Logo des Streamingsdienstes Netflix | AFP

Netflix-Zahlen Schwere Zeiten für Streaming-Dienste

Stand: 22.04.2022 08:51 Uhr

Nach dem Absturz seiner Aktie will Netflix sein Geschäftsmodell überdenken. Und der Streaming-Dienst aus dem Silicon Valley ist nicht der einzige mit Schwierigkeiten.

Von Marcus Schuler, ARD Studio Los Angeles, zzt. San Francisco

Die große Schlagzeile der US-Medienbranche kam gestern nicht aus dem Silicon Valley, sondern aus Manhattan. Das erst vor drei Wochen als reiner Streaming-Sender konzipierte Angebot CNN+ stellt schon wieder seinen Betrieb ein.

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Nur magere 150.000 Abonnenten hatte CNN+ seit seinem Start gewinnen können. Der Dienst wollte Platz für längere Interviews bieten und mehr Hintergründe liefern. Während man im Mutterhaus Warner Brothers Discovery in Manhattan die Reißleine gezogen hat, stehen der unangefochtenen Nummer 1 im Abo-basierten Streaming-Geschäft im Silicon Valley die raueren Zeiten erst noch bevor.

Netflix rechnet in den kommenden drei Monaten damit, weitere zwei Millionen Kunden zu verlieren. Medien- und Tech-Reporter Dan Petterson bei CBS sagt: "Die Inflation nagt am frei verfügbaren Einkommen der Menschen. Viele können sich all die Dienste einfach nicht leisten."

Zu viele Anbieter auf dem Markt

Das Angebot der Streaming-Anbieter hier in den USA ist groß - zu groß. Hulu, Amazon, Apple, HBO Max, Peacock - um nur einige zu nennen - buhlen um das Medienbudget der Verbraucherinnen und Verbraucher. Und Netflix ist von allen Anbietern am teuersten. Umgerechnet knapp 20 Euro im Monat kostet das größte Abo-Paket. Vor allem in den USA und Kanada, so sagen Experten, hat Netflix mittlerweile seine Sättigungsgrenze erreicht. Der Dienst kommt dort auf gut 75 Millionen Abonnenten.

Die hohe Inflation sei das eine, das andere sei ein extrem harter Wettbewerb, sagt der Analyst Matthew Belloni bei CNBC. Um an die großen Filme, die 200-Millionen-Dollar-Produktion zu kommen, müsste das Geld vorgestreckt werden. Es fände quasi ein "Buy-Out" statt. "Dadurch zahlen die Streaming-Anbieter am Ende unter Umständen mehr als ein traditionelles Studio, wo erst am Ende, wenn der Film in die Kinos kommt, die Einnahmen aufgeteilt werden."

Kommen jetzt Werbepausen beim Streamen?

Netflix will jetzt gegensteuern und mit einem alten, selbst auferlegten Tabu brechen. Es will ein zusätzliches werbefinanziertes Abo-Modell anbieten, für das man weniger bezahlt, Serien und Filme aber dann durch Werbung unterbrochen werden. Analyst Belloni warnt allerdings: Netflix habe in den vergangenen zehn Jahren um seine Daten ein großes Geheimnis gemacht. Das Unternehmen wisse, was seine Zuschauer konsumieren, und produziert maßgeschneiderte Inhalte. "Es teilt Nutzerdaten aber nur, wenn es dem Angebot hilft. Wenn sie künftig auf Werbung setzen, müssen sie mit ihren Daten transparenter umgehen."

Um den Abo-Rückgang zu verkraften, will Netflix-Chef und Co-Gründer Reed Hastings jetzt auch gegen die Schwarzseher vorgehen, die das Passwort von Freunden nutzen. Hastings sagt dazu: "Es handelt sich hier um 100 Millionen Haushalte. Die mögen unseren Dienst. Wir müssen dafür nur irgendwie Geld bekommen."

Höhere Kosten für deutsche Kunden und Kundinnen

Auch bei den Abo-Preisen in Deutschland dürfte sich in den kommenden Wochen etwas ändern. Die Pakete dürften teurer werden - um vermutlich zwei bis drei Euro. Dann wären sie auf US-Niveau. Die meisten Medienexperten glauben, Netflix müsse zwar seinen Kurs nachjustieren. Mit seinen 221 Millionen Kunden in aller Welt ist es aber nach wie vor einsamer Spitzenreiter.

Zum Vergleich: Der schärfste Rivale Disney Plus kommt auf 129 Millionen Abonnenten. Das Mediengeschäft, so sagt Analyst Josh Brown, ist halt kein Zuckerschlecken. Es ist Hollywood, und da werde eben hart gekämpft.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. April 2022 um 07:41 Uhr.