die "Amaury Sport Organisation" (ASO). Sie gehört zum französischen Familienkonzern Amaury, der unter anderem auch die Sportzeitung "L’Equipe" herausgibt.

Maurice Garin, Gewinner der ersten Tour de France, 1903 | picture-alliance / /HIP

Maurice Garin, Gewinner der ersten Tour de France, 1903 Bild: picture-alliance / /HIP

Dramen über Sieger und Verlierer

Zeitungen brauchen Geschichten. Große und kleine Storys über die "Helden der Landstraße" produziert die Tour drei Wochen lang. Es gebe hunderte, alle haben ihren Charme, meint Denk. Es sind aufregende sportliche Duelle, die sich erzählen lassen, oft mit tragischem Ausgang.   

Unvergessen bleibt die Tour des Jahres 1989, die der zweifache französische Toursieger Laurent Fignon im Gelben Trikot des Führenden am Schlusstag in Paris beim Zeitfahren um acht Sekunden gegen den US-Konkurrenten Greg LeMond verlor. Le Mond, selbst Toursieger des Jahres 1986, feierte 1989 nach einem schweren Jagdunfall ein Comeback, mit Dutzenden Schrotkugeln in seinem Körper. Dramatische Geschichten wie diese über Sieger und Verlierer stehen am nächsten Tag in der "L’Equipe", werden im Fernsehen übertragen oder können über Onlinemedien verfolgt werden. 

1989: Laurent Fignon im Gelben Trikot auf dem Champs Elysees | picture alliance / dpa

Die letzten Meter von Laurent Fignon im Gelben Trikot auf dem Champs Elysees bei der Tour 1989. Bild: picture alliance / dpa

Aufmerksamkeit und Medienpräsenz

Selbst die Dopingskandale der vergangenen Jahre haben der Tour nicht geschadet: "Auf dem Höhepunkt des Interesses vor einigen Jahren gab es durch das Bekanntwerden praktisch flächendeckenden Dopings erstmal einen Abwärtsknick. Aber gerade Sportfans vergessen schnell und die Faszination des Sports hat sich dadurch ja nicht geändert, also steigt auch das Interesse wieder", meint Professor Sebastian Uhrich vom Institut für Sportökonomie und Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule in Köln im Gespräch mit tagesschau.de. Letztlich würden Skandale auch einen Teil der Faszination ausmachen.  

"Die Produkte, die durch die Tour verkauft werden, sind Aufmerksamkeit und Medienpräsenz", erklärt der Sportökonom. "Es sind diese beiden Faktoren, die sie für werbetreibende Unternehmen so attraktiv machen." Bezogen auf die mediale Reichweite ist sie laut Denk das größte jährlich wiederkehrende Sportereignis des Jahres.    

Jan Ullrich liest die französische Sportzeitung "L'Equipe".  | picture-alliance / dpa

Jan Ullrich liest im Gelben Trikot die französische Sportzeitung "L'Equipe". Bild: picture-alliance / dpa

Die drei Säulen der Vermarktung

Wer wartet noch auf die Zeitung am nächsten Morgen? Trotzdem verdient die ASO mit den Geschichten der Tour ihr Geld. Die Vermarktung ruhe auf drei Säulen, erklärt Uhrich: "Das sind zum einen die Einnahmen durch die werbetreibende Wirtschaft und durch Sponsoren. Hinzu kommen die Übertragungsrechte, die an Medienunternehmen verkauft werden", so der Sportökonom. Das sei bei allen Sportveranstaltungen im Wesentlichen gleich. "Eine Besonderheit der Tour sind aber die Einnahmen, die durch die Zielorte generiert werden, denn um ein Etappenziel zu werden, müssen die Städte bezahlen."

Rund 60 Prozent der ASO-Einnahmen werden durch TV-Übertragungsrechte erzielt. Im vergangenen Jahr wurde das Rennen von 100 TV-Kanälen in 190 Länder übertragen, 60 Kanäle berichteten live. Weitere Einnahmen erhalten die Organisatoren durch Werbung und Sponsoren. Dieser Anteil am Umsatz beträgt Schätzungen zufolge 30 bis 40 Prozent. Den Rest tragen die Städte bei.

Fußball ist deutlich lukrativer

Transparente Zahlen über das, was die ASO mit der Tour jährlich erwirtschaftet, sind nicht zu erhalten. Die Schätzungen der vergangenen Jahre bewegen sich im Rahmen von 150 bis 200 Millionen Euro. Vermutlich ist es mittlerweile mehr. Verglichen mit dem Umsatz, den die Fifa in diesem Jahr durch die Fußball-WM in Katar machen dürfte, ist die Tour de France nur ein mittelgroßes Sportevent. Auch hier ist man auf Schätzungen angewiesen: In diesem Jahr dürften die Einnahmen der Fifa bei rund sieben Milliarden Dollar liegen. Im vergangenen Jahr 2021, also ohne Weltmeisterschaft, waren es noch 766 Millionen.

Internationale Fußball-Ligen sind für die Veranstalter ebenfalls deutlich lukrativer. So verkaufte die Premier League als reichste Liga der Welt die TV-Rechte für den Zeitraum 2022 bis 2025 für mehr als fünf Milliarden Euro. Wenn man den Vergleich zur Fußball-Bundesliga ziehe, die das ganze Jahr über vermarktet werden könne, sei es nachvollziehbar, warum dort die Summen, die durch TV-Rechte und Sponsoring erzielt würden, viel höher seien, so Uhrich. "Die Tour erzeugt kein so anhaltendes Interesse und ist deshalb auch als Produkt nicht ganz so interessant."

Die Tour dominiert die Ökonomie des Radsports

Gleichwohl ist das Radrennen für Sponsoren und die Profi-Teams ein profitables Geschäft: "Bei der medialen Reichweite erzielt sie, verglichen mit anderen Sportarten, gute Ergebnisse", erklärt der Teammanager Denk. Für die Teams ist die Tour deshalb das mit Abstand wichtigste Ereignis des Jahres. Sie dominiert den Radsport, deshalb will jeder Sponsor und jeder Fahrer am Start sein. Zwischen 60 und 70 Prozent des jährlichen Werbewerts erziele BORA-hansgrohe bei der Tour. Das hänge auch von den sportlichen Erfolgen ab, ergänzt der Teammanager. Wenn das Team oder ein Fahrer erfolgreich ist, können es auch über 80 Prozent werden.

"Das Geschäftsmodell des Radsports ist knüppelhart", sagt der ehemalige Radrennfahrer. Ein Radteam finanziere sich zu rund 90 Prozent durch Sponsorengelder. Das Merchandising, etwa über den Verkauf von Trikots, ist deutlich schwieriger als beim Fußball: Die Markenidentität sei nur temporär, erklärt der Manager.

Pressefotografen bei der Tour de France | picture alliance / Augenklick/Ro

Pressefotografen bei der Tour de France: Kein Moment geht verloren. Bild: picture alliance / Augenklick/Ro

"Noch Luft nach oben"

Das jährliche Budget eines Teams, das nicht nur aus Fahrern, sondern auch aus Logistik, Mechanikern und medizinischen Betreuern besteht, beträgt im Schnitt 18 Millionen Euro. Sein Budget verrät Denk nicht. Medienberichten zufolge soll der Etat des derzeit wohl teuersten britischen Radteams Ineos Grenadier bei über 50 Millionen Euro liegen. "Bei uns ist noch Luft nach oben", mehr möchte Denk dazu nicht sagen.   

Der deutliche Abstand bei den Summen, die beispielsweise im Fußball durch Sponsoren und TV-Rechte erzielt werden, wirkt sich auf die Gehälter aus. Im Schnitt verdienen Radprofis jährlich 350.000 Euro. Mit einem Gehalt, dass bei rund sechs Millionen Euro liegen soll, ist der zweifache Toursieger und Titelverteidiger Tadej Pogačar der bestbezahlte Profi. 

Tadej Pogacar im gelben Trikot auf der 20. Etappe der Tour de France | AP

Der Sieger 2020 und 2021, Tadej Pogacar, im Gelben Trikot Bild: AP

Das Gehalt bestimmt der Markt

Die spanische Tageszeitung "El Mundo" hatte 2021 veröffentlicht, was Lionel Messi in vier Spielzeiten beim FC Barcelona von 2017 bis 2021 verdient haben soll. Der Betrag liegt bei mehr als 550 Millionen Euro. Das dürfte genügen, um die Jahresetats der 22 an der Tour teilnehmenden Teams zu finanzieren. 

Auch ein Blick auf die Liste der Preisgelder zeigt: Es ist kaum der mögliche Reichtum, der die Fahrer nach Frankreich lockt, um sich den Strapazen des Rennens zu stellen. 2022 werden knapp 2,3 Millionen Euro ausgeschüttet, der Sieger erhält 500.000 Euro. Beim Tennisturnier in Wimbledon freuen sich die Teilnehmer über rund 46 Millionen Euro Preisgeld. Der Manager Denk sieht das sportlich: "Über das Gehalt entscheidet der Markt. In anderen Sportarten verdienen Sportler mehr, nicht weil sie bessere Sportler sind, sondern weil es sich im TV mehr Leute ansehen und mehr Merchandising verkauft wird."

Ralph Denk, Teammanager von bora-hansgrohe | picture alliance/dpa

Ralph Denk, Teammanager von BORA-hansgrohe Bild: picture alliance/dpa

"Die große Schleife"   

Denk wünscht sich für sein Team einen Platz auf dem Podium in Paris und einen Etappensieg; außerdem spannenden Sport und eine Tour, die erst auf den letzten Etappen entschieden wird. Das ist gut für die Zuschauer, die drei Wochen lang mitfiebern. Und es ist aus wirtschaftlicher Perspektive gut für Reichweite, Medienaufmerksamkeit und Medienpräsenz. Denn ein knapper und dramatischer Ausgang nährt und erneuert den Mythos Tour, sodass sich die Menschen noch Jahrzehnte später an das Rennen erinnern - wie an die Geschichte, als Laurent Fignon im Jahr 1989 die Tour nach 3285 km auf den letzten Metern der Champs- Élysées verlor.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Juli 2022 um 12:00 Uhr.