Stromzähler | dpa

Höchster Stand seit zwölf Jahren Strompreise steigen weiter

Stand: 06.07.2021 08:26 Uhr

Die Großhandelsbörse in Leipzig verzeichnet die höchsten Strompreise seit mehr als einem Jahrzehnt. Die Industrie fürchtet um ihre Wettbewerbsfähigkeit, aber auch Verbraucher könnten bald betroffen sein.

Mit 70 Euro pro Megawattstunde (1000 Kilowattstunden) haben die aktuellen Preise, zu denen Strom an der Großhandelsbörse in Leipzig zurzeit gehandelt wird, den höchsten Stand seit zwölf Jahren erreicht. Seit März 2020 entspricht dies sogar einer glatten Verdopplung binnen eineinhalb Jahren.

CO2-Zertifikate als Preistreiber

Die Gründe für den drastischen Anstieg der Preise, zu denen Unternehmen aktuelle Strommengen an der Börse handeln, sind vielfältig, wie Energieökonom Andreas Löschel von der Universität Münster erläutert. Der Großhandelspreis werde aktuell vor allem von zwei Entwicklungen getrieben: So sind die Zertifikate für den Ausstoß des Klimagases CO2 und die Brennstoffe teurer geworden. "Bei einem CO2-Preis von 50 Euro je Tonne steigen die Erzeugungskosten eines Gaskraftwerks um etwa zwei Cent pro Kilowattstunde, bei einem Steinkohlekraftwerk sind es etwa vier Cent und bei einem Braunkohlekraftwerk sogar fast sechs Cent", so Löschel.

Parallel seien zudem zuletzt auch die Gaspreise sehr stark gestiegen, dies verteuere die Stromproduktion zusätzlich. Auch der Atomausstieg macht sich laut Beobachtern des Strommarktes inzwischen bei den Großhandelspreisen bemerkbar. Die Abschaltung der Kernkraftwerke, die in diesem und im kommenden Jahr vorgesehen ist, verknappt den "günstigen" Atomstrom.

Industrie hat ein Beschaffungsproblem

Vertreter der Industrie sehen in weiter steigenden Großhandelspreisen eine potenzielle Gefahr für ihre Wettbewerbsfähigkeit. "Der Anstieg der Großhandelspreise für Strom ist für die Industrie eine riesige Belastung", warnte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Holger Lösch, gegenüber dpa. Mit diesem Preisniveau entferne sich der europäische Strommarkt mehr und mehr von den Industriestrompreisen konkurrierender Märkte.

Bestimmte energieintensive Unternehmen werden bei Steuern und Abgaben zwar entlastet. Industrieverbraucher beschaffen zu verschiedenen Zeitpunkten jeweils Teilmengen. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahres haben sie dabei von sehr niedrigen Börsenpreisen im Corona-Lockdown profitiert. Nun aber müssen weitere Mengen zu den stark gestiegenen Preisen eingekauft werden.

Ob und wie schnell die Großhandelspreise auch auf die Stromrechnung bei Verbrauchern durchschlagen, ist derzeit noch unklar. Große Stromversorger wie etwa e.on sehen darin noch keinen Grund für Preiserhöhungen. Energieeinkauf, Vertrieb und Service machten nur rund ein Viertel des Strompreises für die Haushalte aus, erläuterte ein Unternehmenssprecher. Eon kaufe zudem die benötigten Energiemengen langfristig ein. Deshalb hätten "kurzfristige Schwankungen - wie wir sie derzeit erleben - keinen unmittelbaren Einfluss auf unsere Strompreise".

Preiswelle für Verbraucher?

Das Stromvergleichsportal Verivox formuliert allerdings eine andere Erwartung. Dessen Energieexperte Thorsten Storck erwartet, "dass im Herbst eine weitere Welle von Strompreiserhöhungen auf die Haushalte zukommt". Würden die Stromversorger den Preisanstieg an der Börse direkt weitergeben, entspräche das einer Verbraucherpreissteigerung von rund 2,5 Prozent, rechnete er vor. Für einen Haushalt mit 4000 Kilowattstunden Jahresverbrauch wären das zusätzliche Kosten von rund 30 Euro brutto.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. Juli 2021 um 07:38 Uhr.