Tierärztin untersucht Katze | AP

Veterinärmedizin Investoren kaufen Tierkliniken auf

Stand: 17.09.2022 17:39 Uhr

Immer mehr Tierarztpraxen und Kliniken werden von großen Ketten übernommen, hinter denen die Konzerne Mars oder Nestlé stehen. Für Hunde- oder Katzenhalter hat das Folgen.

Von Sabine Göb, BR

Während viele Tierbesitzer gerade heftig über die Erhöhung der Tierarzthonorare im November debattieren, vollzieht sich im Hintergrund ein Wandel in der Tiermedizin, der weitaus größere Folgen für den Geldbeutel haben könnte. Die Lebensmittelriesen Mars und Nestlé kaufen in großem Stil Tierkliniken und Praxen auf. Über ihre Tochterfirmen beziehungsweise Beteiligungen Anicura und Evidensia versuchen sie, den Markt in Deutschland zu erobern.

Kosten bislang niedriger als anderswo

"Deutschland ist bei den Honoraren für Tierärzte noch entschieden billiger als der Rest Europas. Das ändert sich gerade und ist schmerzhaft für viele Tierbesitzer", sagt Ralph Rückert, Tierarzt aus Ulm, der sich in der Gesellschaft für Freie Tiermedizin (GFT) engagiert. Hierzulande sind die Kosten für Tierarztbesuche im Schnitt halb so hoch wie beispielsweise in Großbritannien. "Da ist Deutschland ein attraktiver Markt mit viel Potenzial nach oben", so Rückert. Das erklärt das Interesse der Investoren: Von den derzeit rund 250 Tierkliniken sind inzwischen mehr als 60 in der Hand von AniCura, Evidensia kommt nach Angaben des Bundeskartellamtes bereits auf 60 Praxen und Kliniken.

In Schweden wurde AniCura 2011 als erste Kette von der Investmentgesellschaft Fidelio Capital und der Stiftung des Stockholmer Tierkrankenhauses gegründet, 2012 folgte Evidensia als Zusammenschluss von vier schwedischen Tierkliniken. Beide expandierten schnell und wurden bald auch in anderen europäischen Ländern tätig. Inzwischen wurde Anicura von Mars übernommen, hinter Evidensia steht der Nestlé-Konzern zusammen mit Finanzinvestoren.

Es mangelt an Nachwuchs-Tierärzten

Dass sich die Ketten derart ausbreiten, liegt auch an einem hausgemachten Problem bei den Tierärzten. Rund 1200 Absolventen gehen jedes Jahr von den fünf tiermedizinischen Fakultäten ab, doch immer weniger von ihnen beantragen die Approbation. Gleichzeitig kommen immer mehr der rund 12.000 niedergelassenen Tierärzte ins Rentenalter und suchen Nachfolger. "Die jungen Tierärzte sind nicht mehr bereit, eine 60-Stunden-Woche als normal anzusehen wie meine Generation", so der 62-jährige Rückert. Findet ein Tierarzt keinen Nachfolger, steht oft schon die Kette in den Startlöchern - mit viel Geld im Hintergrund und attraktiven Konditionen zur Übernahme der Klinik oder Praxis.

Als Vertreter der Tierärztekammer sieht Peter Schieber aus dem mittelfränkischen Ottensoos diese Entwicklung hin zum Medizinkonzern differenziert. "Wir haben hier ein lachendes und ein weinendes Auge, denn die Gewinne, die in der Tiermedizin durchaus zu machen sind, werden damit von den Ketten abgeschöpft. Andererseits bieten die natürlich ihren Angestellten auch die Möglichkeit, beispielsweise Teilzeit zu arbeiten."

Teure Geräte müssen sich bezahlt machen

Dazu kommt, dass die medizinische Entwicklung rasant fortgeschritten ist und heute CT oder MRT zum Standard gehören - Geräte, die sich ein Einzelkämpfer in seiner Praxis vielleicht nicht gleich anschafft. Hier kommen die Ketten ins Spiel, die allein aufgrund ihrer Größe und Finanzkraft modernste Geräte und Therapiemöglichkeiten bieten. Einerseits ein Plus, meint Tierärztevertreter Schieber. Doch etliche Veterinäre sehen das sehr kritisch, denn diese Geräte müssen sich schließlich bezahlt machen.

Im Internet sind viele schlechte Bewertungen von Kliniken zu finden, die zu Ketten gehören. Von "Abzocke" oder "Behandlung am Fließband" ist die Rede. In einigen Regionen gibt es jedoch schon keine Alternativen mehr, Tierbesitzer müssen froh sein, überhaupt noch einen Veterinär mit Notdienst zu finden. "Monopole sind am Ende immer schlecht für die Verbraucher, in dem Fall Tierbesitzer", warnt Tierarzt Rückert.

"Rendite von fünf Prozent reicht denen"

Auch die Erfahrung der Tierärztekammer ist, dass die Gebührenordnung der Tierärzte (GOT) bei Klinikketten eher nach oben ausgelegt wird. Alle müssen sich an die GOT halten, aber dürfen "nach billigem Ermessen" den mehrfachen Satz verlangen oder auch freie Honorarvereinbarungen treffen. "Unsere Erfahrung ist, dass Klinikketten eher am oberen Rand der GOT abrechnen und der einzelne Tierarzt wegen Empathie zu Tier und Besitzer eher am unteren Rand," sagt Schieber.

Die neue GOT, nach der ab 22. November abgerechnet werden muss, sieht im Schnitt eine Erhöhung um rund 20 Prozent vor; einzelne Posten werden deutlich teurer, andere günstiger. Momentan empört die Erhöhung bei der Untersuchung einer Katze viele in den Sozialen Medien. Die Kosten steigen von 8,98 Euro auf 23,62 Euro, und diese Erhöhung um 170 Prozent sorgt für Aufregung. Die letzte Anpassung der GOT war 1999, seitdem haben die Kosten der Praxen einer Studie zufolge um 30 bis 40 Prozent zugenommen.

"Der Umsatz der Tierarztpraxen in Deutschland ist 2021 um zehn Prozent gestiegen", sagt Schieber. "Da schöpft ein Konzern wie Mars gern die Gewinne ab. Eine Rendite von fünf Prozent reicht denen, andere haben bei null Zinsen derzeit nichts."

Über dieses Thema berichtete RBB am 05. Januar 2022 um 14:40 Uhr.