Logos von Netflix und Disney auf einer TV-Fernbedienung | picture alliance / ASSOCIATED PR

Nach dem Corona-Boom Streaming-Wachstum am Limit?

Stand: 04.04.2022 09:30 Uhr

Wie geht es weiter mit der Streaming-Markt nach dem Corona-Boom? Die Pandemie bescherte Netflix & Co starkes Wachstum: Jetzt geht es darum, die Abonnenten zu halten - aber die Konkurrenz wird immer größer.

Viele Bosse der Unterhaltungsbranche treffen sich heute an der Côte d'Azur. Auf der weltgrößten Fernsehmesse "MIP TV" in Cannes ist der Hunger nach attraktiven Filmen und Serien riesig. "Die Streaming-Dienste sind dazu gezwungen, möglichst schnell neue Inhalte, Trends und Ideen zu identifizieren und zu kaufen, um im harten Wettbewerb zu bestehen", sagt "MIP TV"-Chefin Lucy Smith der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Denn nur, wenn das Angebot attraktiv bleibt, wird Netflix und seinen Konkurrenten die zahlende Kundschaft erhalten bleiben. Eine große Herausforderung sei es, die Abonnenten zu halten und die Wachstumsraten weiter zu steigern. "Aber da nähern sie sich offenbar einer Grenze", so Smith.

Das Corona-Jahr 2020 brachte - auch wegen der Lockdowns - rekordverdächtige Zahlen mit sich. Netflix konnte nach eigenen Angaben 37 Millionen neue Abonnenten gewinnen, der Newcomer Disney+ erreichte laut seiner Bilanz innerhalb von nur 16 Monaten 100 Millionen Neukunden. Doch damit scheint jetzt der Höhepunkt des Streaming-Booms erreicht zu sein.

Streaming wieder rückläufig

Der aktuelle NPAW Video Streaming Industry Report beispielsweise belegt, dass der Video-on-Demand-Verbrauch bei den befragten Streaming-Anbietern 2021 im Vergleich zum Vorjahr durchschnittlich um neun Prozent zurückgegangen ist. Das Beratungsunternehmen Deloitte hatte im Dezember seine Prognose für 2022 veröffentlicht: Weltweit werden mehr als 150 Millionen Menschen ihr kostenpflichtiges Abo kündigen, mit einer globalen Abwanderungsrate von 30 Prozent.

Dabei haben sich die Nutzungszahlen etwa bei den Jugendlichen in Deutschland wegen Corona fast verdoppelt, wie eine aktuelle Studie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) und der Krankenkasse DAK zeigt. Demnach hat sich der Anteil der Intensiv-Nutzer sogar um bis zu 180 Prozent erhöht.

Gleichwohl wird das wirtschaftliche Umfeld für die Unternehmen schwieriger. Die Gründe: Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt und versuchen, sich gegenseitig das Publikum wegzunehmen. Und selbst bei der Masse an Konsumenten rechnen sich die hohen Investitionen in die teuren Produktionen immer noch nicht.

Netflix mit Schwierigkeiten

Im vergangenen Jahr hatte Netflix 221,8 Millionen Abonnenten und lag damit leicht unter dem eigenen Ziel. Für das gerade abgeschlossene erste Quartal 2022 rechnete das Unternehmen mit einem enttäuschenden Zuwachs von nur 2,5 Millionen Abonnenten.

Besser lief es hingegen beim Konkurrenten Disney, dessen Streamingdienst Disney+ mit weltweit rund 130 Millionen Abonnenten zwar deutlich kleiner ist als Netflix. Die Wachstumsstory ist aber zumindest bislang noch intakt: In den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres gewann der Konzern 11,7 Millionen Abonnenten im hart umkämpften Streaming-Markt hinzu. Der Umsatz aller Disney-Streamingplattformen, zu denen auch Hulu und ESPN+ gehören, stieg im Jahresvergleich um 34 Prozent.

Aber nicht nur wegen des möglichen Endes des Corona-Booms, auch angesichts der geopolitischen Lage und der immer weiter anziehenden Inflation stehen der Branche Schwierigkeiten bevor: "Wenn die Leute Probleme haben, sich Benzin und Lebensmittel zu leisten, wird es für sie schwer sein, einen weiteren Streaming-Dienst zu rechtfertigen", so die Einschätzung des unabhängigen Analysten Rob Enderle.

Harter Verdrängungswettbewerb

Auch für die Unternehmen steigen die Preise. Netflix etwa wird demnächst seinen bisher teuersten Film veröffentlichen: Die Auftragskiller-Geschichte "The Gray Man" mit Ryan Gosling und Chris Evans hat 200 Millionen Dollar gekostet. Es ist vorhersehbar, dass bei solch einem harten Verdrängungswettbewerb Anbieter auf der Strecke bleiben werden. Zumal sich bei dem immensen Ausstoß an hochwertigen Produktionen eine Frage stellt: Wer hat überhaupt noch die Zeit, sich das alles anzuschauen?

"Wie viel Investment können die Streamer verkraften, um die kostspieligen Produktionen zu finanzieren?", fragt Nico Hofmann. Aus Sicht des Ufa-Chefs ("Unsere Mütter Unsere Väter") hängt das auch davon ab, wo das Geld herkommt: "Bei Amazon sind das andere Quellen als etwa bei Netflix oder Disney+."