Bunt tätowierte Arme | RBB

EU-Verbot für einige Farben Tätowierer bangen um ihre Existenz

Stand: 04.01.2022 15:30 Uhr

Mehr als jeder Fünfte in Deutschland ist tätowiert. Doch neue EU-Vorgaben verbieten nun den Einsatz bestimmter gängiger Tattoo-Farben - wegen deren Inhaltsstoffen. Nicht nur Tätowierer führt das zu großen Problemen.

Von David Klevenow, RBB

Nicht gerade klein soll es werden und schon in wenigen Stunden auf dem Oberarm seines Kunden verewigt sein. Tätowierer Nick Kater trifft in seinem Studio in Berlin-Kreuzberg letzte Vorbereitungen. Eine Ente auf stürmischer See wird er gleich stechen, umrahmt von einem alten Schiffsbullauge. Unter anderem in Gelb, Rot und Grün.

Dass Kater diese und andere Farben bald nicht mehr benutzen darf, verunsichert ihn. Tätowierer seien durch Corona ohnehin schon gebeutelt. "So was, das setzt jetzt natürlich nochmal die Kirsche aufs Sahnehäubchen", sagt er ironisch.

Potenzielle Langzeitschäden verhindern

Die EU hat die Chemikalienverordnung REACH angepasst. Demnach sind von heute an Tattoo-Farben mit bestimmten Konservierungs- oder Bindemitteln verboten. Die Begründung: Sie könnten allergische Reaktionen auslösen. Ab 2023 werden außerdem zwei Pigmente untersagt, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein. Blau 15:3 und Grün 7.

Viele Tätowierer in Deutschland sind fassungslos. Dass ihre Farben plötzlich gesundheitsgefährdend sein sollen, können sie nicht nachvollziehen. Auch Kater hält dagegen. Die Farben gebe es seit Dekaden, sie würden gut funktionieren. Nachgewiesene Fälle von Krebserkrankungen durch Tätowierungen gebe es keine. Zudem merkt Kater an: "Es macht überhaupt keinen Sinn, jetzt neue Farben auf den Markt zu bringen, die potenziell neue Gefahren bergen."

Das sieht das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin (BfR) ähnlich. Die Behörde hat an der neuen EU-Verordnung mitgearbeitet. Doch aufgrund mangelnder Studien und der spärlichen Datenlage sah sie das Verbot, insbesondere der beiden Pigmente Blau 15:3 und Grün 7, kritisch. Das BfR empfahl, zunächst die Datenlage zu verbessern. In einem Statement heißt es: "Weil die derzeit verfügbaren Daten nur auf eine vergleichsweise geringe Toxizität hindeuten, sieht das BfR darüber hinaus aktuell keinen weiteren akuten Handlungsbedarf."

Lieferengpässe befürchtet

Doch die EU will offenbar auf Nummer sicher gehen: Das Verbot tritt in Kraft. Nicht nur Tätowierer wie Kater stehen nun unter Druck. Auch die Hersteller von Tattoo-Farben fühlen sich überrumpelt. Viele haben noch keine neuen Farben, die künftig mit den EU-Richtlinien der REACH-Verordnung konform gehen.

Kann es überhaupt Farben geben, die den Normen entsprechen? Urban Slamal, der Vorsitzende des Bundesverbands Tattoo in Düsseldorf, bezweifelt das. Schließlich seien für die Pigmentforschung nicht die Hersteller der Tattoo-Farben, sondern die entsprechenden Pigmentproduzenten verantwortlich. "Für die ist die Tattoo-Branche einfach unattraktiv von den Abnahmemengen her. Die fallen für einen Großhersteller nicht ins Gewicht", befürchtet Slamal. Er sieht nur einen Ausweg: Die EU müsste die Verbote zumindest in Teilen überdenken. Konservierungs- oder Bindemittel wären nicht das Problem. Der Verlust der Pigmente Blau und Grün sei für die Tattoo-Branche jedoch desaströs.

"Am Ende nützt es nichts, wenn wir den Laden aufhaben dürfen, aber keine Farben haben", sagt Tätowierer Kater besorgt, während er die letzten Farben auf den Oberarm seines Kunden aufträgt. Der ist zufrieden. Bedenken wegen der möglicherweise gesundheitsgefährdenden Farben hat er nicht. 

Tätowierer zahlen drauf

Dennoch wird Kater seine bisher genutzten Farben entsorgen müssen. Auch Restbestände darf er seit heute nicht mehr verwenden. Eine Umstellung auf REACH-konforme Produkte wird für ihn und viele seiner Kollegen teuer: Eine Flasche Tattoo-Farbe kostet im Durchschnitt zwischen 20 und 30 Euro. Kater merkt an: "Ich bin nicht der Allerbunteste. Es gibt Leute, die haben Hunderte Farben. Dann kann das schon in die Zehntausende gehen."

Was auf Kater und seine Kollegen ab dem kommenden Jahr zukommen wird, kann er noch nicht abschätzen. "Es wird nerven", sagt er und lacht. Noch.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. Januar 2022 um 09:00 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

Avatar
Moderation 04.01.2022 • 22:00 Uhr

Schließung der Kommentarfunktion

Sehr geehrte User, die Kommentarfunktion für dieses Thema wird nun geschlossen. Danke für Ihre rege Diskussion. Mit freundlichen Grüßen Die Moderation